Blutiger Fisch gefällig?

Gespräch mit einer entlassenen Mitarbeiterin der Thunfischfabrik Calvo in El Salvador

(ah) Nachdem in Brüssel letztes Jahr die Regeln zur Umsetzung des neuen Allgemeinen Systems der Zollpräferenzen (SGP-Plus) festgelegt wurden, geht es für El Salvador jetzt um die Wurst und für die spanische Unternehmensgruppe Calvo um den Fisch. Um weiterhin in den Genuss von EU-Zollpräferenzen zu kommen, müsste El Salvador die Konvention 87 der Internationalen Arbeiterorganisation zur Gewerkschaftsfreiheit und die Konvention 98 zum Recht auf Tarifverträge ratifizieren. In ganz Lateinamerika ist El Salvador das einzige Land, welches diese Konventionen noch nicht ratifiziert hat. Doch viele Unternehmen in El Salvador haben ein elementares Interesse an der Erhaltung der Zollpräferenzen, so auch Calvo. Das spanische Unternehmen nutzte seine Kontakte zur spanischen Regierung, die sich in der EU dafür einsetzte, dass El Salvador (ohne namentlich genannt zu werden) Schlupflöcher gewährt werden. Derzeit zeichnet sich nicht ab, dass El Salvador die beiden Konventionen in absehbarer Zeit ratifiziert.

Calvo hat weitere gute Gründe, sich in diesem Feld zu engagieren: Die Verletzung von ArbeiterInnenrechten innerhalb des Unternehmens ist seit Jahren Praxis. In Wien fand nun im Mai 2006 im Rahmen des alternativen Gipfels, EU Lateinamerika „Enlazando Alternativas“, eine erste Anhörung zum geplanten Tribunal über die von europäischen transnationalen Unternehmen in Lateinamerika und der Karibik begangenen Menschenrechtsverletzungen statt. Carmen (Name von der Redakteurin geändert), ehemalige Mitarbeiterin der Thunfischfabrik Calvo und entlassen, wie so viele nach dem Versuch, sich gewerkschaftlich zu organisieren, ist aus El Salvador angereist, um vor dem Tribunal Zeugnis über die Arbeitsrechtsverletzungen in der dortigen Firma abzulegen. Es ist ein erster Schritt, internationale Öffentlichkeit zu schaffen, um die Seilschaften zwischen Calvo, der spanischen und salvadorianischen Regierung, sowie der EU aufzudecken.

Carmen, Du hast lange in der Thunfischfabrik Calvo gearbeitet. Wie waren die Arbeitsbedingungen?

Wir hatten viele Einschränkungen, zum Beispiel beim Verbrauch von Wasser oder wenn wir um Erlaubnis baten, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die Minuten, die wir weg waren, wurden aufgeschrieben. Außerdem gab es viele Unfälle und Verletzungen in den verschiedenen Arbeitsbereichen: Beim Entladen beispielsweise – die Fische sind sehr groß und stark und die Kollegen arbeiten ohne jeden Schutz – wurde ein Mitarbeiter durch den Schlag eines Thunfisches blind. Von den scharfen, chemischen Reinigungsmitteln erlitten viele Verätzungen auf der Haut. Im Bereich des Zuschnitts gab es viele Verletzungen an den scharfen Messern und sogar abgetrennte Finger. Das Blut tropfte auf den Fisch. Später, nach dem Verpacken, wurde es von den Kontrolleuren gesehen. Die kamen dann und suchten den Schuldigen, der sich geschnitten hatte... Das ist so unlogisch! Wo es doch keinerlei Schutz gibt. In der Verpackungsabteilung arbeiten die Kollegen ohne jeden Gesichtsschutz über kochend heißem Wasserdampf. Lohnvereinbarungen und Sozialleistungen wurden oft nicht eingehalten. Wenn wir zum Beispiel von der Krankenversicherung Gebrauch machen wollten, konnten wir nur in die werksinterne Klinik gehen. Da wurden unsere Krankheiten oft ignoriert. Medikamente gaben sie uns erst am nächsten Tag. Dafür wurden uns 10 bis 15 Dollar vom Lohn abgezogen. Es gibt viele Vertragsverletzungen und Misshandlungen in allen Arbeitsbereichen!

Und wie habt Ihr reagiert?

Wir sind zum Parlament gegangen, um Entschädigungszahlungen für die Kollegen zu erreichen, die die Unfälle erlitten hatten, wie etwa die abgetrennten Finger oder das Erblinden. Außerdem wollten wir erreichen, dass die Herren Abgeordneten der Firma einen Besuch abstatten und mit der Firmenleitung zu einer Übereinkunft kommen. Die ARENA-Abgeordneten haben uns sehr schlecht behandelt. Sie haben sich geweigert, die Firma zu besuchen mit der Begründung, sie könnten nicht in Privateigentum eindringen. Wir haben überhaupt nichts erreicht. Die Kollegen wurden ohne jedes Recht auf eine Entschädigung entlassen. Die FMLNAbgeordneten haben uns schon unterstützt, aber ich glaube, es ist schwierig für sie, nachdem sie weniger sind und die Areneros mehr Macht haben.

Trotzdem kam es im Juni 2005 zu einem Besuch von Abgeordneten in der Fabrik...

Ja, und wir haben auf sie gewartet. Allerdings hatten wir kein Recht, in der Firma zu sein, also haben wir uns auf der Straße davor versammelt. Aber sie sind gleich wieder abgefahren. Es gab keinerlei Kommunikation zwischen uns. Danach haben wir versucht, eine Gewerkschaft zu bilden. Auf Flugblättern haben wir in der Firma über die Unfälle informiert. Wir waren schon um die 50 Leute, die eine Gewerkschaft gründen wollten. Als sie davon und von unserem Besuch im Parlament Wind bekamen, begannen die Entlassungen. Wir waren ungefähr 700 Leute. Sie haben nicht alle auf einmal entlassen, sondern nach und nach. Gleichzeitig haben sie Neue eingestellt, aus Gegenden, wo die Leute ihre Arbeitsrechte nicht kennen. Uns haben sie „faule Äpfel” genannt und gesagt, sie wollten keine „Verunreinigung” in der Firma. Nach den Entlassungen haben sich einige von uns zusammengetan, um den Fall in den Medien öffentlich zu machen. Aber da es nur eine nationale Öffentlichkeit war, hatte sie keinen Einfluss. Die Großen und Mächtigen werden sich nicht einschalten, weil sie selbst Unternehmer sind. Erst mit Unterstützung der Rechtshilfeorganisation FESPAD gelang es uns, halbwegs angemessene Abfindungen auszuhandeln. Danach sind alle ihrer Wege gegangen. Einige sind sogar umgezogen, weil sie Angst vor Repressalien hatten.

Aber Du bist heute hier und legst Zeugnis ab. Allerdings nicht direkt vor dem Tribunal, sondern über eine Tonbandaufnahme. Warum?

Das ist eine Schutzmaßnahme. Im Land habe ich meine Aussagen offen gemacht, aber da gab niemand dem Fall eine Bedeutung. Auf internationaler Ebene kann das anders sein. Es könnte zu Repressalien gegen mich kommen, auch, weil ich nicht mehr die Unterstützung meiner KollegInnen habe, sondern ganz alleine den Fall repräsentiere. Aber ich mache es trotzdem, denn die Leute, die heute in der Firma arbeiten, leiden unter den gleichen Bedingungen und sie kennen ihre Rechte nicht.

Was ist Deine persönliche Perspektive, wovon lebst Du seit Deiner Entlassung?

Es ist ja so, dass es zwei Firmen am Ort gibt. Sie stehen aber miteinander in Verbindung und nach unserer Entlassung können wir jetzt nicht mehr in der anderen Firma arbeiten, aus dem einfachen Grund, weil wir versucht haben, eine Gewerkschaft zu gründen. Wir stehen auf der Schwarzen Liste. Deswegen gehe ich auf die Straße und verkaufe Sachen.

Danke für das Gespräch und weiterhin alles Gute für Deine Arbeit und Deinen mutigen Weg!

 

(ah)
Blutiger Fisch gefällig?
Erschienen in: Info-Blatt 68  des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006

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