Rekordgewinne gegen Belegschaftsrechte
Mexicanische Continental-Gewerkschafter in der BRD
Aus: ila 276 / Juni 2004
Während auf der Hauptaktionärsversammlung des deutschen Weltunternehmens
Continental im Mai 2004 ein neues Rekordergebnis für das Jahr 2003 verkündet
wurde, streiken seit mehr als zwei Jahren Beschäftigte eines Reifenwerkes in
Mexico gegen die unrechtmäßige Schließung ihrer Fabrik. Auf dem Bundeskongress
Internationalismus in Kassel erzählten zwei Vertreter der Werksgewerkschaft
SNRTE von ihrem Kampf.
von Felix Koltermann
So hatte sich Konzernchef Manfred Wennemer die Hauptaktionärsversammlung in
Hannover sicherlich nicht vorgestellt. Schon zum zweiten Mal nach 2003
ergriffen Vertreter der Beschäftigten der von Continental 1998 aufgekauften
Reifenfabrik Euzkadi im mexicanischen Bundesstaat Jalisco das Wort. Das
Rederecht hatte ihnen der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und
Aktionäre verschafft. Sie legten anhand ihrer Geschichte anschaulich dar, wie
der Konzern es trotz einer Flaute auf dem internationalen Automobilmarkt im
letzten Jahr schaffen konnte, einen Rekordgewinn von mehr als 300 Millionen
Euro einzufahren: Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer, Lohndumping
und Missachtung von ArbeitnehmerInnenrechten.
Mitte der 90er Jahre hatte sich das private Reifenunternehmen Euzkadi zum
produktivsten Werk Lateinamerikas entwickelt. Continental übernahm im Jahr 1998
82 Prozent der Aktien und damit das Sagen in El Salto. Der Konzern, wichtigster
Reifenproduzent in Europa, versuchte damit einen Fuß in die Tür des
lateinamerikanischen Marktes zu bekommen. Eine der ersten Aktionen des Konzerns
war, wie der Generalsekretär der Werksgewerkschaft SNRTE Jesús Torres
berichtet, die Entlassung von 18 Gewerkschaftern. Hintergrund war die sehr
starke gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiter bei Euzkadi, die schon 1935
mit der Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft begann, einer der wenigen, die
nicht in das korporative System der Staatspartei PRI eingebunden waren.
Continental wollte im Zuge der „Modernisierung“ des Unternehmens einen
Produktivitätspakt umsetzen, welcher die totale Flexibilität der Arbeitnehmer
vorsah, eine Anhebung der täglichen Arbeitszeit von acht auf zwölf Stunden und
damit die Umstellung auf einen Zwei-Schichten-Tag sowie eine Reduktion der
Gehälter. Die mehrheitlich gewerkschaftlich organisierte Belegschaft lehnte
diesen Plan jedoch ab. Die Konsequenz aus dem Widerstand der Arbeitnehmer zog
die Konzernleitung am 16. Dezember 2001 mit der sofortigen Schließung des
Werkes. Ziel sei es gewesen, so José Torres, mit diesem strategischen Schlag
die Gewerkschaft zu vernichten, um nach kurzer Zeit das Werk mit den
gewünschten Reformen neu eröffnen zu können.
Die Belegschaft entschloss sich daraufhin Anfang 2002 zu einem unbefristeten
Streik und zur Besetzung des Werkes, um die Wiedereröffnung des Werkes und ihre
Wiedereinstellung zu den alten Bedingungen zu erreichen. Erst im Februar dieses
Jahres bekamen sie vom Obersten Gerichtshof Mexicos Recht in ihrer
Einschätzung, dass die Schließung des Werkes unrechtmäßig war. Kurz darauf
erklärte die zuständige mexicanische Schlichtungsstelle auch den seit mehr als
zwei Jahren andauernden Streik der Arbeiter für legal. Mittlerweile belaufen
sich die Lohnforderungen der Arbeiter auf 50 Millionen Euro.
Beim deutschen Konzernchef Wennemer stößt dies auf taube Ohren. Er legte
Revision gegen das Urteil vom Februar ein und ist weiterhin von der
Rechtmäßigkeit der Schließung überzeugt. Für den Unternehmer des Jahres 2003
zählt nur das Wachstum, was er mit dem Einfahren eines Rekordgewinns von 314
Millionen Euro ausdrücklich bewies. Dass dies auf Kosten der Arbeitnehmer geht,
zeigt nicht nur das Beispiel von Euzkadi. In der zweiten Reifenfabrik
Continentals im mexicanischen San Luis de Potosí setzte der Konzern den
Produktivitätspakt mit Zustimmung der dortigen Gewerkschaft durch. Auch die
deutschen Beschäftigten trugen durch eine von 37,5 auf 40,2 Wochenstunden
erhöhte Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich ihr Scherflein bei.
Gegen die SNRTE wird auch durchaus mit unsauberen Mitteln vorgegangen, wie
deren Vertreter erzählen. Man habe versucht, ihre Zustimmung mit Geld zu
erkaufen, und Briefe an ihre Familien und Frauen geschickt, damit diese Druck
auf ihre Männer ausüben, den Widerstand beizulegen. Seit zwei Jahren haben die
Familien praktisch kein festes Einkommen mehr. Die Männer stehen als
gewerkschaftliche Aktivisten auf schwarzen Listen. Viele versuchen, sich mit
Arbeiten im informellen Sektor über Wasser zu halten, andere sind in die USA
emigriert, um dort zu arbeiten.
Über den Ablauf der mittlerweile dritten Reise nach Europa sind die Mexicaner
sehr zufrieden. Sie führten Gespräche mit deutschen Parlamentariern und
Gewerkschaften und nahmen Kontakte zu Beschäftigten anderer
Continental-Betriebe in Deutschland auf. Enttäuscht sind sie vom Verhalten der
deutschen Partnergewerkschaft IG Bergbau Chemie Energie. Hinter verschlossenen
Türen habe man ihnen zwar immer wieder Zustimmung versichert, aber bis heute gebe
es keine öffentliche Unterstützungserklärung der Kollegen. Trotzdem, sagt Jesús
Torres, sei für sie die Suche nach einer internationalen Einheit der Arbeiter
weiterhin das Wichtigste. Denn das, davon ist er überzeugt, was in Mexico mit
der Schließung von Euzkadi begann, wird als Bumerang nach Deutschland
zurückkommen und mit der Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer und
dem weiteren Aushöhlen von Arbeitnehmerrechten weitergehen. Für die Vertreter
der SNRTE ist es letztlich eine Frage der Würde der Arbeiter, auf ihren Rechten
zu bestehen.

Bildunterschrift:
Wenn Continental die Arbeiter nicht respektiert, werden sie einen Platten
bekommen
Wir fordern eine Lösung des Konflikts auf der Grundlage von Verhandlungen.
Sofortige Wiederaufnahme des Betriebs Euzkadi!
Schluss mit den Entlassungen in der Reifenindustrie
Felix Koltermann
"Mexicanische Continental-Gewerkschafter in der BRD"
Erschienen in: ila 276 / Juni 2004
"http://www.ila-bonn.de/"
und im Info-Blatt 64 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2004
Förderung durch das