Die Lizenz, die tötet
Eine salvadorianische Gemeinde im Widerstand gegen transnationale Bergbauunternehmen
(ah) Nach dem Inkrafttreten von CAFTA zum 1. März 2006 steht El Salvador nun kurz vor dem Abschluss eines weiteren Freihandelsabkommens mit Kanada. Über die hermetisch abgeschotteten Verhandlungen ist bisher kaum etwas an die Öffentlichkeit geraten – man weiß allerdings um das Interesse der transnationalen Konzerne an der Ausbeutung von Edelmetallvorkommen in der Region. Zur Erkundung der vorhandenen Vorkommen hat das Wirtschaftsministerium bereits 32 Lizenzen an transnationale Konzerne überwiegend kanadischer Herkunft vergeben. Doch die salvadorianische Regierung liefert den Konzernen nicht nur die natürlichen Ressourcen des Landes aus, sondern plant auch im Rahmen des Plan Puebla Panamá Megainfrastrukturprojekte wie die mehrspurige Schnellstrasse Longitudinal del Norte und Großprojekte, wie die Wasserkraftwerke El Cimarrón und El Chaparral. Diese werden den Bergbauunternehmen bei der Ausbeutung zu Gute kommen, aber verheerende Auswirkungen auf die dort lebende Bevölkerung haben. Unterdessen organisiert eine kleine Gemeinde in Chalatenango bislang erfolgreich den Widerstand gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.
Ein Interview mit José Lisandro Monge, geführt im März 2006 in San José Las Flores, Chalatenango.
Ihr organisiert den Widerstand gegen die Ausbeutung Eurer natürlichen Ressourcen durch ein kanadisches Bergbauunternehmen. Wie kam es dazu?
Das Bergbauunternehmen tauchte erstmals im September 2005 in San José Las Flores und in San Isidro Labrador auf. Wir wussten damals noch nicht, was Minenausbeutung für Folgen haben kann. Aber als wir Leute sahen, die auf unserem Land Untersuchungen durchführten, beunruhigte uns das. Das Unternehmen Martinique Minerals S.A. de C.V. hatte schon mit der Erkundung der Böden im Cantón Las Limas und im Cantón Las Flores begonnen. Wir versammelten uns und begannen, uns über die Problematik zu informieren. Daraufhin gingen wir zu den Arbeitern und baten sie, die Untersuchungen einzustellen und das Unternehmen, welches die Erkundungen durchführte, zu benachrichtigen. Die Arbeiter waren einverstanden und stoppten ihre Arbeit. Drei Tage später kamen die Unternehmer nach San José Las Flores, um uns von den Vorteilen der Minenausbeutung zu überzeugen. Doch es gelang ihnen nicht und wir baten sie, uns etwas Zeit zu geben, um weitere Informationen einholen zu können. Daraufhin nahmen wir Kontakt mit einer Umweltschutzorganisation aus Guatemala auf und sie schickten uns Videos und Materialien über die umweltschädlichen Auswirkungen der Minenausbeutung. Auf dieser Grundlage haben wir uns hier organisiert. Aber das Unternehmen hielt sein Versprechen nicht ein: Es arbeitete in dieser Zeit weiter und versuchte, Land aufzukaufen. Eines Tages kam ein Gemeindemitglied zum Bürgermeister und stellte ihn vor die Wahl: Entweder müsse der Bürgermeister sein Stück Land kaufen oder er würde es dem Unternehmen anbieten. Am nächsten Tag sind wir nach Guarjila, um dort die Strasse zu sperren. Viele Leute haben sich uns angeschlossen. Um sieben Uhr morgens kamen die Arbeiter und die Unternehmer. Wir hielten sie an und forderten sie zum Gespräch auf. Unser Bürgermeister, Mitglieder aus dem Gemeindevorstand, Priester und andere begannen ihnen zu erklären, warum wir gegen die Minenausbeutung sind. Wir erklärten ihnen, dass unser Land durch das vergossene Blut geheiligt ist 1 und dass wir es um jeden Preis verteidigen würden, sie sollten von unserem Land verschwinden. Nun haben sie sich zurückgezogen, es gibt keine Leute mehr, die hier arbeiten.
Was aber kein Ende der Auseinandersetzungen, sondern nur ein Strategiewechsel bedeutet….
Das Unternehmen hat dann versucht, die Diözese als Mittlerin zu gewinnen. Doch diese machte deutlich, dass sie auf Seiten der Communidades steht und ebensowenig mit der Ausbeutung des Landes einverstanden ist. Dann luden sie Ende Januar 2006 drei Leute in ein Hotel in La Palma ein, um mit ihnen über verantwortlichen Minenabbau zu diskutieren. Wir haben diese Einladung nicht angenommen, machten ihnen aber deutlich, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt und dass wir nicht verhandeln würden. Sie haben außerdem neue PromotorInnen angestellt, die Überzeugungsarbeit leisten, damit die Menschen den Widerstand aufgeben und ihr Land verkaufen. Dabei muss man sagen, dass wir in Chalatenango eine besondere Situation haben, weil wir durch unsere gute Organisation die Einstellung der Arbeiten erzwingen konnten, die Erkundungen in anderen Gebieten El Salvadors gehen weiter. Das Wirtschaftsministerium hat weitere Explorationslizenzen an Unternehmen herausgegeben, insgesamt sind es 32. Das ist die große Sorge der Comunidades.
Wie habt Ihr auf diese Entwicklungen reagiert?
Wir haben uns in der Kommission „Anti-Bergbau“ organisiert, wo BürgermeisterInnen, Gemeindevorstände, Cordes (Fundación para el desarrollo comunal de El Salvador), die ADESCOs (Asociaciones de desarrollo comunal) und Kirchen die Problematik analysieren. Außerdem haben wir eine Gruppe gebildet, die betroffene Gemeinden in ganz El Salvador besucht und dort über die Folgen der Minenausbeutung aufklärt. Wir stehen in Kontakt mit unseren Partnerstädten in den USA und Kanada und informieren sie über unsere Bedenken. Schließlich sind wir Teil des nationalen Forums gegen Bergbau. Aber noch sind alle Betroffenen zu wenig geeint, um das „Nein“ durchzusetzen. Es ist notwendig, dass wir unsere Arbeit in ganz El Salvador verstärken. Denn die transnationalen Konzerne handeln im Geheimen, um uns dann das Land fortzunehmen. Wir haben zwei Kommuniques herausgegeben, um unseren Protest weithin sichtbar zu machen. Darin ist erklärt, dass wir keine Minenausbeutung in Chalatenango akzeptieren werden. Wir haben gesagt, dass unser Land nicht verhandelbar ist und dass wir es niemanden überlassen werden, weil es das Einzige ist, was uns nach zwölf Jahren bewaffneten Konflikts in El Salvador geblieben ist.
Was sind Eure wichtigsten Kritikpunkte am Abbau der Edelmetalle?
El Salvador verfügt über keine größeren natürlichen Ressourcen. Das wenige, was wir haben, nehmen uns die transnationalen Konzerne und wir bleiben weiterhin arm. In den Lizenzen, welche das Wirtschaftsministerium vergibt, ist festgeschrieben, dass ein Prozent der Gewinne an den Staat gehen und ein weiteres Prozent an die Kommune. Der Rest, 98 Prozent, sind für das Unternehmen mit der Lizenz. Die Minen erfordern große Bohrungen und gefährden auch das Wasser. Zum einen werden für die Ausbeutung der Minen täglich viele Tonnen Wasser gebraucht und zusätzlich wird Zyanid eingesetzt, was das Wasser verseucht. Außerdem sinkt der Grundwasserspiegel, unsere Bäume werden gefällt und die Menschen in der Umgebung von Minen leiden an schweren Krankheiten. GuatemaltekInnen und HonduranerInnen, mit denen wir uns getroffen haben, berichteten uns von den Lügen der Bergbauunternehmen. Ihre Erfahrungen sind, dass die Menschen in Abbauregionen weiterhin arm bleiben und dass die Flüsse vergiftet sind. Die Unternehmen sind nur daran interessiert, ihren Gewinn zu machen und nehmen dabei auf Niemanden Rücksicht. Die Gebiete, in denen sich die Minen befinden, sind abgeriegelt und werden durch Polizei und Militär bewacht.
Warum ist Euer Widerstand so erfolgreich?
Der Widerstand in Las Flores war so erfolgreich, weil wir die Risiken aufzeigen und vermitteln konnten. Wir bekommen landesweite Anerkennung, weil wir so gut organisiert sind. Aber wir sind uns bewusst, dass es ein großer Kampf ist und wir haben keine finanziellen Mittel dafür. Deshalb sammeln wir freiwillige Beiträge, um unsere Aktivitäten zu finanzieren.
Seid Ihr noch in anderen sozialen Kämpfen aktiv?
Wir sind verbunden mit dem Kampf gegen die Wasserprivatisierung und die Wasserkraftwerke, setzen uns für den Umweltschutz und den Schutz der natürlichen Ressourcen ein. Die Respekt- und Straflosigkeit der Regierung ist ein großes Problem. Es gibt keine Anhörungen der Bevölkerung über die großen Projekte, die geplant sind. So soll der Río Sumpul umgeleitet werden, um das Wasserkraftwerk Cerrón Grande zu bauen, welches Honduras und Guatemala mit Strom beliefern soll. Er ist der einzige Fluss, der viel Wasser führt. Das bedeutet, dass die gesamte nordöstliche Region ohne Wasser bleibt. Die Longitudinal del Norte ist ein Megainfrastrukturprojekt, welches von Metapan zum Hafen von La Union führen soll, um Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Panamá miteinander zu verbinden. Die Regierung behauptet, dass die Longitudinal del Norte zum Wohle unserer Region gebaut werden soll. Das stimmt aber nicht, denn es soll eine große Strasse mit vier Spuren werden. Auf ihr wird die ganze Handelsware im Rahmen der Freihandelsabkommen transportiert werden – es ist eine Lüge, dass es hier um Entwicklung für die Gegend geht. Es wird zwar vorübergehend Arbeit geben, aber letztendlich wird die Arbeitslosigkeit so groß sein, wie jetzt auch, nur dass dann auch noch unsere natürlichen Ressourcen zerstört sein werden. Das sind unsere großen Sorgen. Und die Regierung unternimmt nichts, um Arbeitsplätze zu schaffen. Hier auf dem Land haben wir kaum Erwerbsmöglichkeiten – und gleichzeitig schaffen die transnationalen Konzerne unsere Reichtümer fort.
Wie kann die internationale Solidarität Euren Widerstand unterstützen?
Wir hoffen auf moralische und politische Unterstützung, um die Regierung unter Druck zu setzen, die Projekte zu stoppen, denn sie sind ein Attentat auf das Leben. Eine Möglichkeit dazu sind Protestbriefe, die an die Regierung und Botschaften geschickt werden. Aber wir brauchen auch finanzielle Unterstützung, um Plakate und Flyer zu drucken und Radiobeiträge zu machen. Es geht außerdem um eine Internationalisierung des Protestes. Wenn wir hier eine Aktion wie eine Straßensperre machen, dann organisieren unsere Partnerstädte zeitgleich in den USA Demonstrationen.
1 Viele der Gemeinden in dieser Gegend Chalatenangos sind Repoblaciones, d.h. sie bildeten während des Bürgerkrieges die Basis für die Guerilla. „Für das Recht auf Leben - Nein zur Minenausbeutung“. Unter diesem Leitspruch wehren sich die chalatekischen Gemeinden gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.
(ah)
Die Lizenz, die tötet
Erschienen in: Info-Blatt 68 des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006
Förderung durch das