Piñata und Huaca
„Privatisierung = Korruption“ steht auf dem Transparent, mit dem
verschiedene NGOs ihren Unmut über die Privatisierungspolitik der
nicaraguanischen Regierung zum Ausdruck bringen. Tatsächlich zieht sich die
persönliche Bereicherung bei der Veräußerung öffentlichen Eigentums wie ein
roter Faden durch die Geschichte des Privatisierungsprozesses Nicaraguas.
Zum einen eigneten sich Mitglieder der nicaraguanischen Eliten unmittelbar nach
der Abwahl der FSLN ehemals staatliche Produktionsstätten und Ländereien an. Zu
trauriger Berühmtheit gelangte dabei die sogenannte „Piñata“ 1 , mit
der sich Funktionäre der FSLN bzw. des sandinistischen Staatsapparates ihre
Dienste versilberten. Die Zeit zwischen den verlorenen Wahlen 1989 und der
Übergabe der Regierungsgeschäfte an die konservativ-liberale Opposition Anfang
1990 nutzten einige, um in beträchtlichem Umfang öffentliches Eigentum auf
ihren Namen umzuschreiben. Im Zuge der rigiden Privatisierungspolitik der 90er
Jahre wurde die „Piñata“ scheinbar zum System, Korruption und Vetternwirtschaft
zur gängigen Geschäftspraxis. Einige spektakuläre Fälle von persönlicher
Bereicherung, wie beispielsweise die unter dubiosen Umständen vollzogene
Privatisierung und spätere Pleite der nicaraguanischen Industrie- und
Handelsbank (BANIC), beschäftigen teilweise immer noch die Gerichte.
Neben dieser umittelbaren Aneignung etablierte sich auch eine weitere Form von
Korruption im Zuge des Verkaufs öffentlicher Infrastruktur an internationale
Unternehmen. In wie weit einzelne Staatsbedienstete und Mitglieder von
Regierungsparteien sich ihre Vermittlungsdienste konkret von einzelnen
Unternehmen honorieren ließen, ist natürlich schwer zu ermitteln. Unbestreitbar
ist hingegen, dass seit Ende der 90er Jahre Beträge im dreistelligen
Millionenbereich auf Schwarzkonten der nicaraguanischen Eliten zirkulieren. Die
zentrale Figur dieser Korruptionsfälle ist der von 1998 bis 2002 amtierende
Präsident des Landes, Arnoldo Alemán. Im Sommer 2002 wurden Schwarzkonten
Alemáns in Panama – die sogenannte „Huaca“ 2. –
entdeckt, auf denen rund 100 Millionen US$ angelegt waren. Quelle der Huaca
waren nach Angaben des nicaraguanischen Menschenrechtszentrums CENIDH unter
anderem Überweisungen des teilprivatisierten Telekommunikationsunternehmens
ENITEL auf Konten von Scheinfirmen und -stiftungen des Ex-Präsidenten 3.
Die Schlussfolgerung, dass direkt Gelder von Unternehmen an Regierungsbeamte
geflossen sind, wird auch dadurch genährt, dass in vielen Fällen die
öffentlichen Einrichtungen unter Wert veräußert wurden und Privatisierungen
auch jenseits des legalen Rahmens vorangetrieben wurden 4. .
Oppositionelle wie Ruth Selma Herrera vom Nationalen VerbraucherInnen-Netzwerk
sprechen jedenfalls offen davon, dass „die Aufgabe der politischen Funktionäre
scheinbar darin besteht, sich ihr Schmiergeld dadurch zu verdienen, indem sie
es ‘erleichtern’, dem Land zu schaden.“ 5.
(1) Die
„Piñata“ hat ihren Namen von einem populären Kinderspiel, bei dem ein Kind mit
verbundenen Augen versucht, mit einem Knüppel auf eine mit Süßigkeiten gefüllte
Puppe solange zu schlagen, bis diese aufplatzt und die Süßigkeiten preisgibt.
(2) „Huaca“
heißt im Nicaraguanischen soviel wie „verborgener Schatz“
(3) CENIDH:
„Derechos humanos en Nicaragua, Informe Anual 2002“, Managua 2003
http://www.cenidh.org/publicaciones.php
(4) So konnte
die spanische Unión Fenosa beispielsweise für rund 115 Millionen US$ eine
95%ige Beteiligung an der Stromverteilung erwerben, obwohl der tatsächliche
Wert bei rund 500 Millionen US$ veranschlagt wurde. Ebenso erhielt der
US-Konzern Coastal Powers den Zuschlag für die Wasserkraftwerke des Lago de
Apanás (plus die „exklusiven Nutzungsrechte“ am See) für 41 Millionan US$
bei einem geschätzten Wert von 200 Millionen US$ allein für die kurz zuvor
modernisierten Wasserkraftwerke. Im Fall des Lago de Apanás fehlte der
Privatisierung auch jegliche rechtliche Grundlage. Immerhin führte massiver
Protest dazu, dass der Verkauf bis heute ausgesetzt wurde. (Fakten aus:
„Nicaragua privatizada, Wenn die Grundversorgung zur Ware gemacht wird“,
München 2003)
(5) „A
desmontar máquina de ‘fabricar’ corruptos“, El Nuevo Diario, 11. August 2002 http://archivo.elnuevodiario.com.ni/2002/agosto/11-agosto-2002/nacional/nacional7.html
(AG Privatisierungen)
"Piñata und Huaca"
Erschienen in: Info-Blatt 63 des Ökumenischen Büros
München
April 2004
Förderung durch das