HIPC-Initiative und die Folgen
Neoliberale Entschuldung
„Sie werden auf weitere Wirtschaftsreformen drängen“ – unter dieser Schlagzeile
berichtete die nicaraguanische Tageszeitung „El Nuevo Diario“ vom 24. Januar
2004 von der Entscheidung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der
Weltbank, dem Land Schuldenstreichungen im Rahmen der sogenannten
HIPC-Initiative zu gewähren 1. Diese
Initiative, die seit Mitte der 90er Jahre innerhalb internationaler
Finanzinstitutionen diskutiert und schließlich 1999 auf dem G7-Gipfel in Köln
beschlossen wurde, sieht vor, 41 afrikanischen, asiatischen und
lateinamerikanischen Staaten einen Großteil ihrer Auslandsschulden zu erlassen.
Nicaragua ist nun das zehnte Land, das in den Genuss von Schuldenstreichungen
kommen soll. Doch während der nicaraguanische Präsident Enrique Bolaños von der
„besten Wirtschaftsmeldung seit 25 Jahren“ 2
spricht, ist in der nicaraguanischen Öffentlichkeit von diesem Enthusiasmus
wenig zu spüren. Vielmehr macht sich auch Skepsis breit, was die „Entschuldung“
tatsächlich bringen wird. Und – worauf die Schlagzeile des El Nuevo Diario verweist
– darüber, wie hoch der soziale, politische und wirtschaftliche Preis sein
wird, den die nicaraguanische Gesellschaft dafür zahlen muss.
„Nachhaltige Schulden“
Bei genauerer Betrachtung ist die Bezeichnung „Schuldenerlass“ im Zusammenhang
mit der HIPC-Initiative durchaus irreführend. „Schuldenanpassung“ wäre wohl der
treffendere Begriff. Denn weder werden Nicaragua alle Auslandsschulden
erlassen, noch verschwindet die Belastung durch den Schuldendienst. Findige
Ökonomen der internationalen Finanzinstitutionen haben herausgefunden, dass es
„nachhaltige Schulden“ gibt. Das bedeutet, dass – abhängig vom Exportvolumen
eines Landes – eine bestimmte Menge an Schulden als bedienbar gilt. Für
Nicaragua wurde errechnet, dass dies bis zu einer Höhe von 1,2 bis 1,5
Milliarden US$ möglich wäre 3 .
Ursprünglich war auch davon die Rede, die Auslandsschulden eben auf jenes Maß
zu reduzieren – und um keinen Centavo mehr. Nach dem jetzigen Stand dürfte die
verbleibende Schuldenlast jedoch um einiges höher sein. Berechnungen schwanken
zwischen zwei und drei Milliarden US$ und entsprechend variieren auch die
Angaben über die zu erwartende Entlastung beim Schuldendienst (siehe dazu den
Kasten „Tatsächliche Entlastungen“).
Fest steht jedoch, dass sich die nicaraguanische Regierung gegenüber IWF und
Weltbank verpflichtete, in den kommenden 15 bis 20 Jahren auch die
verbleibenden Restschulden zu begleichen. Legt man selbst die optimistische
Interpretation des Finanzministers Eduardo Montealegre zugrunde, nach der
Nicaragua zukünftig nur noch 2,537 Milliarden US$ für Tilgungen und
Zinszahlungen aufbringen müsste 4 , so bliebe
je nach Laufzeit ein durchschnittlicher jährlicher Schuldendienst von 126 bis
169 Millionen US$. Die Ausgaben zur Bedienung der Auslandsschulden würden damit
auch künftig auf bzw. über dem Niveau der Aufwendungen liegen, die im
nicaraguanischen Staatshaushalt für das Gesundheitswesen vorgesehen sind 5
.
Die konkreten Zahlen geben damit KritikerInnen wie Carlos Pacheco Alizaga vom
Zentrum für internationale Studien in Managua Recht. Dieser stellte bereits zu
Beginn des HIPC-Prozesses fest: „In keinem Moment geht es, so wie einige
behaupten, bei HIPC um einen ‘Schuldenerlass’, sondern darum, jenen Anteil der
Schulden zu streichen, der von den ärmsten Ländern nicht mehr bezahlt und
von den Gläubigern nicht mehr eingefordert werden kann. D.h., das Ziel ist, die
Auslandsschulden auf ein Niveau anzupassen, das die schwachen, Agrargüter
exportierenden und abhängigen Volkswirtschaften der ‘Dritten Welt’ aufrecht
erhält und diese nicht zusammenbrechen lässt, damit die besagten Schulden bis
in alle Ewigkeit ‘nachhaltig’ an die Gläubiger weiter gezahlt werden.“ 6
Strukturanpassung unter anderem Namen
Der tatsächliche soziale Nutzen der HIPC-Initiative muss also angezweifelt werden. Unbestritten dient sie jedoch andererseits der weiteren Durchsetzung und Rechtfertigung marktwirtschaftlich orientierter Umstrukturierungen in der nicaraguanischen Gesellschaft. So geht der so genannte „Nationale Entwicklungsplan“ der nicaraguanischen Regierung davon aus, dass – um den jährlichen Schuldendienst „nachhaltig“ bedienen zu können – in den kommenden Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5 bis 6% sowie ein jährlicher Anstieg der Exporte um 15% von Nöten sei. 7
Auch wenn diese Wachstumszahlen angesichts der aktuellen Wirtschaftslage
illusorisch erscheinen – der Druck bleibt, in Zukunft die Wirtschaftspolitik
noch umfassender als bisher an den Bedürfnissen des internationalen Marktes und
potenzieller Investoren auszurichten. In der Presseerklärung der Weltbank zum
„Schuldenerlass“ zugunsten Nicaraguas wird Augustín Carstens, Mitglied der
Geschäftsleitung des IWF, sehr deutlich: „Obgleich feststeht, dass die
Schuldenstreichung erlauben wird, das Vertrauen der Investoren zu erhöhen und
das wirtschaftliche Wachstum zu begünstigen, ist es noch wichtiger, dass sich
die Regierung für ihr Wirtschaftsprogramm stark macht. Und für ihre Zusagen,
die makroökonomische Stabilität zu schützen und ein allgemeines
Wirtschaftswachstum mittels Strukturreformen zu fördern.“ 8
Entsprechend musste sich die nicaraguanische Regierung – um in den „Genuss“ der
teilweisen Schuldenstreichung zu gelangen – zu einer Reihe neuer,
weitreichender „Strukturanpassungen“ verpflichten, deren soziale Konsequenzen
absehbar sind. Laut einer Veröffentlichung des IWF zählen dazu einerseits
weitere Privatisierungen von öffentlicher Infrastruktur, so beispielsweise auch
die – wegen verfassungrechtlicher Bedenken zur Zeit ausgesetzte – Veräußerung
der Wasserkraftwerke am Lago de Apanás. Daneben findet sich in der Liste der
Zusagen auch das Versprechen, mit der marktwirtschaftlichen Umstrukturierung
des Bildungswesens fortzufahren, in deren Konsequenz zunehmend Gebühren für den
Schulbesuch erhoben und damit Kinder aus marginalisierten Schichten von dem
Recht auf Bildung ausgeschlossen werden. Ähnliche Verpflichtungen wurden auch
im Bereich des Gesundheitswesens und des Rentensystems eingegangen. 9
Aufgabe von staatlicher Souveränität
Durchaus bedeutsam ist, dass die nicaraguanische Regierung die
„Entschuldung“ auch damit erkaufte, in Zukunft eine Reihe ihrer (hoheitlichen)
Rechte an die internationalen Finanzorganisationen abzutreten. Das wohl
einschneidendste Zugeständnis ist, dass die nicaraguanische Regierung keine
unmittelbare Verfügungsgewalt über die durch die Schuldenstreichung frei
werdenden Haushaltsmittel besitzen wird. Anstelle einer nach
bürgerlich-demokratischen Regeln gewählten Regierung entscheiden künftig der
IWF und die Weltbank über deren Verwendung. 10 Dass
diese Organisationen nun darauf verweisen, dadurch ließe sich die Verwendung
des Großteils der frei werdenden Mittel für die „Armutsbekämpfung“ garantieren,
ist – angesichts der leidvollen Erfahrung, die die nicaraguanische Gesellschaft
mit den Strukturanpassungsprogrammen der vergangenen 15 Jahre machen musste –
blanker Zynismus. Fakt ist vielmehr, dass der nicaraguanischen Regierung auch
nach der „Entschuldung“ kein größerer finanzieller Spielraum gewährt wird.
Bezogen auf die gegenwärtigen politischen Machtverhältnisse mag dies
unerheblich erscheinen. Jedoch würde auch eine progressive Regierung
durch den jetzt gültigen Rechtsrahmen in ihren Möglichkeiten beschnitten, mit
öffentlichen Mitteln – beispielsweise bestimmte Dienstleistungen – wieder in
gesellschaftliches Eigentum zu überführen oder durch staatliche Intervention
eine Wirtschaftsstruktur zu entwickeln, die wieder einer sozialen Logik folgt.
Vor diesem Hintergrund steht zu befürchten, dass sich die „Entschuldung“
Nicaraguas letztendlich als Danaer-Geschenk entpuppen wird. Teilweise noch
konsequenter und nachhaltiger als bei den vorhergegangenen Strukturanpassungsprogrammen
des IWF wird die Zurichtung der nicaraguanischen Gesellschaft an die
Bedürfnisse des internationalen Marktes vorangetrieben. Die zu erwartenden
Konsequenzen lassen sich aus den bisherigen Erfahrungen ableiten. Darauf
verweisend prognostizierte Carlos Pacheco Alizaga: „Die Anwendung von
Strukturanpassungen, was der Kernpunkt der HIPC-Initiative ist, verfolgt nicht
das Ziel, mehr Arbeit zu schaffen und die Verhältnisse der verarmten Mehrheit
zu verbessern, so dass die momentanen Bedingungen von Armut und
Arbeitslosigkeit langsam überwunden werden könnten. Im Gegenteil: Alles deutet
darauf hin, dass sich die Situation in naher Zukunft verschlechtern wird.“ 11
(1) HIPC steht
für „Highly Indebted Poor Countries“ (hochverschuldete arme Länder)
(2)
Nicaragua-Forum vom 26.1.2004 http://www.nicaragua-forum.de/04/nns2601.htm#1
(3) siehe
u.a.: Néstor Avendaño, „El papel del Estado no aparece en el Plan Nacional de
Desarrollo“, envío Nr 260, November 2003 http://www.envio.org.ni/articulo.php?id=1636
(4) La Prensa,
„La condenación no es la solución“, 24.1.2004
(5) 2003 waren
dafür umgerechnet 117 Millionen US$ vorgesehen (www.hacienda.gob.ni)
(6) Carlos
Pacheco Alizaga, „Nicaragua y la initiativa HIPC, Crónica de un caos
anunciado“, http://www.ceinicaragua.org.ni/publicaciones/html/hipc.htm
(7) El Nuevo
Diario, „Espejismo en condenación“, 19.1.2004 http://archivo.elnuevodiario.com.ni/2004/enero/19-enero-2004/nacional/nacional1.html
(8) The World
Bank Group, News Release No: 213 2004//LAC
http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:20153884~isCURL:Y~menuPK:34467~pagePK:64003015~piPK:64003012~theSitePK:4607,00.html
(9) IWF u.
IDA: „Nicaragua, Decision Point Document for the Enhanced Heavily Indebted Poor
Countries (HIPC) Initiative“, 7.12.2000 http://www.imf.org/external/NP/hipc/2000/nic/Nicaradp.pdf
(10) siehe
dazu u.a.: IWF u. IDA: „Nicaragua, Decision Point Document for the Enhanced
Heavily Indebted Poor Countries (HIPC) Initiative“, 7.12.2000 und El Nuevo
Diario, „Alivio HIPC quedará bajo ‘lupa’ del FMI“, 22.1.2004 http://archivo.elnuevodiario.com.ni/2004/enero/22-enero-2004/nacional/nacional17.html
(11) Carlos
Pacheco Alizaga, „Nicaragua y la initiativa HIPC, Crónica de un caos
anunciado“, http://www.ceinicaragua.org.ni/.htm
(AG Privatisierungen)
"HIPC-Initiative und die Folgen"
Erschienen in: Info-Blatt 63 des Ökumenischen Büros
München
April 2004
Förderung durch das