Land unter in El Salvador
Naturkatastophe hausgemacht
(ah) Der amerikanische Kontinent erlebt derzeit eine Reihe von dramatisch verlaufenden Hurrikanen. Mittlerweile sind die für das Jahr 2005 vorgesehenen Unwetternamen ausgegangen, weshalb nun erstmals auf das griechische Alphabet zurückgegriffen wird – der nächste würde Hurrikan Gamma heißen.
Die Niederschläge, die Hurrikan Stan Anfang Oktober verursachte, führten in weiten Teilen Mittelamerikas und im Süden Mexikos (siehe hierzu den Kasten „Die von unten“) zu schweren Überschwemmungen, Erdrutschen und Schlammlawinen. Vermutlich starben dabei über 2000 Menschen – die meisten davon in Guatemala. Unzählige Häuser und Straßen wurden verschüttet, Felder verwüstet, Ernten gingen verloren. Viele fühlen sich an den Hurrikan Mitch erinnert, welcher vor sieben Jahren ebenfalls verheerende Folgen für Mittelamerika hatte.
In El Salvador kam es aufgrund der starken Regenfälle zu etwa 700 schweren Erdrutschen, denen die meisten der 73 Toten zuzuschreiben sind. Die Erdrutsche blockierten Straßen und machten den Zugang zu vielen Dörfern unmöglich. Außerdem brach unmittelbar vor dem Hurrikan – wie seit Wochen erwartet – der Vulkan Ilamatepec von Santa Ana aus. Nach offiziellen Angaben wurden rund 70 000 Menschen evakuiert – die reale Zahl dürfte weit höher liegen. Die amtliche Zahl erfasste nur die Menschen, welche sich in den vom nationalen Notstandskomitee COEN registrierten Notunterkünften aufhielten. Viele jedoch harrten in ihren Häusern aus bzw. flohen zu Verwandten oder FreundInnen.
Der Osten von El Salvador, wo die Partnerorganisation des Ökumenischen Büros Oikos Solidaridad arbeitet, wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Erdrutsche und Überschwemmungen schnitten ganze Gemeinden von der Außenwelt ab und machten eine Evakuierung der BewohnerInnen zeitweise unmöglich. Das Wasser des Río Grande überschwemmte die niedriger gelegenen Gebiete der Gemeinden von El Transito, Concepción Batres und Usulután. Die höher gelegenen Gebiete wie Chinameca waren hingegen von schweren Erdrutschen betroffen. Die Gemeindeverwaltungen richteten in Schulzentren Notunterkünfte ein. Benjamín Alas, der Direktor von Oikos Solidaridad, berichtete, dass es dort teilweise an Lebensmitteln, Trinkwasser, Medikamenten (gegen Pilzbefall, Durchfall, Erkältungen und Grippe) sowie an Matratzen fehlte. Oikos stellte daraufhin einen Notfallplan auf, um die Menschen in den Notunterkünften mit den fehlenden Gütern zu versorgen. Anfang November informierte uns Benjamín Alas, dass die meisten Geschädigten die Notunterkünfte bereits verlassen hätten und nach Hause zurückkehrt seien. Dort fänden sie aber desolate Verhältnisse vor: Ihre Häuser seien unbewohnbar oder zerstört, ihre Haustiere ertrunken oder verschüttet, die Ernten teilweise gänzlich verloren, so dass viele nicht einmal zu essen hätten. Durch die überschwemmten Latrinen sei das Wasser verseucht. Die BewohnerInnen hätten mit Atemwegs- und Durchfallerkrankungen sowie mit Pilzbefall an Beinen und Füßen zu kämpfen. Für die ohnehin arme Bevölkerung, die in diesen Gegenden überwiegend von der Landwirtschaft lebt, bedeute dies eine dramatische Verschlechterung ihrer Lebenssituation. Zur Zeit arbeitet Oikos mit den Gemeinden daran, Wege wieder passierbar zu machen und den Wiederaufbau zu organisieren.
Vermutlich nehmen Hurrikane aufgrund der globalen Klimaveränderungen an Intensität und Zahl zu. Fest steht jedoch auch, dass derartige Ereignisse nicht unüblich für die Region sind. Die Erfahrungen der letzten Wochen in New Orleans, El Salvador, Guatemala, Mexiko und Kuba haben wieder einmal deutlich vor Augen geführt, dass es entscheidend ist, ob und welche Präventions- und Notfallmaßnahmen getroffen werden. Hier ist die ARENA-Regierung in El Salvador ihrer Verantwortung wieder einmal nicht gerecht geworden. Es kann also nicht von einer bloßen Naturkatastrophe gesprochen werden – sie ist teilweise auch menschengemacht.
Trotz der absehbaren Gefährdung haben die ARENA-Regierungen Präventionsmaßnahmen bisher keinen großen Stellenwert eingeräumt. Abholzung und zunehmende Bebauung (neue Strassen, Einkaufszentren etc.) versiegeln die Böden und führen dazu, dass Niederschläge nicht mehr in ausreichendem Maße im Erdreich versickern können. Stattdessen fließt das Wasser oberflächig ab und lässt Bäche und Flüsse derart anschwellen, dass Böden und Häuser mitgerissen werden. Die Gefahr von Erdrutschen wird bei Baugenehmigungen für Strassen, Siedlungen und öffentliche Gebäude auf zur Bebauung ungeeigneten Flächen wie die Cordillera de Bálsamo ignoriert. In besonders gefährdeten Gebieten wie ungesicherte Flussufer, steile Hanglagen oder in der Nähe von Gelände, das für Straßen- und Siedlungsbau aufgeschnitten wurde, leben aus Mangel an Alternativen vor allem die Ärmeren. Ohne Eigentumstitel, aber von der Regierung geduldet, die sich damit ihrer Verantwortung entledigt, für sichere und bessere Unterkünfte zu sorgen. Deshalb ist es nicht erstaunlich, wenn vor allem die Armen von so genannten Naturkatastrophen wie dem Hurrikan Stan betroffen sind. Hinzu kommt, dass das Kanalisationssystem der Stadt und des Ballungsgebietes San Salvador marode und bei starkem Regen schnell überfordert ist. Überschwemmungen von ganzen Stadtvierteln sind die Folge. Untersuchungen, die auf die Gefahren des veralteten Kanalisationsnetzes hinwiesen, verschwanden vorerst in den Schubladen der Regierung. Die Vernachlässigung des Hochwasserschutzes am Bajo Lempa ist ein weiteres Beispiel für die fehlende Prävention durch die salvadorianische Regierung. Anstatt das Einzugsgebiet der vier Wasserkraftwerke am Bajo Lempa zu sanieren und wieder zu begrünen, werden weitere Wasserkraftwerke geplant. Trotz vorhandener Mittel aus internationaler Hilfe wurden Dämme und Drainagen, welche die überwiegend von der Linkspartei FMLN regierten Gemeinden vor dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser schützen sollten, nicht oder nur mangelhaft gebaut oder instand gesetzt. Der Umweltschutzdachverband UNES wirft der Regierung vor, nicht aus den Folgen des Hurrikan Mitch 1998 und der Erdbeben von 2001 gelernt zu haben. Sie zeige keine Bereitschaft, sich für eine nachhaltige Prävention einzusetzen, weil sie Angst habe, dass dadurch die Verletzlichkeit El Salvadors in sozialer, politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht sichtbar würde, welche sich in den letzten 15 Jahren durch die Wirtschaftspolitik und Mega-Infrastrukturprojekte stark verschärft habe.
Auch im unmittelbaren Katastrophenmanagement zeigte sich die Regierung unfähig. Während der Hurrikan über El Salvador hinwegzog, beschloss die Regierung, die Organisation und Koordination der unmittelbaren nationalen und internationalen Katastrophenhilfe dem Unternehmerverband ANEP zu übergeben. So hatte sie es schon beim Erdbeben von 2001 gemacht. Die UnternehmerInnen nutzten die Notsituation skrupellos für eigene Werbezwecke aus und veröffentlichten ihre Spenden in großen Zeitungsanzeigen. Die Streitkräfte wurden von der Regierung mit der Logistik der Katastrophenhilfe beauftragt, wozu auch die Betreuung der Notunterkünfte gehört. Ulf Baumgärtner von der Kaffeekampagne kommentiert diese Vorgänge aus El Salvador: „Einmal mehr ist zu beobachten, wie „Natur“katastrophen genutzt werden, um das öffentliche Leben wieder zu militarisieren. Mit diesem Trick wird die Verletzung der Verfassung, die seit den Friedensverträgen von 1992 den Einsatz des Militärs im Bereich der öffentlichen Sicherheit verbietet, formal vermieden. Gegen die Militarisierung gibt es keinerlei Protest, weil die Streitkräfte tatsächlich die beste Logistik für Katastropheneinsätze haben; und auch die famose Internationale Gemeinschaft schweigt still, obwohl sie an Sonn- und Feiertagen die Qualitäten des salvadorianischen Friedensprozesses lobt, unter anderem jede Verfassungsänderung, nach der die Verteidigung des nationalen Territoriums und der nationalen Souveränität die einzigen Aufgaben der Streitkräfte sind.“ Hilfe durch das nationale Notstandskomitee COEN kam indes in vielen Notunterkünften nicht an. Dies war vor allem dort der Fall, wo die Gemeinden von der FMLN regiert werden. In einigen Gemeinden kam es vor, dass die BürgermeisterInnen die Evakuierten bitten mussten, die Notunterkünfte zu verlassen, da keine Nahrungsmittel vorhanden waren. Unterstützung wurde an vielen Orten nur von NGOs und Kirchen geleistet. In einigen Notunterkünften nutzten ARENA-PolitikerInnen die Übergabe von Hilfsgütern, um sich für die kommenden Gemeinde- und Parlamentswahlen medienwirksam zu inszenieren.
Innerhalb von sieben Jahren wird nun der dritte Wiederaufbauprozess nach einer so genannten Naturkatastrophe in Gang gesetzt. Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass die ARENA-Regierung diesmal effektive Präventionsmaßnahmen wirklich umsetzt. Anlass zur Hoffnung hingegen geben solidarische Akte wie basisorganisierte Evakuierungen, Essens- und Sachspenden von MarktverkäuferInnen für die Notunterkünfte und vor allem die langfristige Arbeit an Katastrophenprävention, wie sie zum Beispiel Oikos Solidaridad leistet.
(ah)
Land unter in El Salvador, Naturkatastophe hausgemacht
Erschienen in: Info-Blatt 67 des Ökumenischen Büros
München
November 2005
Förderung durch das