Caracoles die Juntas der Guten Regierung
2003 gab sich die zapatistische Bewegung in Chiapas eine neue Struktur der Selbstverwaltung in Form von sog. Caracoles und Juntas der Guten Regierung. Vom 8. bis 10. August 2003 feierten rund 20.000 Menschen in der Gemeinde Oventik die offizielle Installation dieser Regierungen, was einen weiteren Schritt in Richtung Autonomie und Selbstverwaltung darstellt.
Die Juntas sind in den fünf Zentren, die bisher Aguascalientes genannt wurden und die die politischen und kulturellen Orte der Bewegung waren, ansässig. Gebildet werden sie aus Delegierten der jeweils zugehörigen autonomen Landkreise. Sie sollen jedoch in Zukunft regelmäßigen Rotationsprozessen unterliegen, damit die Aufgaben gleichmäßig verteilt werden . Die zentralen Aufgaben der Juntas sind Vermittlung bei internen und externen Konflikten, Annahme und gerechte Verteilung von Hilfsgütern, Überwachung überregionaler Projekte, Verhinderung von Korruption, Gewährleistung einer ausgewogenen Entwicklung innerhalb der rebellischen Gebiete und sie dienen als Kontaktstelle für Solidaritäts- und Menschenrechtsorganisationen, Presse sowie interessierte Personen allgemein.
Die ZapatistInnen ließen die fünf bisherigen Aguascalientes während der Feierlichkeiten in Oventik symbolisch „sterben“, um sogleich darauf die Geburt der neuen umstrukturierten Zentren, der Caracoles, zu feiern. Caracol bedeutet „Schneckenmuschel“ – das Symbol versinnbildlicht das basisdemokratische Selbstverständnis der ZapatistInnen, das gekennzeichnet ist durch Zuhören und kollektive Entscheidungs- und Artikulationsprozesse. Sie sollen wie Eingangspforten in und Ausgangspforten für die Gemeinden sein, wie Fenster, um sowohl nach innen als auch nach draußen zu sehen. Nach wie vor bieten sie auch Raum für politische und kulturelle Zusammenkünfte.
Die Caracoles und die Juntas der Guten Regierung haben Namen, die auf Versammlungen in den Regionen und von den jeweiligen Autonomen Räten gewählt wurden, und tragen diese als Sinnbild für die Hoffnungen und Träume, die mit dem zapatistischen Aufstand untrennbar verbunden sind. So heißt das Caracol von La Realidad nun „Madre de los Caracoles del Mar de Nuestros Sueños“ (Mutter der Schnecken aus dem Meer unserer Träume), das Caracol in La Garrucha wurde „Resistencia Hacia un Nuevo Amanecer“ (Widerstand für eine neue Morgendämmerung) genannt.
Der Ausrufung der Juntas ging ein monatelanger Diskussions- und Reflektionsprozess in der zapatistischen Basis voraus. Dies führte dazu, Ideen zur Verbesserung der eigenen Strukturen zu entwickeln und durch die Reflektion von Fehlern und Irrtümern in der eigenen Praxis auf eine neue Stufe der Selbstorganisierung zu gelangen. So sollen die Parallelstrukturen, die sich schon seit Jahren v. a. in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Rechtsprechung, Landwirtschaft und Verwaltung im Aufbau befinden, weiter formalisiert werden. Auch gegen Einverleibungsversuche des politischen Systems und den Paternalismus einiger einheimischer und internationaler NGOs soll sich damit zur Wehr gesetzt werden. Die militärische Organisation EZLN tritt noch weiter zur Seite und lässt den Gemeinden noch mehr Raum für ihre Autonomie. Nur bei gravierenden Abweichungen von den zapatistischen Prinzipien will sich die politische Leitung der EZLN in die Arbeit der Juntas einbringen. Damit soll die Selbstregierung nicht nur von der lokalen auf die regionale Ebene übergehen, sondern sich auch vom Einfluss der militärischen Struktur lösen.
Die Tendenz des „gehorchend Regierens“ wird auch in diesem neuen Projekt der Räteverwaltung fester Bestandteil sein. Die ZapatistInnen rufen damit Mexiko und die Welt auf, ihrem Beispiel der Selbstverwaltung auf eigene Weise zu folgen und die eigenen Utopien und Träume zu entwickeln.
(ssch)
„Caracoles die Juntas der Guten Regierung“
Erschienen in: Info-Blatt 65 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2004
Förderung durch das