„Das Bild der Jugendlichen in der Gesellschaft und bei sich selbst verändern“

Interview mit Elena Freedman (ACISAM) und Rosa Anaya (Red de Apoyo a OPERA)

Über Jugendbanden wird viel gesprochen und geschrieben, viele Informationen sehen ganz anders aus als das, was ihr beim Bundestreffen berichtet habt. Wie sehen die Strukturen der Jugendbanden aus, über welchen Organisationsgrad verfügen sie tatsächlich?

Uns, die wir mit Jugendbanden arbeiten, fällt immer wieder auf, wie groß das Interesse an Informationen über die Organisationsstrukturen der Jugendbanden ist. Du wirst aber verstehen, dass wir an ein Abkommen mit den Mitgliedern der Jugendbanden gebunden sind, dass wir Informationen, von denen sie nicht wollen, dass sie nach außen dringen, nicht weitergeben. Das werden wir einhalten. Die andere Seite der Medaille ist, dass die Jugendbanden nach unserer Einschätzung im Moment eine der wenigen organisierten Jugendstrukturen sind. Sie sind eigenständig, sie brauchen die Beatmung durch externe Organisationen, Verbände, Vereine nicht. Das fasziniert uns. Für uns als NGO ist in letzter Zeit die Frage der Organisierung von Bevölkerung, um für die eigenen Bedürfnisse zu kämpfen, egal, ob erwachsen oder jugendlich, sehr zentral geworden. Einiges haben wir erreicht, vieles noch nicht. Deswegen interessiert uns das Thema der Organisierung von Jugendbanden also doch. Und auch wenn wir nicht fragen, beobachten wir natürlich Dinge, bekommen etwas mit und ziehen Rückschlüsse. Zum Beispiel gibt es ja hauptsächlich zwei Jugendbanden in El Salvador, die Mara Salvatrucha und die Mara 18. Beide Jugendbanden haben eine bedeutsame Präsenz von den USA bis Costa Rica erreicht. Wir als NGO haben es bisher nicht zu einer Homepage gebracht, die beiden Jugendbanden aber schon. Die Homepage ermöglicht Kommunikationsstrukturen von den USA bis Costa Rica. Über die Art der Kommunikation wissen wir nicht Bescheid. Wir sind auch sehr interessiert an den örtlichen, lokalen Strukturen der Banden, den so genannten Cliquen. Die Clique ist die Viertelstruktur einer Bande. Eine Clique zu gründen setzt ein gewisses Maß an Gewalt voraus. Wie alle Organisationen haben auch die Banden Eintrittsbedingungen, Initiationsriten. Je nach Bande ist die Eintrittsbedingung unterschiedlich: bei der Mara Salvatrucha, auch MS 13 genannt, muss sich ein Eintrittskandidat 13 Sekunden lang wehrlos verprügeln lassen, entweder von einem Mitglied, das dafür bestimmt ist oder von der ganzen Gruppe. Bei der Mara 18 ist die Variation, dass die Prügel 18 Sekunden dauert. Das ist nach unserem Wissen so wie in den USA Für die Frauen ist es anders. Nach unserer Kenntnis liegt der Frauenanteil in den Jugendbanden unter 20 Prozent. Die Frauen können zwischen zwei Möglichkeiten wählen: eine sind die 13 oder 18 Sekunden Prügel, die andere Möglichkeit ist das, was sie „den Zug durchlassen“ nennen. In meiner Sprache und vermutlich auch in deiner bedeutet „den Zug durchlassen“ eine kollektive Vergewaltigung. Die Mehrheit wählt die zweite Möglichkeit. Und in den Augen der meisten Frauen handelt es sich hier nicht um Vergewaltigung. Das ist allerdings keine Eigenheit der Jugendbanden, denn in der restlichen Gesellschaft ist das ja auch so, dass Vergewaltigung meistens nicht als solche wahrgenommen wird. Überall auf der Welt haben viele Organisationen Eintrittsriten, die mit Schmerz und Gewalt zu tun haben, vor allen Dingen dann, wenn es um den Eintritt in eine Welt voller Schmerz und Gewalt geht. Wenn eine Clique in einem Stadtviertel existiert, bedeutet das, dass es einen Ort gibt, wo man sich trifft, redet, zusammen abhängt. Es kann bedeuten, Drogen zu konsumieren. Das ist nicht verpflichtend, passiert aber in der Regel. Die meist konsumierte Droge ist, wie überall, Alkohol und in der Regel ist es nicht einfach Konsum, sondern Sucht und Drogenmissbrauch. Es gibt Cliquen, die lange existieren, andere, die sich bald wieder auflösen. Deswegen gibt es Stadtviertel, die als Viertel der MS, andere als solche der 18 gelten. Ich habe lange in einem solchen Stadtviertel gelebt und habe dort gut gelebt, es gibt andere Leute, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das hängt von vielen Faktoren ab: von den Jugendlichen, die dort leben und ihrer Art, sich zu verhalten. Das ist nicht von Los Angeles aus vorgegeben, die gleiche Jugendbande kann von Stadtviertel zu Stadtviertel sehr verschieden sein. Es hängt aber auch von der restlichen Bevölkerung im Stadtviertel ab. Die Frage, wie sich die Bevölkerung untereinander und zu den Jugendbanden verhält, ist sehr ausschlaggebend für die Frage, ob es fruchtbaren Boden gibt für das dauerhafte Bestehen einer Jugendbande im Viertel oder nicht. Wir haben beobachtet, dass die Jugendbanden sehr unterschiedlich agieren je nach dem Stadtviertel, in dem sie sind.

Wie arbeitet ihr mit den Jugendbandenmitgliedern?

Wir haben mit unserer Organisation auf verschiedene Weise mit Jugendlichen gearbeitet. Eine Möglichkeit ist die Arbeit in dem jeweiligen Wohnort, dem Stadtviertel der Jugendlichen. Wenn wir mit der Arbeit in einem Stadtviertel beginnen, machen wir im ersten Schritt eine Bestandsaufnahme. Was sind die Hauptprobleme im Stadtviertel, wie ist die Situation, was sind die Ressourcen, um den Problemen zu begegnen. Die Leute machen erst einmal für alles die Jugendbandenmitglieder verantwortlich. Unsere Position ist aber, dass nicht allein sie das Problem sind. Deswegen haben wir beschlossen, dass wir uns mit allen Jugendlichen treffen wollen, nicht nur mit den Jugendbandenmitgliedern, um die Wahrnehmung, dass die Probleme allein von ihnen ausgehen, nicht zu verstärken. Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, wie verschiedene Gruppen von Jugendlichen teilnehmen können, weil es natürlich auch nicht so einfach ist, Mitglieder der beiden Jugendbanden und anderer Gruppen an einen Tisch zu bekommen. Im ersten Jahr haben wir zum Beispiel gemeinsam mit anderen Organisationen des Stadtviertels ein Wandbildprojekt gestartet, dass das Thema „Was bedeutet es, Jugendlicher zu sein“ trug. Jede Gruppe hat also angefangen, die Frage zu reflektieren, um am Ende ein Motiv für das Wandbild zu erarbeiten und schließlich umzusetzen. Das Mittel der Wandbilder interessiert uns sehr, weil es ja auch ein Mittel der Jugendbanden ist, über Graffitis ihre Präsenz zu zeigen. Zentral ist für uns aber, was drum herum passiert. Wenn die Leute sehen, dass Andrés, den sie für einen großen Mörder halten, erlaubterweise eine Wand bemalt und wenn sie sehen, dass ein Fernsehsender kommt und ihn interviewt, dann sagen sie schon mal: „Mensch, der Andrés, das ist ja ein ganz vernünftiger Kerl.“ Hier geht es um die Konstruktion von Identitäten. Dazu vielleicht ein Beispiel: Über den Prozess des Wandbildes haben wir auch ein Video gedreht. Darin haben wir die Jugendlichen gefragt, was für Rückmeldungen sie von anderen StadtteilbewohnerInnen bekommen haben. Die Jugendlichen haben gelacht und gesagt: „Die Leute sagen, wir sind auf den richtigen Weg gekommen und werden gesund.“ Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wir betrachten uns nicht als RetterInnen irgendwelcher Seelen oder als ExpertInnen der Rehabilitierung. Aber wir wissen, dass es wichtig ist, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, und das löst etwas aus, weil Menschen über diesen Spiegel beginnen, sich selbst neu zu konstruieren. Das sind für uns die beiden Seiten in dem Prozess: Die eine ist, den Jugendlichen einen Spiegel vorzuhalten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu reflektieren, die andere ist das Bild der Jugendlichen innerhalb der Bevölkerung zu verändern. Das heißt nicht, dass die Gewalttätigkeit geleugnet werden soll, sondern es sollen die verschiedenen Facetten deutlich werden.

Ihr habt erwähnt, dass es für euch nicht das oberste Ziel ist, Jugendliche aus den Jugendbanden „herauszuholen“, sondern in die Jugendbanden hineinzuwirken. Aber wenn es Jugendliche gibt, die raus wollen, welche Möglichkeiten haben sie?

Auch das ist von Jugendbande zu Jugendbande unterschiedlich. Es ist oft so, dass, wenn die Jugendlichen ein Alter erreichen, in dem sie eine Familie gründen wollen, ein Konzept greift, das sich „calmarse“, zur Ruhe kommen, nennt. Sie gehören dann weiter ihrer Jugendbande an, sind aber kein aktives Mitglied mehr, nehmen nicht mehr an Versammlungen und Aktivitäten teil. Das ist eine Möglichkeit, die von allen Jugendbanden akzeptiert wird. Eine andere Möglichkeit ist, in eine Kirche einzutreten oder sich der Arbeit einer NGO anzuschließen. Das Konzept des „zur Ruhe Kommens“ ist für uns sehr schwierig. Auf der einen Seite ist es eine wichtige Möglichkeit für die Jugendlichen. Auf der anderen Seite haben wir aber sehr schmerzhaft erleben müssen, dass dieses „zur Ruhe kommen“ bedeutet, sich einer großen Bedrohung auszusetzen, weil die Jugendlichen ohne den Schutz der Jugendbande viel gefährdeter sind: gegenüber der anderen Jugendbande, gegenüber der Polizei und gegenüber den Todesschwadronen, die Jugendbandenmitglieder umbringen. Deswegen begleiten wir diese Entscheidung mit Angst und mit einem Lachen. Wir fordern die Jugendlichen nicht auf, aus der Jugendbande auszutreten. Wir schlagen ihnen eher vor, Alternativen zur Gewalt zu suchen. Wir glauben deswegen, dass die Entscheidung auf kollektiver Ebene stattfinden muss. Dass dem individuelle Reflexionsprozesse vorangehen müssen, ist logisch. Denn wenn die Jugendbande eine Entscheidung treffen würde, die Gewalt beiseite zu lassen und sich zu integrieren, ohne dass die einzelnen Mitglieder diesen Prozess durchgemacht haben, der sie zu der Überzeugung hat kommen lassen, dass dieser schwierige Weg sich lohnt, hat das natürlich keinen Sinn. Genauso wenig reicht es aber aus, wenn einzelne Individuen die Entscheidung für sich treffen, denn die Realitäten ändern sich ja dadurch nicht. Unser Ziel wäre also, dass die Jugendbande als Ganzes die Entscheidung trifft.

Wie arbeitet ihr innerhalb der Gefängnisse und welches Ziel verfolgt ihr mit dieser Arbeit? Und was können die Jugendlichen mit den mit euch durchlebten Prozessen anfangen, wenn sie wieder draußen sind? Welche Veränderungen versprecht ihr euch?

Ein wichtiges Thema, das wir innerhalb der Gefängnisse bearbeitet haben, ist das der Netzwerke. Es geht darum, die Kontakte zu stärken, die die Jugendlichen im Gefängnis zu Leuten außerhalb haben. Das ist sehr schwierig. In vielen Fällen gibt es diese Leute auch nicht. Aber wir haben damit angefangen zu fragen: Was sind die drei wichtigsten Menschen für dich draußen? Wer ist das und was sind die positiven und die negativen Aspekte in deiner Beziehung zu diesen drei Menschen? Und wenn du das bewertest, wie würdest du diese Beziehung gerne verändern, weiterentwickeln? Denn das sind Bereiche, wo die Jugendlichen Veränderungen denken und ausprobieren können. Es ist sehr schwierig, das Thema der Träume zu bearbeiten, denn wir müssen auch realistisch sein. Warum soll sich ein Jugendlicher darüber Gedanken machen, was er alles verändern möchte, wenn er aus dem Gefängnis kommt, wenn er mit einer Strafe von 30 Jahren einsitzt? Am Anfang haben wir schon solche Themen bearbeitet: Wenn du raus kommst, wen wirst du als erstes aufsuchen, was wirst du tun? Was willst du so weitermachen wie vorher, wo willst du etwas verändern? Aber das machen wir jetzt anders. Wir arbeiten also stärker mit dem Thema der Beziehungen zu Leuten innerhalb und außerhalb des Gefängnisses. Denn das ist Teil ihrer jetzigen Realität. Wir können dir ein Beispiel geben von einem jungen Mann, der mit einer Haftstrafe von 30 Jahren einsitzt. Da ist natürlich die Frage, ob er sich noch irgendwelche Fragen stellen muss. Aber es geht eben darum zu ermöglichen, das eigene Leben als solches zu begreifen, so beschissen es auch ist. Die eigene Realität nicht schön zu reden, aber auch nicht zu verdrängen, sondern innerhalb dessen die Entscheidungsmöglichkeiten zu suchen. Du bist also im Gefängnis, kommst hier erst einmal nicht raus, das können wir nicht verändern. Aber wie lässt sich deine Lebensqualität verbessern? Er nahm an einem solchen Workshop teil, wir haben über die Unterstützung untereinander gesprochen, über die Familien, über die Schlüsselpersonen, von denen Unterstützung ausgehen könnte. Den jungen Leuten ging vieles sehr nahe. Der junge Mann hat uns nach den Workshops gesagt, dass er sich der Beziehungen, die er ja hat, erst im Workshop bewusst geworden ist. Er hatte zum Beispiel gedacht, er müsse sich von seiner Frau trennen. Das hat er für sich entschieden, weil es ja keine Perspektive gibt. Nach dem Workshop ist ihm klar geworden, dass er seine Frau vielleicht nach ihrer Meinung danach fragen könnte. Das muss man sich vorstellen. Und dann haben die beiden zusammen entschieden, dass sie ihr Leben, so, wie es nun mal ist, versuchen zu leben. Sie haben sieben Kinder zusammen. Sie kommt ins Gefängnis, wann es geht. Was ich sagen will: Sie haben geredet, Entscheidungen getroffen. Er konnte sich daran erinnern, dass er eine Familie hat. Das ist ein ganz wichtiges Moment in der Arbeit mit den Jugendlichen. Es geht darum, dass sie nicht verschwinden, weil sie im Gefängnis sind, sondern die Träume suchen, Veränderungen suchen, sich nicht von der Realität abkoppeln. Die Veränderung, die wir bei dieser Arbeit am meisten beobachtet haben, ist die, dass die Leute sich ihrer Entscheidungen bewusster werden. Es geht auch darum, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und auch das ist kein Problem, das allein die Jugendbanden betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Sie tut sich schwer, Entscheidungen zu treffen, beziehungsweise es gibt oft kein Bewusstsein für getroffene Entscheidungen und dementsprechend wird auch die Verantwortung dafür nicht übernommen. Die Leute, die Gesellschaft möchten Ergebnisse, Veränderungen sehen. Wer will das nicht, auch die Jugendlichen wollen das. Wenn welche aus welchen Gründen auch immer nicht an unseren Workshops teilnehmen konnten, dann beginnen die anderen das, was dort geschehen ist, mitzuteilen. Zunächst die Ergebnisse. Sie sagen, ja wirklich, das funktioniert. Und dann versuchen sie das, was sie gelernt haben zu reproduzieren. Es interessiert sie sehr, allen mitzuteilen, wo die Vorteile des Gelernten liegen.

Und hier sehen wir immer wieder, über welche Macht der Gemeinschaft sie verfügen. Klar, zunächst zwingt sie das Gefängnis zum Zusammenhalt, aber du siehst eben auch die Freundschaften, die es ihnen erlauben, in dem Moment, wo ihnen etwas zugute kommt, an die anderen zu denken. Diese Beziehungen untereinander sind uns sehr wichtig, weil es eben auch bedeutet, dass an dem Tag, wo wir nicht mehr kommen, die Inhalte weitergegeben werden.

Ihr habt von den Reaktionen der Bevölkerung auf den Plan Mano Dura berichtet. Wie haben denn die Jugendbanden selber reagiert?

Als mit dem Plan Mano Dura die Verhaftungswellen einsetzt, war den Jugendbanden klar, dass sie irgendwie reagieren müssen. Die Mara Salvatrucha hat gesagt, wir wollen öffentlich reagieren und wir wollen unsere Einschätzung und unsere Vorschläge öffentlich machen. Viele von uns als NGOs fanden das eine sehr positive Entwicklung, die wir unterstützen wollten. Wir haben sie also darin bestärkt, ihre Sichtweise auf eine normale Weise zu veröffentlichen, so, wie sie von den Leuten auch verstanden werden kann, also nicht mit Gewalt. Sie haben eine Pressekonferenz organisiert. Das war neu, dass Jugendliche, dass Jugendbanden im Speziellen, mit einer Konferenz an die Presseöffentlichkeit gegangen sind. Es wurden vier salvadorianische Medien und drei internationale eingeladen. Und sie haben ein Transparent aufgehängt, auf dem stand, „Wir wollen nicht die Manövriermasse von ARENA sein“. Sie haben die Einschätzung veröffentlicht, die viele von uns teilen, dass die Kampagne gegen sie ein Wahlmanöver ist, sie haben aber auch nicht abgestritten, dass sie der Bevölkerung realen Schaden zugefügt haben, und sie haben die Regierung aufgefordert, einen Haushalt für Eingliederungspläne zur Verfügung einzustellen. Die Presseerklärung erschien in den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet. Wir haben sie auch über Netzwerke von interessierten Leuten in Lateinamerika verbreitet, AkademikerInnen, andere Gruppen. Das interessanteste war die Reaktion der Regierung. Die Jugendlichen waren, angesichts der Tatsache, dass durch den Plan Mano Dura öffentliches Auftreten Verhaftung bedeutet, vermummt. Die Regierung sagt nun, das waren gar keine Jugendbandenmitglieder. Die Polizei sagt, sie hätten ja gar keine Tätowierungen gehabt. Gut, wenn man genau hingeschaut hätte, hätte man sie sehen können, aber sie hatten natürlich langärmlige Sachen an, es gab halt keine unbekleideten Körperstellen, zum Schutz. Der Polizeichef hat schließlich auch noch gesagt, dass es keine Jugendbandenmitglieder waren, weil sie gesagt hätten, dass sie arbeiten wollen. Andere, die anscheinend Experten sind auf der Ebene internationaler Studien, sagen, es können keine Jugendbandenmitglieder gewesen sein, weil das nicht ihre Art zu agieren sei, sie würden ausschließlich mit Gewalt agieren. Andere sagten, dass es Studenten der Nationaluni gewesen seien, denn die träten ja schließlich immer so vermummt auf. Wiederum andere sagen, es seien die Jesuiten der UCA mit der Organisation Homies Unidos gewesen. Aber es ist bekannt, dass die Homies Unidos mehr mit der 18 zusammenarbeiten. Die UCA gab den Ball zurück und behauptete, der Präsident des Nationalen Sicherheitsrats der Regierung habe die Pressekonferenz veranstalten lassen. Alle haben also am Ende abgestritten, dass es die Jugendbandenmitglieder selber waren, die die Pressekonferenz veranstaltet hatten. Diese Reaktionen haben uns sehr frustriert. Denn in Guatemala ist als Reaktion auf den entsprechenden Plan dort ein Kadaver in einer Plastiktüte aufgetaucht mit einer Drohbotschaft an den Präsidenten, dass noch weitere solcher Aktionen geschehen werden, wenn die Pläne nicht fallen gelassen werden. In Honduras geschah das Gleiche. Niemand hat angezweifelt, dass es die Jugendbanden waren, die dahinter steckten. Aber wenn sie eine Pressekonferenz organisieren, wissen alle, dass sie es nicht sein können. Was uns besonders frustriert hat, war nicht die Reaktion des Polizeichefs, sondern die Tatsache, dass es auch so viele andere Stimmen gegeben hat, von Kräften, mit denen man eigentlich an einem Strang zu ziehen glaubt. Doch auch sie sind davon überzeugt, Jugendbandenmitglieder könnten nichts anderes als töten. Das bedeutet enorm schwierige Voraussetzungen für die Arbeit. Es ist eine große Herausforderung, für sie und auch für uns, deutlich zu machen, dass sie sehr wohl andere Fähigkeiten haben als zu töten.

Wie sehen aus eurer Perspektive Handlungsmöglichkeiten von Leuten und Gruppen hier in Deutschland aus? Was erhofft ihr euch von uns?

Als wir uns auf die Reise vorbereitet haben, haben wir uns diese Frage gestellt und wir sind auf drei Bereiche gekommen. Die Situation der Jugendbanden ist im Kontext der gesamten politischen und ökonomischen Situation und der Situation der Jugendlichen im Allgemeinen zu sehen. Im Kontext der neoliberalen Politiken und auch im Kontext der internationalen „Sicherheitspolitik“ und der Politik der „Terrorismusbekämpfung“. Wir wollen hier keinen mechanischen Zusammenhang herstellen zwischen der geopolitischen Situation und der Existenz der Jugendbanden. Aber wir wollen schon betonen, dass es fruchtbaren Boden gibt, der durch diese genannten Politiken bereitet wird.

In diesem Sinn ist die Arbeit, die ihr hier auf lokaler oder internationaler Ebene macht, um die weltweiten Netzwerke zu unterstützen und nach strukturellen Veränderungen zu suchen, ein wichtiger Beitrag dazu, die Situation der Jugendlichen in Zentralamerika zu verändern. Hier spielt auch der Abschluss der Freihandelsverträge eine Rolle. Die Freihandelsverträge werden die Situation der Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, mangelnder Zugang zum Gesundheitssystem, zu Bildung etc. verschärfen.

Als zweiten Bereich sehen wir, dass die Solidaritäts- und Menschenrechtsgruppen sehr hartnäckig sind in ihrer Kritik an der Verletzung der Menschenrechte. Auch die Netzwerke für Protestbriefaktionen, die im Laufe der Jahre entstanden sind, sind ein wichtiges Instrument. In diesem Sinn möchten wir erwähnen, dass wir zur Zeit darum bemüht sind, die Organisationen stärker zu vernetzen, die mit Jugendbanden in Gefängnissen arbeiten. Zur Zeit machen wir diesbezüglich wichtige Schritte. Es wurden Presseerklärungen verfasst und veröffentlicht. Das ist ein wichtiger Fortschritt, weil wir verschiedene Organisationen zu einer Stimme vereint haben. Es wäre ein interessanter Punkt für die Zusammenarbeit, diese Anstrengungen zu verbinden mit einer Koordination der öffentlichen Kritik und Anklagen mit Protestbriefaktionen.

Und drittens haben wir noch viel zu wenig über die Alternativen gesprochen, aber ich möchte euch sagen, dass wir hier viel arbeiten, aber auch noch viele Schwächen haben und viel vor uns haben. Hier interessiert es uns sehr, im Austausch zu sein mit Organisationen, die über eigene Erfahrungen verfügen, über die wir uns austauschen können. In diesem Zusammenhang sind wir sehr dankbar dafür, dass wir bei unserer Rundreise Gelegenheit haben werden, solche Gruppen zu treffen.

(bw)
"„Das Bild der Jugendlichen in der Gesellschaft und bei sich selbst verändern“
Interview mit Elena Freedman (ACISAM) und Rosa Anaya (Red de Apoyo a OPERA)

Erschienen in: Info-Blatt 65  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2004

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