Kunsttherapie, Menschenrechte und Bildung für Kinder aus den Familien der ermordeten und vermissten Frauen in Ciudad Juárez
(dt) Ein Projekt von „Nuestras Hujas de Regreso a Casa e.V. (NHRC)“ Wir sind eine Gruppe von Angehörigen der ermordeten und vermissten Frauen in Ciudad Juárez, die sich dafür einsetzt, Gerechtigkeit zu fordern und die seit den 90er Jahren andauernden Frauenmorde zu beenden. In gleicher Weise interessiert uns die Vermeidung von Entführungen, Gewalttaten und Morden an Frauen und wir haben deshalb Programme für Jugendliche und Kinder entwikkelt, die in Schulen über das Thema aufklären. Außerdem beginnen wir gerade mit der Übertragung unseres kommunalen Radios „RadioFem, das Schweigen brechen“ via Internet.
Eines unserer Ziele ist es auch, uns für die Wiederherstellung familiärer Rechte einzusetzen, denn nach der Ermordung einer Frau hat ihre Familie, und insbesondere die Söhne und Töchter der Opfer, kein Anrecht auf psychologische, medizinische oder anderweitige Beratung. Einige Kinder gehen aus Mangel an finanziellen Mitteln nicht mehr in die Schule, denn alle ermordeten Frauen waren Angestellte aus ärmeren Familien, die ihre Haushalte finanziell unterstützten. Zusätzlich handelt es sich bei 60 Prozent der Geburten in unserer Gesellschaft um alleinerziehende Mütter und in den wenigen Fällen, in denen es einen „Vater“ gibt oder gab, ist dieser abgehauen, gestorben oder wurde zum Alkoholiker. Diese bisher nicht beachteten familiären Tragödien haben oftmals noch größere gesellschaftliche Schwierigkeiten hervorgerufen und wir möchten verhindern, dass sich dieses soziale Problem in Zukunft weiter verschlimmert.
Deshalb, und in Anbetracht dessen, dass eine integrative Politik zur Betreuung von Kindern der Opfer bisher fehlt, möchten wir das Projekt: „Kunsttherapie, Menschrechte und Bildung für Kinder der Familien ermordeter und vermisster Frauen in Ciudad Juarez“ durchführen.
Das Projekt wird mit Kindern und Jugendlichen aus den Familien der ermordeten und vermissten Frauen aus Ciudad Juárez durchgeführt und umfasst drei Elemente, die mit der Wiederbelebung der sozialen Verantwortung in unserer Gemeinschaft zu tun haben:
Die emotionale Regeneration mittels der Kunst
Grundsätzlich geht es um die Vorbeugung verschiedener sozialer Schwierigkeiten, die aus der Nichtbeachtung dieser Kinder resultieren können, da sie durch die Ermordung einer Frau in ihrer Familie direkt betroffen sind. Es ist eine Art Therapie mittels der Kunst. Dafür brauchen wir Menschen, die mit diesen Kindern und Jugendlichen an Projekten im Bereich Theater, Kino, Musik, Gesang, Video, Zeichnen, Fotografie, Tanz, Malerei etc. arbeiten. Um dies umsetzen zu können, benötigen wir finanzielle Mittel, damit wir für mindestens ein Jahr Räume mieten können, in denen diese Workshops stattfinden können. Wir gehen davon aus, dass alle Projekte mit einem konkreten Resultat abschließen: einem Theaterstück, einem Tanzfestival, einer Ausstellung von Bildern, Entwürfen oder Fotografien etc., um sie der Gemeinde zu zeigen.
Bildung im Bereich der Menschenrechte
Es erscheint uns unerlässlich, eine neue Kultur anzuregen, die auf der Achtung der Menschenrechte basiert und dass die Kinder so erzogen werden, dass sie sich zu Vermittlern dieser Rechte entwickeln. Nur wenn wir unsere Rechte kennen, sind wir in der Lage, diese auch einzufordern und zu verteidigen. Wenn wir sie nicht kennen, können sie verletzt werden. Dieses Problem könnten wir durch Workshops lösen, in denen die Kindern alles über Menschenrechte lernen.
Bildung
Wir müssen die Verantwortung für diese Kinder und Jugendlichen übernehmen. Wenn wir dies nicht tun, lassen wir sie im Stich. Langfristig gesehen, kann dies negative Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben, denn ohne emotionale Regeneration, ohne die Kenntnis und Einforderung ihrer Rechte und ohne die Möglichkeit auf Bildung bleiben die Jugendlichen orientierungslos und sie werden nicht in der Lage sein, ihr Überleben selbstständig zu sichern. Wir schlagen vor, einen Stipendienfonds einzurichten oder den Staat zur Übernahme von Verantwortung anzuhalten, damit sie nicht ohne jede Chance auf Bildung bleiben.
Wandbildprojekt und Videodokumentation mit Kindern ermordeter und verschwundener Frauen in Ciudad Juárez, Mexiko Im Kontext des kunsttherapeutischen Projektes von NHRC wird eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Ökumenischen Büros im Oktober und November 2006 ein Wandbild- und Videoprojekt initiieren. Es soll ein Wandbildprojekt mit den Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum der Stadt entstehen, das an einer öffentlich sichtbaren, großen Außenwand in Ciudad Juárez in großem Format (mind. 70 m mal 100 m) mit bunten Wandfarben von den Kindern und Jugendlichen nach deren Ideen und Vorstellungen gestaltet wird. Der Prozeß wird mit einer Videokamera festgehalten. Damit sollen der Entstehungsprozess und der Kontext sowie biografische Hintergründe der TeilnehmerInnen, Erlebnisse, Eindrücke und Geschichten gesammelt und festgehalten werden. Die Bearbeitung und die inhaltliche Auswertung bleibt in den Händen der Gruppe, damit diese ihre eigene Geschichte erzählen kann. Unterstützt wird die Durchführung von einem Dokumentarfilmemacher aus Ciudad Juárez und von Mitgliedern der Gruppe „Kolektivo @rte Komunitario“ aus Mexiko- Stadt.
Beide Projekte entstehen nach der von Professor Sergio Valdéz (UAM México) entwickelten Methode des „Mural Comunitario Participativo – Pintar Obedeciendo“. Professor Valdéz ist auch hier in München nicht unbekannt – er hat bereits 2001 und 2003 zwei Wandbildprojekte mit dem Ökumenischen Büro durchgeführt. In seiner Arbeitsmethode legt er großen Wert darauf, daß sich die ausführende Gruppe selbst ausdrückt und eine eigene, ihrer Geschichte und den Inhalten gemäße Form der Artikulation findet, um damit auf künstlerischer sowie auf politischer und sozialer Ebene wirken zu können.
(dt)
„Kunsttherapie, Menschenrechte und Bildung für Kinder aus den Familien der
ermordeten und vermissten Frauen in Ciudad Juárez“
Erschienen in: Info-Blatt 68 des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006
Förderung durch das