Man muss auch lesen lehren!
Gespräch mit José Antonio Zepeda am 18. Mai 2004 in München.
José Antonio Zepeda ist Vorsitzender der LehrerInnengewerkschaft ANDEN, Nicaragua. Im Mai diesen Jahres machte José Antonio eine vom Ökumenischen Büro organisierte Rundreise durch die BRD. Er nahm während dieser Rundreise an dem diesjährigen Kongress der BUKO (Bundeskoordination Internationalismus) teil, referierte zusammen mit zwei anderen Aktivistinnen auf dem Eröffnungspodium des Privatisierungs-Forums und leitete eine Arbeitsgruppe.
José, wo warst du 1979? Wie hast Du die Revolution erlebt?
Am 19. und 20. Juli war ich in Managua und wir bereiteten die Ankunft der
Revolutionsjunta vor. In der Zeit davor war ich an der Universität und war dort
für Information, Aufklärung und Organisation zuständig. Ziel war es, den
politischen Raum zu erweitern, damit sich die Leute orientieren konnten im
universitären Kampf gegen die Diktatur. Es war mehr eine politische Arbeit.
Einer sagte einmal, dass es wesentlich komplizierter war, im legalen Rahmen
gegen die Diktatur zu kämpfen, die Ideen zu verbreiten, das ganze zu
organisieren, Aufklärungsmaterial zu verteilen usw.
Wann und wie wurde ANDEN gegründet?
1972 fand ein landesweiter Streik gegen die Diktatur statt. Somoza ordnete an,
gegen die Gewerkschaften vorzugehen, auch gegen das Eigentum der Gewerkschaften
und verbot sie auf landesweiter Ebene. 1977 begannen LehrerInnen, die unter der
Diktatur entlassen wurden, sich in der einzigen noch bleibenden legalen
Organisation für LehrerInnen zu organisieren, der Asociación Nacional
(Nationaler Zusammenschluss). Und so ist ANDEN der „Nationale Zusammenschluss
der LehrerInnen Nicaraguas“ entstanden. ANDEN formierte sich als Instrument der
nicaraguanischen Gesellschaft, um sich der Diktatur entgegen zu stellen. Nach
der Revolution wurde beschlossen, diese Organisation weiter zu nutzen – und so
wurde 1979 ANDEN (neu) gegründet.
Wann kamst Du zu ANDEN?
Ich begann meine Arbeit bei ANDEN 1980. Während der nationalen
Alphabetisierungskampagne. Ich begann als „capacitador“ zu arbeiten, als
freiwilliger Lehrer. Und nach dieser Alphabetisierungskampagne organisierte ich
mich bei ANDEN als normales Mitglied. In meiner gewerkschaftlichen Karriere
habe ich also auch alle „Stadien“ durchlaufen, vom einfachen Mitglied über die
Bezirksvertretung bis hin zum Vorsitzenden.
Meine gewerkschaftlichen Wurzeln liegen aber eigentlich im Baubereich. 1974
begann ich auf dem Bau zu arbeiten. Und das war ein anderer Teil meines politischen
Kampfes gegen die Diktatur, mich in der Gewerkschaft zu organisieren, in Streik
gegen die Diktatur zu treten.
Die Alphabetisierungskampagne – wie war sie organisiert? Was waren die
Gründe, dass sich damals so viele Leute engagierten?
Das war ein politisches Projekt und ist es für den Sandinismus auch heute noch.
Dieses Projekt wurde in der Guerilla geboren. Carlos Fonseca formulierte es so,
dass man den Campesinos nicht nur das Kämpfen in der Guerilla beibringen,
sondern ihnen auch Bildung zur Verfügung stellen und sie alphabetisieren müsse.
Und es gibt einen Satz von ihm, der während der Alphabetisierungskampagne oft
zitiert wurde: „Man muss auch das Lesen lehren!“, d. h., nicht nur das Kämpfen
als Guerillero muss gelehrt werden, sondern es muss auch eine Bildung zum
Menschen, zum Menschsein erfolgen.
Und die erste Aufgabe der Revolution war genau dies. Als die Macht übernommen
wurde, war klar, man musste dieses Alphabetisierungsprogramm umsetzen, man
musste diese Aufgabe erfüllen. Und ich denke, wir haben uns daran beteiligt,
weil es eine Leidenschaft, einen Eifer in diesem Augenblick gab, dieses Projekt
anzugehen.
1979 gab es 52, 2 % AnalphabetInnen in Nicaragua und in manchen Gegenden bspw.
in Matagalpa lag die AnalphabetInnenrate bei fast 100 %. Nach dem der
Alphabetisierungskampagne gab es nur noch 12 % AnalphabetInnen. Wie gesagt, es
war ein politisches Projekt. Nicht nur ein humanistisches, akademisches
Projekt, sondern ein gemeinschaftliches, ein politisches. Es ging darum, die
Personen, die Menschen zu entwickeln. Deswegen beteiligten sich so viele
Jugendliche. Einige wurden von der Rechten, vom konservativen Sektor
umgebracht, weil sie feststellten, dass dieses Projekt die Revolution
unterstützte und stärkte.
Wie haben sich die Bildungskonzepte in den 1980ern zu der Zeit davor
unterschieden?
Die Bildungssysteme kann man in drei Etappen einteilen. Vor der Revolution gab
es ein elitäres Bildungssystem, das sich nur auf einen kleinen Teil der
Gesellschaft beschränkte. Es war ein ausschließendes Bildungssystem und Bildung
war dahingehend ausgerichtet, die Diktatur am Leben zu erhalten und das Konzept
der Diktatur zu unterstützen.
Das Bildungssystem nach 1980 hatte zum Ziel, alle in das Bildungssystem zu
integrieren, es war ein Prozess, der die Entwicklung des Landes sicherstellen
sollte. Es gab ein ideologisierendes Bildungskonzept, d. h., es sollte damit
eine Stärkung der Rolle des Sandinismus in der Gesellschaft erfolgen.
1990 setzte die dritte Etappe ein, die wieder zurückkehrt zu einem elitären,
ausschließenden System. Das Bildungskonzept machte eine Wendung hin zu einer
religiösen Ideologie, d. h., die katholische Kirche gibt die Lehrinhalte vor.
Heute haben fast eine Million Kinder und Jugendliche keinen Platz mehr im
Bildungssystem.
Ist von den Konzepten der 80er Jahre, fast 15 Jahre nach der
Wahlniederlage der FSLN, noch etwas übrig geblieben? Was hätte sich durch einen
Regierungswechsel durch die FSLN eventuell geändert?
Was ist geblieben: In die Verfassung sind einige der Prinzipien dieser
Bildungspolitik aufgenommen worden. Das Prinzip des „neuen Mannes, der neuen
Frau“, das Prinzip der menschlichen Entwicklung. Das Problem aber ist, dass die
neoliberalen Ideologien die Prinzipien dieser Verfassung negieren. Schließlich
war der Bildungssektor nach 1990 auch einer der ersten Bereiche, in dem
neoliberale Veränderungen stattgefunden haben.
Angenommen, die Frente Sandinista hätte die Wahlen 2000 gewonnen. Das
Bildungssystem wäre sicherlich nicht das gleiche gewesen, wie in den 80ern,
aber es hätte wesentlich mehr Möglichkeiten gegeben, bspw. zu einem System
zurückzukehren, das humanistischer wäre, mehr von dem Gedanken der menschlichen
Entwicklung geleitet, das mehr zur Stärkung der Rolle der meisten Jugendlichen
nach ihrem Schulabgang beigetragen hätte. Denn wenn sie nicht an die Uni
können, gibt es keine anderen Möglichkeiten für sie.
Die FSLN beabsichtigte, dies anzugehen. ANDEN beteiligte sich an einem
Vorschlag zum Regierungsplan. Es geht darum: Welche Bildung wollen wir, welche
Bildung soll sich entwickeln? Mir scheint, dass wir bessere Möglichkeiten
geschaffen hätten, sich partizipativ an der Bildungspolitik zu beteiligen.
Sicher wäre jedenfalls gewesen, dass es ein garantiertes Recht auf Bildung
gegeben hätte, d. h., dass Bildung für alle zugänglich, egalitär und umsonst
gewesen wäre. Die Regierungen der letzten 14 Jahren haben gezeigt, dass sie
kein Interesse daran haben, den Menschen diese Möglichkeiten zu geben.
Privatisierungen im Bildungsbereich sind mehr durch den Rückzug des
Staates gekennzeichnet als durch die Übernahme von schulischen
Einrichtungen durch profitorientierte Unternehmen. Wie würdest Du diesen
Prozess beschreiben?
Der Begriff der Privatisierung muss weiter gefasst werden. Es reicht nicht,
dass der Staat Gebäude, Schulen besitzt, wenn vor das Recht, das die Menschen
haben, ökonomische Mechanismen gesetzt werden. Privatisierung ist für uns die
Tatsache, dass Mädchen und Jungen, um die Ausbildung fortsetzen zu können,
dafür bezahlen müssen. Klar, die Gebäude sind öffentlich, die Gebäude gehören
dem Staat, sogar das ganze Bildungssystem kann dem Staat gehören, aber die
Tatsache, dass die Bildung wirtschaftlichen Interessen unterliegt, dass das
Recht auf eine qualifizierte Ausbildung diesem Interesse unterliegt, das ist Privatisierung.
Ein einfaches Beispiel: eine Diskothek ist ein öffentlicher Raum und ein Park
auch. Um in den Park zu gehen, muss ich an niemanden etwas bezahlen. Aber um in
die Diskothek zu kommen, muss ich bezahlen. Wenn ich nicht zahle, komme ich
nicht rein, obwohl sie ja öffentlich ist. Entsprechend gibt es heute zwei
Modelle: ein öffentlich-privates und ein öffentlich-staatliches. Wir kämpfen
dafür, dass die Schulen ein öffentlich-staatlicher Dienst sind, nicht ein
öffentlich-privater. Und dieses Problem, diese Schwierigkeit, versuchen wir den
Leuten zu vermitteln: Privatisierung ist, wenn wirtschaftliche Interessen vor
die Rechte der Menschen gestellt werden.
Während der Alphabetisierungskampagne wurde viel freiwillige, unbezahlte
Arbeit geleistet. Heute wirbt auch die Weltbank mit dem Label der
„Freiwilligkeit“, bspw. im Zuge ihres Aprende-Programms. Ist das überhaupt zu
vergleichen? Wie sehen die Menschen in Nicaragua das?
Da gibt es Unterschiede. In den 1980ern, das war eine politische Sache. Die
Leute hatten ein Bewusstsein darüber, dass sie an etwas teilnahmen. Es ging
darum, Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzugeben, andere zu unterstützen. Und
zwar diejenigen, die nicht die Möglichkeiten hatten, diese Kenntnisse zu
erlangen.
Heute, das ist hauptsächlich ein Mechanismus, Verantwortung für die Bildung
vorzutäuschen. Aber im Grunde ist es nichts weiter als die Sicherstellung, dass
die Menschen eine minimale Bildung erhalten und keine bessere Bildung
beanspruchen. Es liegt im Interesse der neoliberalen Regierung, über eine
Bevölkerung zu verfügen, die ein niedriges Bildungsniveau hat, damit „sie“ über
billige und willige Arbeitskraft verfügen können. Das ist das Konzept. Das ist
also etwas komplett anderes, es ist ein System der Auslassung, des Übergehens.
Auch wenn Vieles, was mit der Revolution durchgesetzt wurde,
zurückgenommen worden ist – was ist geblieben? Was gibt Dir – angesichts dieser
wahrscheinlich doch oft frustrierenden Erfahrungen der Rückschläge – die Kraft,
Dich jeden Tag aufs Neue den Herausforderungen zu stellen und weiter zu
kämpfen?
Es gibt auch hoffnungsvolle Dinge. Für die Neoliberalen ist es z. B. sehr
schwer, neue Konzepte, neue Planungen zu entwickeln gegenüber einer
Bevölkerung, der Versorgungsleistungen genommen werden, die ihnen in den 80er
Jahren gegeben wurden. Im Bildungsbereich bricht vieles zusammen, so dass sie
LehrerInnen und Funktionäre aus den 80ern einstellen müssen. Es scheint uns,
dass dadurch einige Dinge einfacher werden. Das ist eine Herausforderung. Wir
müssen auf die Notwendigkeiten insistieren, die Arbeitsbedingungen der
LehrerInnen, das Bildungswesen zu verbessern. Weiter dafür kämpfen, dass
Bildung für die Entwicklung des Menschen ist, dass Bildung ein Menschenrecht
ist. Es scheint, dass es im Moment sehr schwer ist, weiter zu kämpfen. Aber ich
denke, es gibt Zyklen, die wir LehrerInnen in Nicaragua haben, und im Moment
befinden wir uns in einem günstigen Zyklus. Ausgehend von der Situation, in der
wir leben, ausgehend von dem, was wir erreichen. Und ganz besonders, weil die
Leute merken, dass sie Rechte haben. Ich denke, das ist ganz wichtig.
Interview: Babs Kwapkowski
José Antonio Zepeda
"Man muss auch lesen lehren!"
Erschienen in: Info-Blatt 64 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2004
Förderung durch das