Privatisierungspflicht und „Armutsverringerung“

 

Die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds

Bereits 1988, also noch während der Regierung der linksgerichteten FSLN, begann der Internationale Währungsfonds (IWF) mit der Erarbeitung sogenannter „Strukturanpassungsprogramme“ für Nicaragua. Die Umsetzung dieser Programme machte und macht der IWF zur Voraussetzung für die Vergabe von neuen Krediten (bzw. für deren Empfehlung bei anderen „Geldgebern“). Kredite, auf die ein Land wie Nicaragua, das Ende der 80er Jahre nach fünf Jahren aufgezwungenem Contrakrieg mit einem Schuldenberg und zerstörter Infrastruktur konfrontiert war, angewiesen war und ist 1 .
Nach der Regierungsübernahme 1990 durch das konservative Parteienbündnis UNO wurden die Vorgaben des IWF zur offensichtlich einzigen wirtschafts- und sozialpolitischen Richtlinie, der sich die konservativen und liberalen Regierungen der vergangenen 14 Jahre verpflichtet fühlten. Wohl nicht zuletzt deshalb, da die wirtschaftsliberalen Vorgaben des IWF weitgehend deckungsgleich mit den Interessen eines Großteils der nicaraguanischen Ober- und Mittelschicht waren (und zum Teil immer noch sind). Zentrale Forderungen der Finanzorganisation, wie die Privatisierung von staatlichen Produktionsbetrieben, Banken und Grundbesitz, entsprach den Vorstellungen all jener, die durch die sandinistische Revolution in ihrer „unternehmerischen Freiheit“ beschnitten oder wegen Zusammenarbeit mit der vorhergehenden Somoza-Diktatur gar enteignet wurden. Dabei war es für diese Schicht auch durchaus von Vorteil, dass der IWF als Forderer auftrat. In der öffentlichen Wahrnehmung hat dies bewirkt, dass die neoliberale – und im Fall Nicaraguas konterrevolutionäre – Umstrukturierung nicht auch als Ergebnis eines inner-gesellschaftlichen Machtkampfes wahrgenommen wurde, sondern weitgehend auf den Zwang „von außen“ reduziert wurde.

Abbau staatlicher Leistungen

In Bezug auf die von ihm eingeforderten Maßnahmen machte der IWF zu Beginn keinen Hehl daraus, was er mit ihnen bezwecken wollte: Nicaragua sollte den Gläubigern gegenüber zahlungsfähig bleiben und Investitionssicherheit geschaffen werden. Eines der obersten Ziele des „Stand-By Arrangements Program“ von 1991 bis 1992 war in diesem Zusammenhang das Eindämmen der Inflation. Dazu wurde der nicaraguanischen Regierung eine „drastische Umwandlung des aufgeblähten öffentlichen Sektors“ auferlegt. D.h. vor allem wurden öffentliche Ausgaben gekürzt und der Staatsapparat drastisch verkleinert. Hinzu kam die beginnende Liberalisierung des Handels und des Bankenwesens sowie eine Steuerreform, die u.a. eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 10 auf 15 % beinhaltete. 2
Oscar Catalán Aravena, Professor für Ökonomie an der Zentralamerikanischen Universität (UCA) beschreibt das Ergebnis des ersten IWF-Engagements so: „Der Erfolg bei der Eindämmung der Inflation wird überdeckt von einer wirtschaftlichen Rezession und den sozialen Konsequenzen der angewandten Politik: obwohl die Inflation ab April 1991 auf minimale Werte gebracht wurde, fiel das Bruttosozialprodukt um 0,2 %, d.h. ein Pro-Kopf-Rückgang von 2,9 %. Das Handelsbilanzdefizit stieg um 70 %, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung betraf 53 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung. Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne, der Abbau des Bildungs- und der Gesundheitsversorgung erhöhten die extreme Armut und die sozialen Spannungen.“ 3

Umfassende Privatisierungen

Dem „Stand-By Arrangements Program“ folgten die sogenannten „Enhanced Structral Ajustment Facilities“ (ESAF) und damit einhergehend der Beginn einer umfassenden Privatisierungswelle. Dieser fiel zuerst der produktive Staatssektor zum Opfer. Zwischen 1993 und 2000 wurden 346 der 351 in der CORNAP (Corporación Nacional del Sector Público) zusammengefassten staatlichen Betriebe veräußert. Dieser öffentliche Sektor umfasste zu Beginn der 90er Jahre noch 45 % des verarbeitenden Gewerbes, 70 % des Bergbaus und 26 % der Landwirtschaft – insgesamt wurden rund 30 % des Bruttosozialprodukts von staatlichen Einrichtungen produziert. Bereits 1994 sank dieser Anteil auf 5 %. Im Verlauf der Privatisierungen und Entlassungen sank die Zahl der Staatsbediensteten um 183.000 – das entspricht einer Reduzierung um rund zwei Drittel 4 . Für viele ehemalige Beschäftigte bedeutete dieser Prozess den Abstieg in prekärere Arbeitsverhältnisse bzw. in die Erwerbslosigkeit.
Ebenfalls dem Diktat der ESAF-Programme folgend wurde im Verlauf der 90er Jahre u.a. die wichtigste Staatsbank BANADES (Banco Nacional de Desarrollo) aufgelöst. Die zweitgrößte, die BANIC (Banco Nicaragüense de Industria y Comercio), wurde 1999 privatisiert. Im Jahr 2000 schließlich schloss die Regierung auf Druck von IWF und Weltbank die BANCAFE (Banco de Café). Direkt betroffen von dieser Liberalisierung des Kreditwesens waren und sind vor allem die LandwirtInnen. Álvaro Fiallos, Vizepräsident der UNAG (Unión Nacional de Agricultores y Ganaderos) verweist darauf, dass es „heute keine Kredite gibt. Und wenn es sie gibt und die Banken sie vergeben, umso schlimmer. Bei Krediten auf Dollarbasis, die zu 18% verzinst werden, lohnt sich der Anbau von Mais, Sorgo und Sesam nicht. Nur in wenigen Fällen bleibt der Anbau trotz Zinszahlungen rentabel. Der Kaffeeanbau hätte sich dies leisten können, aber das war einmal, heute ist es nicht mehr so.“ 5   Das Fehlen bezahlbarer Kredite im Agrarsektor – die betriebswirtschaftlich für Privatbanken nicht lohnend und zudem risikobelastet sind – gilt entsprechend als eine zentrale Ursache für die desaströse soziale Situation in den ländlichen Regionen Nicaraguas.
Gleichzeitig zu diesen Liberalisierungen wurde auf Geheiß des IWF auch die Umwandlung der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft und des Energiesektors in Angriff genommen. Auch dieser Prozess ist mittlerweile nahezu abgeschlossen und führte zu teilweise drastischen Tariferhöhungen. So stiegen die Strompreise beispielsweise um 1,5 % monatlich an.
Mittlerweile gehen die Strukturanpassungsprogramme in die nächste Runde. Ein Augenmerk liegt dabei auf der – umstrittenen und umkämpften – Privatisierung der öffentlichen Wasserver- und Abwasserentsorgung. Entsprechende Prozesse sind in mehreren Städten Nicaraguas, darunter Matagalpa, Jinotega und León, bereits geplant bzw. schon im Gange. Während der neoliberale Inhalt der IWF-Programme also ebenso gleichgeblieben ist wie die hervorgerufenen sozialen Verheerungen, hat sich zumindest die Marketing-Abteilung etwas Neues einfallen lassen: Die Strukturanpassungsprogramme heißen seit einigen Jahren „Maßnahmen zur Verringerung von Armut und zur Wachstumsförderung“.


(1) Schuldendienst und ein strukturelles Außenhandelsdefizit, das durch den Verfall der Preise für die wichtigsten Exportgüter weiter belastet wurde, sorgen dafür, dass Nicaragua permanent auf Mittelzufluss angewiesen ist. Allein 2002 beliefen sich bilaterale und multilaterale Kredite und Zuschüsse auf rund 500 Millionen US$. Hinzu kamen mindestens 90 Millionen US$, die über NGOs ins Land flossen. Zusammen entspricht dies knapp einem Viertel des jährlichen Bruttosozialprodukts. (Angaben laut dem nicaraguanischen Außenministerium)

(2), (4) IWF u. IDA, „Nicaragua, Preliminary Document on the Initiative for Heavily Indebted Poor Countries (HIPC)“, 23.8.1999 http://www.imf.org/external/NP/hipc/pdf/nica.pdf 


(3) Oscar Catalán Aravena, „Una decada de ajuste estructural en Nicaragua“, Encuentro, Revista de la Universidad Centroamericana, Nr. 59, 2001

(5) Álvaro Fiallos, „Las salidas a la crisis rural son: reforestar, educar y no robar“, envío 231, Juni 2001
http://www.envio.org.ni/articulo.php?id=1084

 

(AG Privatisierungen)
Privatisierungspflicht und „Armutsverringerung"
Erschienen in: Info-Blatt 63  des Ökumenischen Büros
München
April 2004

 

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