Hace casi veinte años…

 

Nicaragua – Bericht einer Reise, 19 Jahre später.

 

(Barbara Wagner) Im August 1986 baute eine der Bertolt-Brecht Brigaden des Ökumenischen Büros in der Provinz Rio San Juan, genau gesagt in Boca de Sábalos, eine Schule. Damals waren wir eine Gruppe junger Menschen: StudentInnen, LehrerInnen, Angestellte, die dem Aufruf zur internationalen Solidarität mit dem nicaraguanischen Volk und zur Unterstützung der sandinistischen Revolution gefolgt waren. Wie so viele von uns, damals. In ca. vier Wochen haben wir die Schule fast ganz fertig gestellt und sind traurig abgereist. Wir haben in diesen Wochen viele Freunde gewonnen, Freunde mit denen uns nicht nur die gemeinsame Arbeit verbunden hat, sondern auch die gemeinsame Vision einer anderen Welt, einer gerechteren Welt, und waren traurig, weil wir sie verlassen mussten. Wir haben Erfahrungen gemacht, die uns nachhaltig beeindruckt haben, die uns bis heute nicht losgelassen haben. Das wichtigste war, dass wir begriffen haben, was es heißt durch Zufall am anderen Ende der Welt geboren zu sein, wo Wohlstand und ein würdiges Dasein nicht per se gegeben sind und dennoch trotz allem Mangels und aller Schwierigkeiten der Lebensmut nicht verloren geht. Das haben wir erlebt, damals.

Das ist 19 Jahre her. Diese Reise hat bei uns Spuren hinterlassen. Einige sind weiterhin auf Brigaden gefahren, andere haben sich noch lange für Nicaragua engagiert, manche sind noch heute dabei. Eines ist sicher, es hat uns alle miteinander verbunden und Nicaragua haben wir nie vergessen.

Seit dieser Zeit treffen wir uns jährlich, um die Erinnerungen aufleben zu lassen, und schippern die Alz hinunter, die wir heimlich zum Partnerfluss des Rio San Juan ernannt haben. Bei einem dieser Treffen, vor ein paar Jahren, kamen wir auch auf die Idee, den Rio San Juan und Boca de Sábalos erneut zu bereisen, zwanzig Jahre später, das war geplant. Aus den 20 wurden 19 Jahre. Und dieses Jahr war es soweit: Wir haben nach langer Vorbereitung unsere Reise angetreten. Leider konnten nicht alle von damals mitfahren, somit waren wir eine Gruppe von 13 Leuten. Fast alle waren früher in Nicaragua und fast alle waren mit auf Brigade gewesen. Neu dabei waren die Jugendlichen, Oskar, der Sohn von Baba und Kai, und Anna, die Tochter von Dicki. Für sie sollte diese Reise die erste Erfahrung sein in einem Land, das sie im Erdkundeunterricht als Entwicklungsland durchnehmen.

Ein Ziel der Reise war es, den Jugendlichen nahezubringen, welche Ideen die sandinistische Revolution verfolgte, und was uns damals bewegte, diese zu unterstützen. Wir wollten Nicaragua heute kennenlernen und „erneut in unser Herz schließen“, um es pathetisch auszudrücken. Wir wollten verstehen, wie die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation im Lande ist, und hofften, Strukturen von damals wiederzufinden. Natürlich wollten wir unsere Schule besuchen, von der wir im Vorfeld wussten, dass sie vor einigen Jahren durch eine Steinschule ersetzt worden war – unsere Schule war nur aus Holz gewesen. Und wir hofften, Menschen von damals wieder zu treffen und sie zu fragen, was sie sich 1986 gedacht hatten, als diese „Cheles“ auftauchten – so nannten sie uns immer, uns die Hellhäutigen, und ihre Schule bauten. Wir wollten sehen, was sich in den 19 Jahren verändert hat in Nicaragua, am Rio San Juan, in Boca de Sábalos. Und, auch das durfte nicht zu kurz kommen, wir wollten in Nicaragua auch Urlaub machen, uns vom Arbeitsalltag in Deutschland erholen, Nicaragua bereisen, was damals nicht möglich war, denn es herrschte Krieg.

Die Erwartungen waren groß und die Aufregung auch. Am 4. August war es dann endlich so weit: Die erste Teilgruppe flog ab, die anderen sollten bald darauf folgen. Wir reisten anders ein als bisher, nämlich über San José in Costa Rica und dann mit dem Bus nach San Juan del Sur. Dort wollten wir uns akklimatisieren, so wie früher.

San Juan del Sur, die Hafenstadt am Pazifik, ist heute anders, sie ist größer, hat mehr Geschäfte, auch Souvenirs und Kunst kann hier gekauft werden, und es gibt mindestens vier Sprachschulen und zahlreiche Internetcafes. Auf den ersten Blick sieht man das allerdings nicht. Vom Strand aus sieht der Ort fast so aus wie früher. Fast, denn auf den Hügeln der Bucht liegen die großen Villen und auch einige Luxushotels von und für US-AmerikanerInnen. Die umliegenden Buchten werden derzeit terrassiert, um die Grundstücke für Immobilien vorzubereiten, die man in Katalogen einsehen und mit US-Dollars käuflich erwerben kann. Der Tourismus soll hier aufblühen.

Die Zielgruppe: vor allem US-AmerikanerInnen, die Kapital anlegen oder mehr oder weniger günstig ein Feriendomizil erwerben wollen. Ein Vigilante (Wachmann) einer solchen Terrassenanlage war glücklich darüber, denn dies schafft Arbeitsplätze und somit neue Perspektiven. Wir glauben, viel Geld wird allerdings nicht hängenbleiben. Tourismus eben, mit allen Vor- und Nachteilen. Ein Phänomen, das uns noch verstärkt in Granada begegnet ist, einer Stadt, die sich nordamerikanische Immobilienmakler untereinander aufteilen. Cafes, Buchläden, Kleiderläden und Restaurants gehören vor allem US-Amerikanern. Das gab es damals nicht. Damals finanzierte die USA den Krieg, unterstützte die Contra und bekämpfte die Sandinisten.

Über die Insel Ometepe ging es dann mit dem Schiff zum Rio San Juan, nach San Carlos und gleich weiter nach El Castillo. Das Schiff ist genauso grauselig wie früher, die Überfahrt nicht weniger mühsam. Ein „Mitleidender“ sagte morgens um drei Uhr zu Gerlinde, die unter einer Bank eingezwängt lag: „Isn’t it great to travel first class!“. Noch gilt dieser Weg in die Provinz Rio San Juan als der billigste und damit für die HändlerInnen machbarste, um ihre Waren in Morrito, San Miguelito, San Carlos und den umliegenden Dörfern regelmäßig zu verkaufen.

El Castillo hat sich verändert. Es ist größer und schöner geworden, die Häuser sind herausgeputzt und viele Menschen sind zugezogen. Es gibt ein wunderschönes Hotel, von Spaniern finanziert 1992 zum 500. Jahrestag der Conquista. Wie vieles hier von Spaniern gesponsert wird. Der Regenwald, der entlang des Rio San Juan zur UNESCO-Schutzzone ernannt wurde, ist als schützenswertes Gut erkannt worden. Darum drehen sich zahlreiche Projekte, nicht nur in El Castillo. Er dient auch als Ausflugsziel im Sinne eines sanften Ökotourismus. Dort kann man Vögel, Kaimane und wunderschöne Pflanzen bewundern. Früher war in El Castillo die Welt zu Ende. Kriegssondergebiet, wo die Contra operierte und das nur mit außerordentlicher Genehmigung zu erreichen war. Heute kann man von hier aus, als unerschrockener und hartgesottener Ökotourist, bis nach San Juan del Norte reisen, auf den Spuren Mark Twains eben.

Wir haben zwei Tage touristisch genutzt und „gechillt“. Hier kam es bereits zu den ersten Begegnungen mit Menschen von damals. Eigentlich wollten wir nur die mitgebrachten Fotos sichten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Da kamen die Angestellten des Hotels und erkannten Bekannte und Freunde wieder. Sie brachten andere Menschen zu uns, die sich und Freunde wiedererkannten und bald schon sprach es sich herum, dass hier „Alemanes“ sind, die Fotos von früher haben. Auf diesem Weg haben wir die Köchin des ehemaligen „Comedors“ in Boca de Sábalos gefunden, die heute einen kleinen Laden in El Castillo hat – die Freude war groß. So sollte es die nächsten Tage weitergehen. Die Fotos waren so etwas wie ein Türöffner. Auf diese Weise haben wir noch so einige Menschen wiedergefunden.

Von El Castillo ging es dann nach Boca de Sábalos, dem eigentlichen Ziel unserer Reise. Der erste Eindruck von Boca de Sábalos: Es hat sich viel getan hier. Es gibt einen Kai aus Stein am Hafen, es gibt einen Platz, Hospedajes, Kneipen, Geschäfte und ein reges Treiben auf dieser Seite des Flusses Sábalos, „este lado“ wie die Einheimischen und wir damals sagten. Die Schule steht im heutigen Hauptort – „este lado“ –, der früher aus nicht mehr als einer handvoll Gebäuden bestand, in denen zumeist Regierungsinstitutionen untergebracht waren. Dort war damals ein großer Teil der Brigade in der „Casa Azul“, im blauen Haus, untergebracht, ein Holzhaus, das es immer noch gibt, nur hat es seine leuchtende blaue Farbe inzwischen völlig verloren. Die anderen wohnten in Familien auf der anderen Seite des Flusses, „otro lado“, damals der eigentliche Ort Boca de Sábalos, aus nicht mehr als zwanzig Häusern bestehend.

Für „este lado“ gab es damals Pläne auf dem Papier, Pläne eines großen Regionalhauptortes, zentral für die umliegenden, neu angelegten kleineren Orte, „Asentamientos“. Viele Häuser sollten hier stehen, Institutionen, Infrastruktur. Damals glaubten wir nicht wirklich daran. Hinter dem Schulgebäude gab es nicht mehr viel. Heute sind die Pläne Wirklichkeit geworden und unser Staunen war riesig. Der Ort Boca de Sábalos ist enorm gewachsen. Die Zahl der Einwohner ist seit damals auf das siebenfache gestiegen. Viele der neuen Einwohner kamen in den letzten Jahren aus den nördlichen Provinzen Nicaraguas und aus den Wäldern entlang der Atlantikküste, weil sie sich hier größere Chancen auf ein Stück Land und damit auf ein besseres Überleben erhofften. Für einige ist diese Rechnung auch aufgegangen, aber die meisten bewegen sich nach wie vor unterhalb der Armutsgrenze.

Boca de Sábalos

Unsere Gruppe in Boca de Sábalos mit LehrerInnen und MitarbeiterInnen von DANIDA vor der neuen Schule

 

Hier wurden wir von Rosa empfangen, einer Mitarbeiterin eines der Projekte, die von der staatlichen dänischen Entwicklungshilfeorganisation DANIDA unterstützt werden. Rosa kümmert sich um ein Vorschulkinderprogramm, bei dem mehrere hundert Kinder in der umliegenden Region erfasst werden und eine Tagesbetreuung, Förderung und auch Essen erhalten sollen. An diesem Tag kümmerte sich Rosa um uns, sie zeigte uns die aktuellen Projekte und führte uns in „unsere Schule“ und in eine Vorschule nach Buena Vista.

Dieser und der nächste Tag verliefen in einem emotionalen Rausch: So viel Wiedererkennen, so viel Herzlichkeit, so viel Freude und Erstaunen hatten wir nicht erwartet. Es sollte der wirkliche Höhepunkt der Reise sein und hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. In der Schule wurde uns ein herzlicher „Acto“ bereitet. Die Kinder hatten eine Schautafel mit der alten Schule vorbereitet, sie haben gedichtet und getanzt. Ein bunter Haufen quirliger Kinder, vor denen Susan erklärte, wer wir sind und warum wir heute wieder hier sind. Einige blickten interessiert und erstaunt, andere wollten heim, denn es war eigentlich schon Schulende.

Inmitten dieses bunten Treibens kam eine junge Lehrerin auf mich zu und fragte mich, ob ich Barbara sei. Ich bejahte und sie sagte, sie sei Esther, die Tochter von Don Jaime, bei dem Kai und ich 1986 wohnten. Weinend fielen wir uns in die Arme! Für sie hatte diese Schule eine große Bedeutung. Sie hat die Primaria besucht, später wurden die Räume auch als Secundaria genutzt und schließlich ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden, um an ihre Schule zurückzukehren und zu unterrichten. Für sie bedeutete diese Ausbildung einen enormen sozialen Aufstieg, ebenso für die Brüder, die auch dort zur Schule gingen. Dass wir wiedergekommen sind und sie nicht vergessen haben, hat sie sehr stolz gemacht und wahnsinnig gefreut. Heute können sich nicht mehr alle Kinder den Schulbesuch leisten. Staatlicherseits gibt es so gut wie keine Unterstützung, obwohl der Besuch der Primaria für alle Kinder obligatorisch ist. Die Analphabetenrate ist wieder so hoch wie zu Zeiten Somozas.

Wir hatten weitere Begegnungen mit den Kindern und Enkelinnen von Don Salomon, der bereits gestorben war. Bei ihm hatten 1986 zwei von uns, Gerlinde und Dicki gewohnt. Die Kinder kamen zu uns ins Hotel und berichteten, wie es ihnen die Jahre über ergangen ist. Auch hier war die Freude groß und die Tränen flossen vor Rührung. Viele Kinder von damals sind als Erwachsene nach Costa Rica ausgewandert, einige sogar in die USA. Die LehrerInnen, die wir damals kennen lernten, haben sich weitgehend zerstreut. Sie sind in ihre Heimatstädte zurückgekehrt oder haben in Managua ihr Glück versucht. Einer ist geblieben – Fidel. Heute arbeitet er bei einer Organisation, die dem Schutze des Regenwaldes dient, leistet Aufklärungsarbeit im Sinne ökologischer Nutzung des Bodens und organisiert Trekkingtouren in den Regenwald. Das Wiedersehen hat ihn zutiefst berührt und er bat uns, das nächste Mal nicht erst nach zwanzig Jahren zurückzukehren. Das Versprechen haben wir ihm gegeben – in zehn Jahren werden wir erneut an den Rio San Juan fahren!

Während der Tage in Boca de Sábalos hatten wir verschiedene Gespräche: mit dem derzeitigen Bürgermeister von der PLC und dem ehemaligen von der FSLN. Wir sprachen mit den MitarbeiterInnen der Projekte, die von DANIDA unterstützt werden. Wir gewannen den Eindruck, dass es an der Basis ganz viele Menschen gibt, die sich im Namen der FSLN für die Belange der Menschen in der Region einsetzen und unermüdlich dafür kämpfen, dass wichtige Grundbedürfnisse, wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Frauenrechte, Landrechte und Erhalt der Umwelt, für die Menschen zugänglich sein sollen. Diese Menschen trafen wir in Boca de Sábalos, wir trafen sie in San Carlos, auf Ometepe und überall dort, wo wir mit Leuten sprachen. Das hatten wir von hier aus nicht erwartet, unser Bild von Nicaragua, geprägt von den enttäuschenden Informationen über die jüngsten Entwicklungen in der Führungsschicht der FSLN, war um etliches grauer als es das heute ist.

Die Abreise von Boca des Sábalos glich der von vor 19 Jahren: Am Kai stand Fidel mit einigen „Kindern“ von Don Salomon, Kinder, die jetzt selber Kinder haben. Wir saßen im Boot, traurig und sehr still.

Weiter ging es nach San Carlos. Hier waren einige von uns 1985 und wirkten beim Bau des CDI (Vorschule) mit, das heute noch steht, aber nur noch mit privatem Engagement betrieben werden kann. Am ersten Tag in San Carlos gab es ein Gespräch mit der sandinistischen Bürgermeisterin, Marisol, einen Acto im Kulturzentrum, dem ehemaligen Gefängnis, und eine Führung durch das CDI. Zwei Tage waren wir dort, am zweiten Tag unternahmen wir einen Touri-Ausflug in das Naturschutzgebiet Los Guatuzos und nach Solentiname. Unser Eindruck von San Carlos: Es hat sich auch hier viel getan, neue Straßen, ein Busbahnhof, von dem aus man bis nach Boca de Sábalos fahren kann, theoretisch, wenn die Straße es zulässt, einen Malecón und einen ansehnlichen Markt. San Carlos ist gewachsen und doch macht es nach wie vor diesen verlassenen Eindruck, der damals schon an das Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Marquez erinnerte. Schön ist San Carlos auch heute noch nicht und Touristen kommen nur hier her, um ganz schnell wieder weiter zu reisen. Doch es gibt große Pläne von Seiten der lokalen Sandinisten, so soll die Straße nach Managua endlich befahrbar gemacht werden. Es soll eine Infrastruktur für den Tourismus geschaffen und ein Internetzentrum errichtet werden. Die Gelder dafür kommen aus dem Ausland, aus Deutschland, Dänemark, Schweden, den USA und Japan, das sich in Sachen Infrastruktur in der Provinz Rio San Juan stark engagiert. Auch hier, starke Leute an der Basis, die etwas bewegen wollen und ihre Hoffnung auf einen Sieg der Sandinisten bei den kommenden Wahlen setzen.

Von San Carlos aus ging es über Managua nach Niquinohomo, der Geburtsstadt Sandinos, zum fünfundzwanzigsten Jahrestag der Alphabethisierungskampagne. Dieser Acto sollte der zweite Höhepunkt unserer Reise werden. Unsere Erwartungen richteten sich auf ein paar Menschen aus der Umgebung Orlando Pineda Flores, ehemaliger Erziehungsminister in der Provinz Rio San Juan – damals in den Achtzigern. Wir wurden in Managua vom Hotel abgeholt und fuhren gemeinsam mit Delegierten des parallel dazu stattfindenden ersten internationalen Forums gegen den Analphabetismus in Zentralamerika nach Niquinohomo. Dort angekommen fanden wir uns inmitten von mehreren tausenden TeilnehmerInnen wieder, inmitten von Musik, Parolen, Transparenten und vielen begeisterten Gesichtern. Niquinohomo – erste analphabetenfreie Zone der zweiten Alphabethisierungskampagne der FSLN! Dies, der Jahrestag und der Start der zweiten „cruzada nacional“ wurden gefeiert und wir waren mitten drin. Manchmal hatten wir das Gefühl, zeitversetzt zu sein, so als hätten wir mit einer Zeitmaschine eine Reise in die Vergangenheit gemacht. Es wurde marschiert, skandiert und gefeiert. Alle Größen der FSLN waren da, auf dem Podium standen Daniel Ortega, Thomas Borge, Bayardo Arce, Orlando und viele mehr. Wir wurden aufgefordert beim Marsch in der ersten Reihe zu gehen, Seite an Seite mit denen, die sich in den Achtziger Jahren an der ersten „cruzada nacional de la alfabetización“ beteiligt hatten. Vielleicht ein wenig zu viel der Ehre, aber gefreut haben wir uns doch, irgendwie. Oskar meinte, dass er jetzt langsam verstehen würde, dass unsere Arbeit von damals den Leuten in Nicaragua viel bedeutet habe und ihn das doch auf seine Eltern stolz machen würde.

Dieser Acto war überwältigend, die Power, die hier zu sehen und zu spüren war, lässt Hoffnung aufkommen. Auch hier liegt die Kraft in der Basis. Umso lächerlicher erschien Daniel Ortega, der kein begnadeter Redner ist und dazu nicht wirklich viel zu sagen hatte, dafür aber lange sprach. Er huldigte denjenigen, die bei der ersten „cruzada“ umgekommen waren und sprach denjenigen Mut zu, die jetzt in die Regionen ziehen, um Lesen und Schreiben zu lehren. Nach einiger Zeit bröckelte das „Auditorium“, viele setzen aber anscheinend weiterhin ihre Hoffnung auf Daniel. Populär ist er, da kann man nichts sagen, er reist durch die Orte und Städte und zeigt sich den Leuten, das ist auch wichtig. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack, dass es ihm nicht wirklich um die Leute geht – so war jedenfalls unser Eindruck. Der Acto endete in einem Volksfest und einer späteren Party zu Orlandos sechzigstem Geburtstag in Managua. Ein grandioser Tag mit einem echten Finale.

Am nächsten Tag hatten wir noch ein Informationsgespräch mit dem Chefredakteur der Tageszeitung El Nuevo Diario. In dem Gespräch ging es vor allem um die Situation dieser linken Zeitung und um die aktuelle politische Situation. Zu beiden Themen gab es leider nur Deprimierendes zu berichten. Die Zeitung hat mit Auflageneinbußen zu kämpfen und die nationale Politik scheint wirklich so verfahren zu sein, wie wir es befürchtet hatten. Damit war der offizielle Teil unserer Reise auch zu Ende. Einige aus unserer Gruppe fuhren dann bald nach Hause, andere reisten weiter nach Cuba.

Als Fazit aus all den Eindrücken und Erfahrungen bleibt: Nicaragua ist inzwischen ein Land, das man gut bereisen kann und das touristisch einiges zu bieten hat. Das hatten wir nicht erwartet. Viel wichtiger ist aber, dass die deprimierenden Nachrichten von der Politik und vor allem von den unsäglichen Politikern an der Spitze des Landes nicht alles sagen. Das Land hat die Kraft zur Veränderung, aber die liegt eindeutig in der Basis, wo es viele engagierte Menschen gibt, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Die Reisenden waren: Dicki, Susan, Eberhard, Gerlinde, Tonia, Gerhard, Ingeborg, Oskar, Anna, Kai, Mäx, Baba und Diff.
Unsere Reise dauerte 21 Tage.

 

 

 

(Barbara Wagner)
Nicaragua – Bericht einer Reise, 19 Jahre später.
Erschienen in: Info-Blatt 67  des Ökumenischen Büros
München
November 2005

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