Radio Insurgente, die Stimme der EZLN. Jetzt im Netz
Von Leonie Fuhrmann
„Wir sind eine Gruppe von Priisten (Anhänger der langjährigen mexikanischen Regierungspartei, Anm. d. Verf.), aber bald werden wir vereint sein mit Eurem Kampf, der wirklich ein gerechter Kampf zur Verteidigung von uns Bauern ist“ – so lautet ein HörerInnenbrief an Radio Insurgente, die Stimme der EZLN. Dieser Brief kann, zusammen mit zahlreichen anderen Fotos, neuestens auf der Website von Radio Insurgente eingesehen werden ww.radioinsurgente.org. Dies ist eines von durchschnittlich zwanzig Schreiben, die jeden Tag das Radio Insurgente in den Bergen des mexikanischen Südostens über diverse Briefkästen erreichen. Darunter sind auch viele Briefe, die von den VerfasserInnen liebevoll bemalt wurden, mit Blumenmotiven für das Radioteam oder aber Bildern von Subcomandante Marcos mit seiner Pfeife. Kein Zweifel: Radio Insurgente ist in Chiapas äußerst beliebt. Es sendet seit ca. zweieinhalb Jahren auf verschiedenen UKW-Frequenzen im zapatistischen Gebiet des mexikanischen Bundesstaates Chiapas, und einmal wöchentlich auf Kurzwelle für die internationale Zivilgesellschaft. Mit der neuen Website, die zum 21. Geburtstag der EZLN am 17. November 2004 öffentlich wurde, können alle Kurzwellensendungen und einige Ausschnitte aus dem UKW-Programm nun auch im Internet gehört oder heruntergeladen werden. Damit einher geht ein Aufruf an alle freien Radios, die Programme auf der eigenen Frequenz zu senden. Zahlreiche Fotos geben einen Eindruck der Arbeit des Radioteams.
Im medialen Hinterland
Die mediale und kulturelle Umgebung, in der das Zapatistenradio sendet, macht diese Tatsache an sich schon zur Sensation. Radio Insurgente ist in Landstrichen zu hören, wo es keinen elektrischen Strom gibt, keine Unterhaltungsmedien, keine Zeitung. Wo die Gemeinden nach stundenlanger Fahrt durch Schotter und Schlamm letztlich nur zu Fuß oder zu Pferd erreichbar sind. Wo Unterhaltung darin besteht, Basketball oder Fußball zu spielen und ein- oder zweimal im Jahr beim Dorffest zu tanzen. In anderen Orten, die etwas näher an der westlichen Zivilisation liegen, gibt es auch mal einen öffentlichen Fernseher. Abends werden dort Spielfilme gezeigt, hunderte Männer, von Greisen bis zu kleinen Jungs, stehen und sitzen dann schweigend vor den Flimmerbildern. Da sie die spanischen Dialoge meist nicht verstehen und schnelle Untertitel nicht lesen können, mögen sie am liebsten Filme, in denen es laut kracht und Actionszenen für sich sprechen. Frauen und Mädchen sind an diesen Fernsehabenden die Ausnahme, offenbar schreiben die Sitten vor, dass sie zuhause bleiben. Rund die Hälfte der Frauen und ein Drittel der Männer sind in Chiapas AnalphabetInnen. Die meisten Frauen, die, wie so oft in ländlichen Gebieten, für den Erhalt der Traditionen zuständig sind, sprechen kein Spanisch, viele sind überhaupt nicht zur Schule gegangen. Das Zapatistenradio sendet allerdings neben Spanisch auch in den indigenen Sprachen der Region, es vertont uralte Maya-Geschichten, die zum regionalen Kulturgut gehören. Die SprecherInnen machen ihre Ansagen neben Spanisch auch in Tzeltal, Tzotzil, Tojolabal und Chol, sie spielen die Musik, die aus den Dörfern kommt, promoten lokale Bands. Damit ist das Radio Bühne und Spiegel für die eigene Kultur. Es gibt den HörerInnen Anlass zum Stolz, es ist „ihr“ Radio. Stolz ist in einer Gegend, in der Knechtschaft und Gehorsam jahrhundertelang den Alltag der indigenen Bevölkerung geprägt haben und wo noch vor 20 Jahren viele LandarbeiterInnen wie Leibeigene lebten, eine Waffe. In den zapatistischen Gebieten, wo es zu empfangen ist, wird fast ausschließlich Radio Insurgente gehört. Die Bauern nehmen ihren Empfänger mit aufs Feld, die Frauen hören es in den Hütten – so schafft es das Radio, die fortbestehenden gender-Barrieren zu überwinden.
Frauenrechte obenauf
Doch auch im Programm wird Frauenrechten ein verhältnismäßig großer Platz eingeräumt: In kurzen Hörspielen wird darauf hingewiesen, dass auch Frauen das Recht haben, Land zu besitzen, zu Versammlungen zu gehen oder frei von Gewalt zu leben. Stundenlange Radiomärchen von Subcomandante Marcos, in denen Hexen und Prinzessinnen, oder aber auch Gott und der Teufel die Handlung bestimmen, unterstreichen diese im zapatistischen Frauengesetz von 1993 festgelegten Grundsätze. Auch diese Geschichten finden sich jetzt auf der Website von Radio Insurgente und können wiederverwendet werden. Nach außen richtet sich das Radio explizit auch an Militärs und Paramilitärs. Gerüchtweise mit Erfolg: Es sollen schon öfter Soldaten der Bundesarmee aufgrund des Radioprogramms desertiert sein. Die RedakteurInnen – es sind hauptsächlich Frauen – sind schon einen sehr weiten Weg gegangen, um auf der Grundlage ihrer paar Jahre Landschule mit Mischpult, Computer und Mikrofon umgehen zu lernen. Doch immer noch ist vieles, was sie machen, experimentell. Oft gibt es Löcher im Programm, die Technik streikt, Übergänge fließen nicht, Livesendungen sind chaotisch, die Nachrichten zwar dreisprachig, aber auf eine lokale, eine nationale und eine internationale Meldung reduziert. Professionellen Ansprüchen oder westlichen Hörgewohnheiten genügt das sicher nicht, doch das Zielpublikum ist eines ganz sicher: geduldig. Und gerade weil es sich in den Mühen der RadiomacherInnen wiedererkennt, nimmt es den Sender als eigenes Medium an. Trotzdem es sich um ein Radio von und für ZapatistInnen handelt, ist Radio Insurgente immer noch von der Hilfe von außen abhängig, vor allem in finanzieller und technischer Hinsicht. Vor allem über den Verkauf von CDs mit Musik und Reden wird versucht, eigene Einkünfte zu erzielen – allerdings decken diese noch lange nicht die hohen Ausgaben für Sende- und Studiotechnik, die obendrein zuweilen unter den harschen klimatischen Bedingungen leidet. Auch die Ausbildung eigener RadiotechnikerInnen ist ein Projekt, das auf der Grundlage des allgemeinen Bildungsniveaus noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen dürfte. Das anspruchsvolle Ziel, das gesamte chiapanekische Territorium abzudecken, scheitert bisher noch am Fehlen weiterer Sender.
Spendenkonto für Radio Insurgente:
Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.
Kto.-Nr. 16264108
Postbank Berlin
BLZ 100 100 10.
Verwendungszweck: „Spende Radio Chiapas“
Spenden sind steuerlich absetzbar
Siehe auch: "http://www.radioinsurgente.org"
(Leonie Fuhrmann)
„Radio Insurgente, die Stimme der EZLN. Jetzt im Netz“
Erschienen in: Info-Blatt 65 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2004
Förderung durch das