DIE VON UNTEN
Gloria Muñoz Ramírez
NOCH TIEFER ALS DIE GANZ UNTEN, ohne alles, so stehen hunderte Zapatistas der Unterstützungsbasis nach dem Hurrikan Stan da. Vom autonomen Bezirk Tierra y Libertad ist das Ausmaß der Schäden noch unbestimmt, aber man weiß bereits jetzt, dass die Gemeinde Che Guevara begraben und deren BewohnerInnen (acht Familien, die in Rebellion leben) geschädigt wurden.
DIE ZAPATISTAS ERHALTEN Hilfe von denen, die selbst am wenigsten haben. Bis die nationale und internationale Solidarität ankommt, haben die Zapatistas der Unterstützungsbasis selbst die betroffenen Zapatistas untergebracht, diejenigen, die nicht in lächerlichen Fernsehszenen an der Seite irgendeines Staatsbeamten zu sehen sind, diejenigen, die in keiner offiziellen Statistik der Katastrophe erscheinen. Die Zapatistas haben auch PRI-AnhängerInnen aufgenommen, bei denen ebenfalls keine Hilfe ankam. Ganze Familien von PRI-AnhängerInnen wohnen derzeit in der autonomen Schule von Las Nubes.
DIE KÜSTENREGION, das Gebirge und Teil des Grenzgebiets zu Guatemala gehören zu den neueren Gebieten in der zapatistischen Organisation. Diese Regionen öffneten sich und wuchsen nach 1994, als sich Männer und Frauen dem Widerstand in weiter entfernten Gemeinden anschlossen, wo sie ihre Autonomie organisieren. Bildungs- und Gesundheitsprojekte gedeihen in mühevoller Arbeit in diesen Gegenden, die zum Caracol La Realidad gehören (obwohl sie vom Urwald in Zeit und Entfernung weitab liegt).
DIE IM GEBIRGE GELEGENEN GEMEINDEN To-quián, La Laguna, Las Nubes und Cruz de Piedra (im offiziellen Landkreis Siltepec); die in Tapachula, Motozintla, Huixtla und Isla Mapa (an der Küste) und die Gemeinde Maíz Blanco an der Grenze sind am schlimmsten betroffen. Toquián ist völlig unbewohnbar, und die betroffenen Zapatistas der Unterstützungsbasis haben in den Häusern anderer Zapatistas Zuflucht gesucht. In La Laguna und Las Nubes bleiben die BewohnerInnen in ihren Häusern, aber es besteht ein großes Risiko, dass es zu erneuten Erdrutschen an den nunmehr zerklüfteten Hängen kommt.
IN CRUZ DE PIEDRA fanden die Menschen bei Familienangehörigen Unterschlupf, und in Belisario Domínguez und Motozintla verbleiben sie in ihren völlig zerstörten Dörfern. Sie bleiben ohne Häuser, ohne Nahrung, ohne ihre Kaffeepflanzungen, ohne Maisfelder, ohne Kleidung und ohne Medizin zurück. Das Wasser nahm alles mit, und die Menschen überleben nur dank der Unterstützung, die sie vom Rat der Guten Regierung erhalten, aber diese reicht nicht.
IN BELISARIO DOMINGUEZ (im offiziellen Landkreis Motozintla) wurde das erst kürzlich eingeweihte Schulungszentrum für ErziehungspromotorInnen völlig zerstört. Die Lehmbauwände sind jetzt nur noch Sand, und der Kurs, der gerade erst fünf Tage lief, musste unterbrochen werden. Drei Monate war diese Schule von 21 zapatistischen GemeindelehrerInnen erst alt. Die Anstrengungen vieler Jahre und die Arbeit vieler Menschen im Herzen eines Dorfes Che Guevara begraben, welches nicht mehr existiert; auch das Haus des Gesundheitspromotors, das als Praxis für traditionelle Medizin diente, steht nicht mehr. BOHNEN, REIS, SUPPEN, MAISMEHL, Speiseöl, Zucker, Seife, Kondensmilch, daran denken die Menschen zuerst, wenn sie Hilfe anfordern. Mais? „Naja, dann muss man auch noch Maismühlen bringen, sonst esse ich ja nicht“. Medizin gegen Grippe, Husten, Durchfall, Erbrechen und Fieber. Antibiotika, Schmerzmittel und Serum. Geschirr zum Kochen und Decken. Kleidung? „Ja, aber nützliche, keine Ballkleider oder Absatzschuhe“.
Quelle:
http://www.rojoynegro.info/2004/article.php3?id_article=7069
Gloria Muñoz Ramírez, Übersetzung: Katja
DIE VON UNTEN
Erschienen in: Info-Blatt 67 des Ökumenischen Büros
München
November 2005
Förderung durch das