Traum und Schlaflosigkeit, Freude und Trauer,Leben und Tod
Gloria Muñoz Ramírez über ihr Buch: „EZLN: 20 + 10 – Das Feuer und das Wort“
(ssch) Sieben Jahre lang lebte die mexikanische Journalistin Gloria Muñoz Ramírez in zapatistischen Gemeinden in Chiapas. Ihre Erfahrungen und Einschätzungen aus dieser Zeit hat sie in dem Buch „EZLN: 20 + 10 – Das Feuer und das Wort“ zusammengefasst. Im Oktober war sie – im Rahmen einer Lesereise durch Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Griechenland, Frankreich und Spanien – auch zu Gast beim Ökumenischen Büro in München und stellte ihr (im Oktober 2004 nun auch auf deutsch im Unrast-Verlag erschienenes) Buch vor, in dem 20 Jahre Bestehen der EZLN, 10 Jahre Vorbereitung und 10 Jahre Krieg, beschrieben und dokumentiert werden. Dieses Buch zeichnet die Geschichte der EZLN von ihren Anfängen 1983 bis hin zur Gründung der Caracoles und der Juntas der Guten Regierung im Jahre 2003 nach.
Die Journalistin und Autorin Gloria Muñoz Ramírez
Gloria Muñoz wurde 1967 in Mexiko D. F. geboren und begann nach ihrem Studium an der UNAM 1988 ihre Laufbahn als Journalistin. Sie war unter den ersten JournalistInnen, die nach dem überraschenden Aufstand im Januar 1994 nach San Cristóbal de las Casas, Chiapas, reisten. Sie befand sich mit ihren KollegInnen aus dem In- und Ausland in dem Gebiet, um über den Aufstand und den Krieg zu berichten, und fand dort neben dem Schmerz und dem Leid, das ein Krieg mit sich bringt, auch sehr viel Hoffnung vor. Dies war das Überraschende und Neue an dieser bewaffneten Erhebung: Es gab eine Bewegung in der Selva Lacandona, die zum einen militärisch organisiert war und in kürzester Zeit sieben Städte in Chiapas besetzt hatte, und sich andererseits anschließend den JournalistInnen stellte und im Dialog mit ihnen und der so genannten Zivilgesellschaft ihre Gewehre gegen die Hauptwaffe des zapatistischen Kampfes, das Wort, eintauschte. Die Mühen, die die ZapatistInnen in diesen Dialog gesteckt hatten, hatten großen Erfolg: In den Ruf „Ya Basta“ stimmten innerhalb kurzer Zeit viele Millionen Stimmen im In- und Ausland ein. Gloria Muñoz blieb jedoch zunächst nicht in Chiapas, sondern kehrte nach Mexiko-Stadt zurück, wo sie bis 1996 für die mexikanischen Zeitungen Punto und La Jornada, die deutsche Nachrichtenagentur dpa und die nordamerikanische Zeitung La Opinión weiterarbeitete. Es zog sie jedoch auch in diesen Jahren immer wieder in die Gemeinden in Chiapas zurück, in denen sie den Prozess der Autonomiebestrebungen beobachtete, solidarisch unterstützte und vor allem auch weiterhin darüber berichtete. Die Rückkehr in die Stadt fiel ihr nach jedem Aufenthalt schwerer und eines Tages fasste sie den Entschluss, für längere Zeit in den zapatistischen Gemeinden zu leben. Gloria Muñoz’ Entscheidung, ihre Familie und FreundInnen zurückzulassen und mit den Compañer@s in den rebellischen Landkreisen alles zu teilen, „Traum und Schlaflosigkeit, Freude und Trauer, Essen und Hunger, Verfolgung und Ruhe, Leben und Tod“, und dabei einerseits mit dem Blick der Journalistin wahrzunehmen und andererseits darüber hinaus sehen zu lernen, wie man in den Bergen des mexikanischen Südostens zu sehen lernt, zollt auch Subcomandante Marcos in der Einführung zu Gloria Muñoz’ Buch große Anerkennung. Dass sie es geschafft hat, die zapatistische Skepsis und viele Schwierigkeiten des Lebens in den zapatistischen Dörfern zu überwinden, dort viele Jahre zu bleiben und Teil des Alltagslebens der Compañer@s zu werden, unterscheide sie von den vielen anderen JournalistInnen, die die Notwendigkeit, sich bewaffnet zu erheben und ein Leben zwischen Angriffen und Verteidigung entweder als „romantisch“ wahrnahmen oder sich nach kurzem Aufenthalt wieder um Dinge kümmern wollten, die ihnen ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, erschienen.
Als Gloria Muñoz der EZLN das Buch vorstellte, das durch die Anstrengungen der Zeitschrift Rebeldia und der mexikanischen Tageszeitung La Jornada im Rahmen der gleichnamigen Kampagne „EZLN: 20 + 10 – El fuego y la palabra“ (die Kampagne gab dem Buch den Titel, nicht umgekehrt) herausgegeben werden sollte, ergänzte die EZLN das Material mit Interviews, um damit die umfassende Geschichte und Dokumentation zu vervollständigen. Erstmals wird damit auch der der Öffentlichkeit am unbekannteste Zeitraum von 1983 – 1994 dargestellt.
Gloria Ramírez in München
In München erzählte Gloria Muñoz bei der Veranstaltung des Ökumenischen Büros nach einem kurzen Videofilm über die zapatistische Bewegung die Geschichte des Buches, den Hintergrund der Kampagne „20 + 10“ und über die vergangenen und aktuellen Entwicklungen in den aufständischen Gebieten in Chiapas. Im Folgenden sind einige der anschließenden Fragen aus dem Publikum dokumentiert:
Wie kam es, dass Du sieben Jahre bei den ZapatistInnen geblieben bist? Das war ein langer Prozess, der nicht von einem Tag auf den anderen stattfand. Ich habe für verschiedene Medien drei Jahre lang über den Prozess in Chiapas berichtet. 1996 war ich dann schon mehr innerhalb der Gemeinden als außerhalb, ich blieb einige Wochen oder Monate dort und dann wieder etliche Tage und Wochen außerhalb. Ich verbrachte viel Zeit dort, da ich anfangs nicht viel über die Prozesse dort wusste und sie verstehen lernen wollte. Wenn ich länger dort war, ging ich sehr ungern wieder weg: es unterbrach die Integrationsprozesse und die Beziehungen mit den Familien der Gemeinde. Aber ich musste mich eben auch um meine alltäglichen Dinge kümmern, meiner Arbeit nachgehen und schreiben, meinen Verpflichtungen nachkommen, Rechnungen bezahlen etc. Eines Tages empfand ich das als so unbefriedigend, dass ich mich gefragt habe: Warum mache ich das überhaupt noch? Und so beschloss ich Ende 1996, alle Angelegenheiten außerhalb sein zu lassen und auf unbestimmte Zeit in einer Gemeinde zu leben. Ich wusste nicht, ob ich zwei Monate, sechs Monate oder ein Jahr dort bleiben würde. Das Hauptmotiv war, verstehen zu wollen, zu teilen und dort zu leben – aber doch immer als eine außen stehende Person. Auch nach sieben Jahren ist man dort immer noch Besuch.
Ich stelle es mir sehr schwer vor, etwas aufbauen zu wollen wie die Gesundheits- und Bildungseinrichtungen und immer wieder mit einer Regierung konfrontiert zu werden, die sehr mächtig ist und das nicht zulässt. Ja, es ist natürlich sehr schwierig, wenn die gesamte Bundesregierung dagegen ist. Aber die Stärke der Bewegung rührt daher, dass es eine reale Basis gibt. Die Regierung hat es nicht mit hundert Leuten zu tun, sondern mit Zehntausenden. Ein Beispiel, wie diese Konfrontation im Alltag abläuft: Die Fahrzeuge, die der Junta der Guten Regierung gehören, haben eine Aufschrift auf der Tür: Junta der Guten Regierung, Gebiet im Aufstand. Als eines dieser Fahrzeuge auf der Bundesstraße unterwegs war, hielt ein Polizeibeamter den Fahrer an und meinte, es wäre verboten, ein Funkgerät in einem zivilen Fahrzeug mitzuführen. Der Fahrer zeigte eine Erlaubnis der Junta der Guten Regierung vor. Daraufhin war der Polizeibeamte etwas verwirrt, wollte aber dennoch das Fahrzeug beschlagnahmen. Der Fahrer erwiderte, dass er das Fahrzeug mitnehmen könne, am nächsten Morgen würden sie es sich dann wieder holen – die unausgesprochene Bedeutung dieses Satzes war, dass am nächsten Tag Tausende von ZapatistInnen auftauchen und sich das Fahrzeug holen würden. Daraufhin entschied der Polizeibeamte, das Auto doch lieber weiterfahren zu lassen. Natürlich ist es nicht immer so einfach, aber es gibt doch ein bestimmtes Kräfteverhältnis: Die ZapatistInnen existieren schließlich, es sind unzählige Gemeinden, die so organisiert sind. Sie werden auf verschiedenste Weise angegriffen, militärisch, paramilitärisch und durch die konterrevolutionären Programme der Regierung, denn natürlich akzeptiert die Regierung diese Organisationsform nicht. Sie hat jedoch eigentlich keine Mittel, die ZapatistInnen anzugreifen. Von Anfang an hatten sie mit den ZapatistInnen ein Problem, weil sie sehr unbequem sind. Ob mit oder ohne große militärische Aktionen, wenn die Regierung alle Aufständischen umgebracht hätte, hätte sie verloren, und ohne sie umzubringen, hätte sie auch verloren. Das heißt nun nicht, dass die Regierung nicht vorhat, größere militärische Aktionen zu starten. Es gibt jedoch seit langem eine militärische Konfrontation auf niedrigem Niveau, die fast noch schlimmer ist als große Angriffe: die Vergewaltigungen, die alltäglichen Bedrohungen und Gewaltattacken. Aber sie haben es trotzdem nicht geschafft, dass die ZapatistInnen sich ergeben haben. Das ist es, womit die Bundesregierung und die Regierungen der Bundesstaaten immer konfrontiert werden und womit sie es zu tun haben.
Wie verhalten sich die verschiedenen indigenen Bevölkerungsgruppen zueinander und wie agieren sie mit den ZapatistInnen? Wie groß ist heute der Einfluss der zapatistischen Bewegung auf andere indigene Gruppen, die zum Teil sehr weit weg von der Zone des Konflikts leben? Es gab schon im Jahr 1995 ein großes Treffen mit der Mehrheit der verschiedenen indigenen Gruppen. An diesem Treffen haben 48 der 56 Gruppen teilgenommen und zusammen das Abkommen von San Andrés vereinbart. Dadurch, dass die Regierung dieses Abkommen nie anerkannt hat, hat sie nicht nur der EZLN, sondern auch der Mehrheit der indigenen Bevölkerung den Rücken zugekehrt. Im Rahmen dieses Treffens wurde auch der Nationale Indigene Kongress einberufen, an dem mehr als 50 verschiedene Gruppen teilnahmen. Aber wie ist nun heute das Verhältnis? Es bilden sich auch autonome Gemeinden außerhalb von Chiapas, z. B. die Gemeinde Sulha in Guerrero; die Gemeinde von San Salvador in Atenco im Bundesstaat Mexiko, es gibt Gemeinden in den Bundesstaaten Morelos und Mexiko, Gemeinden in San Sebastian und in Michoacan. Es werden auch Caracoles und Juntas der Guten Regierung gegründet. Sie befinden sich z. T. 1.000 oder 1.500 Kilometer entfernt von Chiapas. Diese Gemeinden kopieren nicht einfach die Autonomie der ZapatistInnen, sondern bilden ihre eigene Autonomie im Einklang mit ihrer eigenen Geschichte. Aber sie besuchen die Gemeinden in Chiapas und tauschen ihre Erfahrungen aus. In einer Gemeinde in Michoacan gibt es z. B. einen sehr großen schönen See. In der Umgebung sollen deshalb viele ökotouristische Projekte etabliert werden. Für eines dieser Projekte sollen 2.000 Häuser gebaut werden, Motorboote, die den See verschmutzen werden, Rad- und Skaterwege, Abenteuersportanlagen usw. Die Gemeinde organisierte sich, um dieses Projekt zu verhindern und gründete deshalb ein Caracol und ihre Junta der Guten Regierung. D. h., es ist in jeder Gemeinde immer ein anderer Kampf, der so jeweils seine ganz eigene Dynamik hat.
Sehen ausländische Regierungen kein Problem in den Aufständen, die ja auch ein Risiko bzw. Beeinträchtigungen für Investitionen darstellen können? Gibt es nicht Druck auf die mexikanische Regierung? Um Vertrauen für ausländische InvestorInnen zu schaffen, bemüht sich die mexikanische Regierung zu betonen, dass in Chiapas nichts passiert ist. Als der derzeitige Präsident Vicente Fox sein Amt übernommen hatte, verbreitete er sofort, dass das Gebiet entmilitarisiert sei. Er wollte damit die ausländischen Investitionen fördern. Kein einziger Soldat hat jedoch das Gebiet verlassen. Die Regierung verbreitet natürlich weiterhin, dass in dieser Region und anderen konfliktiven Zonen nichts passiert. Es gibt dazu auch Untersuchungen von multinationalen Unternehmen in Bezug auf die aufständischen Gemeinden. Doch die Unternehmen sehen nur das, was sie sehen wollen. Die natürlichen Ressourcen sind es, die sie interessieren, nicht der Widerstand der Gemeinden. Sie können blind sein gegenüber dem Widerstand, jedoch nicht gegenüber dem Uranvorkommen, dem Erdöl, dem ganzen Reichtum an natürlichen Ressourcen. Die mexikanische Regierung verkauft die Idee, dass man den Aufstand unter Kontrolle halten kann, und die ausländischen Unternehmen wollen das gerne glauben.
(ssch)
„Traum und Schlaflosigkeit, Freude und Trauer,Leben und Tod, Gloria Muñoz
Ramírez über ihr Buch: „EZLN: 20 + 10 – Das Feuer und das Wort““
Erschienen in: Info-Blatt 65 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2004
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