Radioprojekt im Kampf gegen den feminicidio in Ciudad Juárez
Gegen das Schweigen
(ssch) Das Radioprojekt RADIO FEM „Rompiendo el silencio“ („Das Schweigen brechen“) ist im Rahmen der Arbeit der Organisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa NHRC („Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren”) ins Leben gerufen worden. NHRC ist eine Organisation, die von Angehörigen von Opfern des in Ciudad Juárez stattfindenden, so genannten feminicidios (d. h. die systematischen Ermordungen, Folterungen, Vergewaltigungen und das Verschwindenlassen von Frauen) gegründet wurde und sich zum Ziel gesetzt hat, das Schweigen und die Straflosigkeit, die diese seit 1993 andauernde Mordserie begleitet und charakterisiert, aufzudecken. NHRC will Öffentlichkeit herstellen und damit sowohl die Mörder und deren Helfer zur Verantwortung ziehen als auch präventiv arbeiten, um weitere Morde und Entführungen zu verhindern.
Das Radioprojekt soll sowohl auf einer lokalen Frequenz in Ciudad Juárez gesendet werden, als auch international in Form eines Internetradioprojekts Verbreitung finden. Im März 2005 wurde diese Initiative mit der Unterstützung von Neza Radio mit der Ausstrahlung einer einmaligen Sendung eingeweiht – einmalig aus dem Grund, weil die schon seit langem beantragte Sendefrequenz von behördlicher Seite immer noch nicht genehmigt wurde, was zeigt, wie wichtig diese Radioinitiative ist. Für die Mitarbeiterinnen von NHRC ist RADIO FEM ein weiterer Schritt auf ihrem Weg, gegen die herrschende absolute Straflosigkeit in diesen Fällen anzugehen.
Die Straflosigkeit ist eines der gravierendsten Merkmale dieser Entführungs- und Mordserie, die – zusätzlich zu der Brutalität und Grausamkeit der Taten – nur Entsetzen und Unverständnis hervorruft und auch ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Vorfälle über einen mittlerweile mehr als zehn Jahre währenden Zeitraum unaufgeklärt und ungeahndet blieben.
Diese Straflosigkeit resultiert aus der Art und Weise der Berichterstattung über die Frauenmorde: In drei wesentlichen Bereichen versagt sie. So ist in der Öffentlichkeit fast nicht bekannt, was sich in Wirklichkeit ereignet. Die Kommunikationsmedien berichten nicht mehr als das notwendigste über das Thema und beschränken sich dabei auf reine Zahlen, wie die Anzahl der aufgefundenen Körper, Zeitangaben, die Fundorte. Es wird nichts über den Kontext berichtet, in dem die Morde stattfinden, und auch der Zusammenhang zur Maquila-Industrie und deren Arbeitsbedingungen, die das tägliche Leben der 180.000 ArbeiterInnen in der Stadt bestimmen, wird nicht hergestellt.
Dazu kommt das „offizielle“ Schweigen: das Schweigen der Regierung, der Polizei und der Justiz. Die Opfer werden von dieser Seite als die Schuldigen dargestellt, die die Gewalttaten mit ihrem Lebensstil, ihrer Kleidung und ihrem Umgang provoziert hätten.
Der dritte wichtige Aspekt hat mit der Alltäglichkeit und der Häufigkeit von Morden und Entführungen zu tun. In Ciudad Juárez ist es mittlerweile schon eine alltägliche Erfahrung, das Frauen brutal ermordet werden; der mit dieser Berichterstattung in den Medien transportierte niedrige Wert der Frauen, der leider mit der Wahrnehmung eines großen Teils der Bevölkerung übereinstimmt, die Degradierung der Opfer zu reinen Objekten ist damit in Ciudad Juárez latenter und akzeptierter als in allen anderen Orten Mexikos.
Radio FEM will gegen diese drei Punkte, die für die offizielle Berichterstattung in Mexiko charakteristisch sind, vorgehen und hat sich deshalb entsprechende Ziele gesetzt, um gezielt und wirksam informieren, aufklären und neue Straftaten verhindern zu können. Dazu gehört, über die Vorfälle unverfälscht zu berichten und über alle aktuellen Geschehnisse zu informieren, ohne dass die Daten nur gefiltert von den offiziellen Stellen weiter verbreitet werden. Aus dieser Realität heraus können wichtige Verhaltensweisen für Frauen empfohlen werden, z. B. bestimmte Routen in der Stadt zu wählen, die sicherer sind.
Außerdem will Radio FEM in seinem Programm gegen die latent vorhandene Be- und Abwertung der Frauen als reine Objekte vorgehen. Den Frauen, die das Radio gestalten werden, ist diese Bewertung als häusliches Objekt, billige Arbeitskraft in Maquilas oder als dekoratives Accessoire von Männern sehr wohl bewusst. Sie wollen dagegen angehen, dass der Großteil der Gesellschaft, in der sie leben, dies ebenso wahrnimmt. Dieser gesellschaftspolitische Aspekt ist für Radio FEM wichtig, da eine Gesellschaft, die wegsieht, schweigt, die Taten ignoriert oder gar nachahmt, die Täter unterstützt und weitere Aufklärung verhindert.
Neben dem Radio sollen auch andere Mittel der Kommunikation, wie ein eigenes und damit sicheres Telefon- und E-Mail-Netz, eingesetzt werden, um eigene, nicht verfolgbare Kommunikationsstrukturen nutzen zu können. Denn zu der Tragödie, ein Opfer in der Familie beklagen zu müssen, kommt zusätzlich noch die Bedrohung für die Überlebenden, die Frauen und die Familien, die sich gegen die Vorfälle engagieren, sie öffentlich machen und sich damit zur Wehr setzen.
Die technischen Voraussetzungen sind soweit geschaffen, dass das Programm bald sowohl auf der lokalen Frequenz in Ciudad Juárez als auch im Internet gehört werden kann*. Auch konnten sich die Mitarbeiterinnen von NHRC mittlerweile im Bereich Produktion und deren technische Aspekte als auch bei den Inhalten, die aus der Gender-Perspektive präsentiert werden, weiterbilden.
Für die Zukunft besteht außerdem die Absicht, ein so genanntes „Monitoring in Echtzeit“ im Netz zu etablieren. So sollen an den Orten, an denen bereits viele Entführungen stattfanden oder die als gefährlich gelten, getarnte Kameras aufgestellt werden, um sowohl der Abschreckung und damit der Prävention zu dienen, als auch um über beobachtete und aufgezeichnete Vorfälle berichten zu können und Material zur Identifizierung der Täter zu bekommen. Die BewohnerInnen der Stadt können sich darüber hinaus in dieses Netz einbringen, indem sie ebenso Kameras in ihren eigenen Vierteln anbringen und mit dem bereits geschaffenen Monitoring-Netz zusammenarbeiten.
Themen wie Reflexion über Geschlechterrollen, Rechte von Arbeiterinnen und Umweltthemen sollen aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Ebenso soll der Entwicklung der Stadt in den letzten dreißig Jahren zur Maquila-Zone Rechnung getragen werden. Denn diese Entwicklung hat u. a. auch dazu geführt, dass sich – bedingt durch die überwiegende Beschäftigung von Frauen in den Fabriken – familiäre und soziale Netze grundlegend veränderten und damit auch ein Kontext geschaffen wurde, der die Morde und die Straflosigkeit begünstigte.
Die holländische Organisation MAMACASH begleitet RADIO FEM technisch und inhaltlich.
Wir btiten um Spenden für RADIO FEM !
(ssch)
Radioprojekt im Kampf gegen den feminicidio in Ciudad Juárez
Erschienen in: Info-Blatt 67 des Ökumenischen Büros
München
November 2005
Förderung durch das