Präsidentschaftswahlen in El Salvador
K.O. in der ersten Runde
von Eduard Fritsch
Bericht erschienen in:
http://www.ila-web.de
In der Woche vor den Wahlen meinte der Generalsekretär einer LandarbeiterInnenorganisation, ich solle nicht am Montag nach den Wahlen anrufen, weil er dann unausgeschlafen sein werde – von der nach dem Wahlsieg der FMLN durchgefeierten Nacht. Eine Freundin, eher zu den kritischen Linksintellektuellen El Salvadors zählend, sagte am Montag nach den Wahlen: „Hier gibt es überhaupt keinen demokratischen Wechsel, denn die Linke wird nie Wahlen für die Zentralregierung gewinnen können.” So weit klaffen Vorher und Nachher auseinander. Ein genauerer Blick auf die Präsidentschaftswahlen am 21. März wird uns vielleicht sagen, ob diese Einschätzung zu pessimistisch ist.
Als am Abend des Wahlsonntags allmählich klar wurde, dass Tony Saca,
Kandidat der rechtsextremen ARENA-Partei, die El Salvador seit 15 Jahren
regiert, die Wahlen in erster Runde gewonnen hatte, war die Überraschung vor
allem in den Reihen der FMLN groß. Eine auf dem zentralen Platz vor der
Kathedrale vorbereitete Siegesfeier wurde abgeblasen.
Inzwischen liegen die amtlichen Wahlergebnisse vor: 57,7 Prozent für ARENA,
35,7 Prozent für die FMLN, 3,9 Prozent für die Koalition aus Christdemokraten
(PDC) und Demokratischem Zentrum (CDU), dessen Ursprünge auf eine
Linksabspaltung der PDC zurückgehen, sowie 2,7 Prozent für die Partei der
Nationalen Versöhnung (PCN), die 42 Jahre alte Partei des Militärs.
Zusammen ergab das fast 2,5 Millionen Stimmen, über 67 Prozent der
eingeschriebenen WählerInnen (seit diesen Wahlen sind das alle, die einen der
neuen Personalausweise haben, mit dem man jetzt auch wählen darf), das
ist die höchste Wahlbeteiligung seit 1984. Damals schlug der Christdemokrat
Duarte mit einer ähnlich hohen Beteiligung den Romero-Mörder und ARENA-Gründer
D’Aubuisson in zweiter Runde. Daraus ergibt sich die erste Frage: Was hat über
eine Million Leute mehr als bei den Parlaments- und Gemeindewahlen 2003 dazu
bewogen zu den Urnen zu strömen? Mehr SalvadorianerInnen denn je sahen
offensichtlich in diesen Wahlen eine historische Entscheidung.
Die FMLN konnte ihre Stimmenzahl seit den Wahlen von 2003, bei denen sie
bereits zugelegt hatte, fast verdoppeln auf über 870.000. Das bedeutet, dass es
ihr gelang, weit über ihre StammwählerInnenschaft hinaus Zustimmung zu finden
bzw. jene zu überzeugen, die einen Wechsel wollten ohne unbedingt viel
Sympathie für die Linke zu haben. Das Ergebnis bedeutet auch, dass die FMLN
stolz sein könnte auf dieses Ergebnis – hätte sie sich nicht eingeredet, in der
ersten Runde siegen zu können.
Auf der anderen Seite konnte die ARENA ihre Stimmenzahl mehr als verdoppeln,
auf fast 1,5 Millionen. Daran knüpft sich die wohl wichtigste Frage: Warum
entschieden sich die meisten der NeuwählerInnen und viele WählerInnen, die 2003
noch eine der kleineren Parteien gewählt hatten, in dieser
Entscheidungsschlacht für die Ultrarechte?
Werfen wir einen kurzen Blick auf die WählerInnenbewegung, bevor wir uns diesen
Fragen zuwenden. Im Vergleich zu den Parlamentswahlen von 2003 hat es über eine
Million NeuwählerInnen gegeben. Für die PCN und die beiden Parteien, die jetzt
als Koalition antraten, sowie für sechs kleine Parteien, die sich auflösen
mussten, weil sie keine 3 Prozent der Stimmen erhalten hatten, stimmten damals
annähernd eine halbe Million SalvadorianerInnen. Für die drei (PCN und Koalition
CDU/PDC), die jetzt zur Wahl standen, stimmten nur noch knapp 140 000.
Dergestalt gab es einen Kuchen von fast 1,5 Millionen Stimmen neu zu verteilen
– ARENA hat sich das größte Stück davon geschnappt.
Siegesgewissheit, Katzenjammer...
In Proceso, der Wochenzeitschrift der Jesuitenuniversität UCA, war kurz vor
den Wahlen eine Analyse des Meinungsforschungsinstitutes dieser Uni erschienen,
in der zu lesen war: „Die Mehrheit der Bevölkerung ist mit der Situation
unzufrieden und will einen Wechsel, aber die FMLN ist nicht die Partei, die
einen solchen Wechsel herbeiführen kann.“ (5. März 2004) In der letzten Umfrage
des Institutes konnten die TeilnehmerInnen auch geheim abstimmen. Dabei erhielt
ARENA doppelt so viel Zustimmung wie die FMLN, woraus Proceso schloss: „Das
letztgenannte Ergebnis nähert sich der Realität an und bedeutet, dass die
höhere Wahlbeteiligung ARENA zugute kommt.“ Auch wenn man bedenkt, dass einige
Intellektuelle der UCA eine sehr kritische Einstellung gegenüber der FMLN
haben, wird man kaum umhin können, den gemachten Aussagen zuzustimmen und sich
entsprechend zu fragen, weshalb sich die FMLN bis zum Schluss siegessicher war.
Danach gefragt, wurde oft auf das Phänomen der Gemeindewahlen vom letzten Jahr
verwiesen, als in fast allen Umfragen die Kandidatin der ARENA für das
Bürgermeisteramt in San Salvador in Führung lag, dann aber der Kandidat der
FMLN gewann. Bei der Kampagne von Haus zu Haus bekamen die AktivistInnen der
FMLN viel Zustimmung, was allerdings nicht viel aussagt, denn wenn man die
Leute direkt anspricht, ihnen ein Wahlprogramm in die Hand drückt und
vielleicht ein T-Shirt schenkt, werden nur hartleibige ARENA-AnhängerInnen
direkt abweisend reagieren. Schließlich berichteten AktivistInnen von den
Versammlungen in der Provinz, dass fast immer mehr Leute kamen, als es in den
jeweiligen Orten im letzten Jahr Stimmen gegeben hatte. Insgesamt gelang es mit
solchen Hinweisen und der ständigen Versicherung, dass man in diesen
historischen Wahlen siegen werde, unter der Mitgliedschaft und bei den
SympathisantInnen eine Stimmung zu erzeugen wie 1989 bei der großen Offensive
der Guerilla, 1992 bei der Unterzeichnung der Friedensverträge und 1994 bei den
ersten Wahlen nach dem Krieg – ein veritabler Siegesrausch.
Dabei stützten die Wahlumfragen eine solche
Gewissheit zu keinem Zeitpunkt. Der bereits zitierte Beitrag in Proceso stellt
dazu fest: „Der Abstand zwischen ARENA und der FMLN ist weiter geworden.“
Tatsächlich schrumpfte er nie zusammen, geschweige denn, dass es eine Pattsituation
gegeben hätte.
Mit ihrer Rede von Wahlen, bei denen die Linke den Durchbruch erreichen würde,
stilisierte die FMLN diese Wahlen zu einer Entscheidungsschlacht. ARENA hat
offensichtlich mitgespielt und sämtliche Register gezogen, um in dieser
Entscheidungsschlacht – aus ihrer Sicht gegen den Kommunismus – zu siegen. Dazu
hat die Bourgeoisie El Salvadors, die direkt oder indirekt die Führung der
ARENA innehat, ein beeindruckendes Arsenal aufgefahren. 50 Millionen Dollar hat
sie sich den Wahlkampf kosten lassen. Die Domäne der Linken, die Straße, hat
sie rechtzeitig besetzt und im ganzen Land jedes Mäuerchen und jeden Stein mit
ihren Farben bemalt. Sämtliche Medien standen ihr zur Verfügung. In den
Betrieben, vor allem den Maquiladoras, wurde auch direkter Druck eingesetzt:
Wer nicht ARENA wählt, wird gefeuert.
Die Freunde in Washington leisteten ARENA Schützenhilfe. George W. Bush
entsandte seinen Vizeaußenminister für Lateinamerika, Roger Noriega, und das
für Lateinamerika zuständige Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, Otto
Reich, nach San Salvador – zwei finstere Gestalten aus der Zeit von Contragate.
Beide zeigten sich besorgt über die Diskrepanzen zwischen Washington und der
FMLN-Führung in Fragen des Freihandels und der Außenpolitik. Die Drohungen, die
am meisten überzeugten, waren offenbar jene, mit einer FMLN-Regierung würden
die remesas, die Überweisungen der in USA lebenden SalvadorianerInnen, zum
Erliegen kommen und alle Landsleute ohne Papiere würden abgeschoben. Das wurde
von der US-Regierung so nie behauptet und von verschiedenen
Kongressabgeordneten explizit dementiert, aber es verfehlte seine Wirkung
nicht, denn von den remesas hängt ab, ob es Geld für den Schlepper gibt und ob
man in der nächsten Woche noch etwas zu essen hat. In diesem Sinne haben viele
BürgerInnen gewählt um ihre remesas zu verteidigen. Mit allgemeinen Drohungen,
mit einer weiteren ARENA-Regierung gäbe es weitere Privatisierungen und würde
eh alles noch schlechter werden, konnte die FMLN offenbar nicht gegenhalten.
Die Kombination dieser Druckmittel und die Inhalte der Drohungen in Verbindung
mit den auch schon früher gemachten Hinweisen auf die „terroristische“
Vergangenheit von Schafik Handal, dem FMLN-Kandidaten, reichte wohl aus, die
Mehrzahl der Neu- und WechselwählerInnen auf die Seite von ARENA zu ziehen.
... und die Suche nach Gründen und Sündenböcken
Für den Fall eines FMLN-Sieges war eine erbarmungslose Destabilisierung angesagt; und für den Fall eines ARENA-Sieges eine kollektive Depression bei den FMLN-AnhängerInnen und scharfe interne Auseinandersetzungen. Nach letzteren gefragt, versicherten einige Parteimitglieder, die FMLN sei konsolidiert und es würde nicht zum Streit kommen, andere hatten beobachtet, wie die Messer gewetzt wurden. Sie behielten Recht: Die Fraktion um den Bürgermeister von Santa Tecla, Oscar Ortíz, einem ehemaligen Kommandanten der FPL, feuerte bereits am Montag nach den Wahlen die erste Salve ab. Sie fordert vorgezogene interne Wahlen für die beiden Leitungsgremien, die politische Kommission und den Nationalrat, und bietet sich offen als Übergangsführung an. Bei der Suche nach den Gründen für die Wahlniederlage hebt dieser Flügel in der Partei auf die Fehler der derzeitigen Leitung und auf den „falschen“ Kandidaten Schafik Handal ab (bei der Kandidatenaufstellung war Oscar Ortíz sein Gegenspieler), während AnhängerInnen des Ex-Kandidaten ausschließlich externe Faktoren, vor allem die Schmutz- und Angstkampagne der ARENA, verantwortlich machen. Das greift offensichtlich zu kurz. Zum einen war von ARENA nichts anderes zu erwarten, zumal sie die Herausforderung, aus diesen Wahlen eine Entscheidungsschlacht zu machen, aufgriff und es verstand, die Schlacht mit ihren Inhalten zu besetzen. Zum anderen beantwortet der Hinweis auf die Panikmache die entscheidende Frage nicht, weshalb so viele SalvadorianerInnen sich von einer primitiv gestrickten Drohkampagne beeindrucken lassen. Möglicherweise ist der Antikommunismus seit dem Aufstand von 1932 und dem anschließenden Massaker tatsächlich so verwurzelt in weiten Teilen der salvadorianischen Bevölkerung, dass die Linke bis auf weiteres die Regierung des Landes nicht übernehmen kann.
Die Volkskunst, auf die Füße zu fallen
Während die Mondsichel am schwarzen Himmel über El Salvador noch auf dem
Rücken lag, füllte sich die zentrale Calle Arce am Mittwoch nach den Wahlen mit
den Menschenmassen, die zur Kathedrale strömten um den 24. Jahrestag der
Ermordung von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero zu begehen. „Romero lebt, das
Volk kämpft“, „ARENA hör zu, das Volk kämpft“ lauteten zwei Parolen. Auf dem
Haupttransparent stand: „Verzeih uns Monseñor, dass wir wieder deine Mörder
gewählt haben...“, autonom angehauchte StudentInnen hatten auf ein anderes
Transparent gesprüht: „Volk, warum hast du Angst vor dem Wechsel?“ („Der
Wechsel findet heute statt“ war die FMLN-Hauptparole). Und Weihbischof Rosa
Chávez predigte: „Das Land ist sehr traurig. Aber wir werden die Hoffnung
wieder gewinnen. Deshalb sind wir hierher gekommen... jetzt Köpfe rollen zu
lassen, würde uns alle in den Abgrund reißen.“ Die Massen vor der Kathedrale,
deren Hausherr, Opus-Dei-Erzbischof Saenz Lacalle, am Sonntag darauf die
Dankesmesse von Tony Saca zelebrierte, waren gekommen um zu singen und ihren
Frust rauszuschreien, tröstende Worte zu hören und sich ihrem Hirten, dem
„Heiligen Romero der Amerikas“, anzuvertrauen – und vermutlich gingen sie unter
der immer noch auf dem Rücken liegenden Mondsichel gestärkt nach Hause in die
ArbeiterInnenvororte und Elendsviertel.
aus: ila 274, April 2004,
http://www.ila-web.de
(Eduard Fritsch)
"Präsidentschaftswahlen in El Salvador"
Erschienen in: ila 274, April 2004 sowie Info-Blatt 63 des
Ökumenischen Büros
München
April 2004
Förderung durch das