Gefährliche „Entwicklungshilfe“
Seit dem Regierungs- und Politikwechsel Anfang der 90er Jahre ist Nicaragua ein „Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit“ 1. 2002 umfasste das bilaterale Engagement des deutschen Staates (d.h. Zuschüsse, Kredite und Schuldennachlässe) rund 34,5 Millionen Dollar. Dies sind knapp 13% der gesamten Mittel, die Nicaragua über bilaterale Vereinbarungen bekommt. Damit gehört die BRD neben Japan, Schweden und den USA zu den vier wichtigsten „Geberländern“ von sogenannter „Entwicklungshilfe“ 2
Auch die wichtigste staatliche Organisation in diesem Bereich – die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) – ist in dem zentralamerikanischen Land aktiv. Ihren marktwirtschaftlichen Prämissen (siehe dazu den nebenstehenden Kasten) folgend, spielen die KfW-finanzierten Projekte in Nicaragua eine bedeutende Rolle bei der voranschreitenden Durchsetzung kapitalistischer Vermarktungskriterien und damit einhergehend bei der Beschneidung sozialer Rechte.
Wenn Wasser zur Ware gemacht wird
Im vergangen Sommer wurde eines der größten deutschen „Entwicklungshilfe“-Projekte in ganz Zentralamerika abgeschlossen. Seit 1996 finanzierte die KfW die Sanierung des Trink- und Abwassersystems in den nordnicaraguanischen Provinzhauptstädten Matagalpa und Jinotega sowie in der Hafenstadt Corinto. Die deutsche Baufirma DYWIDAG wurde beauftragt, Leitungen und Wassertanks zu erneuern bzw. neu zu errichten. Ferner wurden an tausenden von Privatanschlüssen Wasserzähler angebracht. 3
Hintergrund dieses Projektes war jedoch nicht
das Bestreben, die öffentliche Wasserversorgung zu verbessern, sondern ein
Strukturanpassungsprogramm (SAP) des Internationalen Währungsfonds (IWF) 4 .
Darin wurden Maßnahmen vorgeschrieben, um den Privatisierungsprozess im Bereich
der Wasserversorgung einzuleiten. Analog zum bisherigen Vorgehen bei der
Veräußerung öffentlicher Infrastruktur sollte diese zunächst saniert und somit
für Investoren attraktiver werden. Zunächst sollte dieser Prozess in den
Provinzhauptstädten Matagalpa, Jinotega, Leon und Chinandega vorangebracht
werden. Dabei wurde in dem SAP festgeschrieben, dass die KfW gemeinsam mit der
Interamerikanischen Entwicklungsbank diesen Prozess unterstützen soll.
Dass dieses Vorhaben gegen die nicaraguanische Verfassung verstößt – seit 1987
besitzt sowohl der garantierte Zugang zu Trinkwasser als auch ein
Veräußerungsverbot bezüglich der entsprechenden staatlichen Infrastruktur
Verfassungsrang – störte weder IWF noch KfW. Dabei sind aber nicht nur
rechtliche Einwände gegen das Projekt anzuführen. Viel gravierender dürften die
sozialen Konsequenzen ausfallen. Denn laut SAP müssen künftig die Wassertarife
um monatlich 1,5% angehoben werden – bis zur Deckung der laufenden Kosten. Und
laut KfW sei es in Zukunft notwendig, ein „international erfahrenes privates
Versorgungsunternehmen in Form eines Managementvertrages“ einzubinden und „die
Zahlungsbereitschaft zu erhöhen“ 5 .
Eine Forderung, die – angesichts von Massenelend und Hungertoten vor allem in
der Provinz Matagalpa – obszön ist.
Erfahrungen aus dem Energiesektor
Die Erfahrungen mit der „Modernisierung“ und
Privatisierung der Stromverteilung verweisen dabei auf die konkret zu
erwartenden sozialen Konsequenzen einer allein auf Effizienzkriterien
beruhenden Versorgung. Laut KfW – die auch diesen Prozess mit einem
zweistelligen Millionenbetrag förderte 6 –
sollte die marktwirtschaftliche Umstrukturierung des Energiesektors „der
Grundstein für eine nachhaltig verbesserte Stromversorgung“ sein 7 .
Demgegenüber berichten Verbraucherschutzorganisationen wie KundInnen von
drastischen Tariferhöhungen, Stromabschaltungen, überhöhten und schlicht
falschen Rechnungen sowie defekten Verteilerstationen, deren Reparatur sich
nicht rechnet, womit ganze Gemeinden vom frisch sanierten Stromnetz abgetrennt
wurden 8 .
Hinzu kommt, dass die private Betreibergesellschaft der Stromverteilung, die
spanische Unión Fenosa, offensichtlich wirtschaftlich schwer angeschlagen ist
und so eine generelle Energie-Verknappung befürchtet wird 9 .
Die KfW ficht diese soziale Realität nicht an. Im Gegenteil: Bei der Auswertung
des entsprechenden Projektes gelangt sie zur Schlussfolgerung, dass es
rückblickend nur ein einziges generelles Problem gegeben habe, nämlich die
fehlende rechtliche Handhabe gegen illegales Anzapfen der Leitungen. In Zukunft
solle eine solche jedoch zur Auflage für die Auszahlung von Projektgeldern
gemacht werden 10 .
Würden die marktwirtschaftlichen Vorstellungen der KfW nun auch im Bereich der
Wasserversorgung Realität, so bliebe den Betroffenen in vielen Fällen nur, auf
Trinkwasser zu verzichten – mit verheerenden hygienischen und medizinischen
Folgen. Auch für etwas besser Gestellte hieße dies, alle anderen Ausgaben, wie
für Essen, Kleidung, Energie oder Bildung weitestgehend zu reduzieren, damit
die monatliche Wasserrechnung beglichen werden könnte.
Großprojekt Managua-See
Während sich in Nicaragua in den vergangenen 18
Monaten zunehmend Widerstand gegen die Privatisierung des Wassersektors und
gegen das Geschäftsgebahren der Unión Fenosa formierte, arbeitet die KfW weiter
an der neoliberalen Umgestaltung der nicaraguanischen Gesellschaft. Im Sommer
2003 wurden die Vorarbeiten für das nächste Großprojekt deutscher
Entwicklungshilfe gerade abgeschlossen. Für die Errichtung eines Klärwerks in
der nicaraguanischen Hauptstadt Managua stellt die KfW knapp 40% der insgesamt
für das Projekt veranschlagten 70 Millionen US-Dollar bereit.
Dass die KfW dieses Projekt als Schritt zur „Sanierung des Managua-Sees“ feiert
und dessen ökologischen und sanitären Nutzen heraus zu stellen sucht, mag den
Gesetzen der Öffentlichkeitsarbeit folgen. Die Realität ist jedoch auch in
diesem Fall durchaus widersprüchlich. So sprechen selbst Verantwortliche der
nicaraguanischen Wasserbehörde von nur kosmetischen Verbesserungen, die das
Klärwerk für die Wasserqualität im stark verschmutzten Managua-See bewirken
wird 11 .
Zudem wird das von der KfW und der nicaraguanischen Regierung formulierte Ziel,
eine weitere Verschmutzung des Sees zu verhindern, von der Praxis ad absurdum
geführt. Ende September 2003 berichteten nicaraguanische Medien über
regelmäßiges Verkappen giftiger Industrieabwässer in einen Zufluss des
Managua-Sees. Laut AnwohnerInnen stammen die Abwässer aus Textilbetrieben, die
in einer 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt gelegenen „Zona Franca“
angesiedelt sind. Offenbar entsorgen die Unternehmen ihre Abwässer bereits seit
Monaten auf diese Art mit Kenntnis und Duldung des Umweltministeriums 12 .
So sehr sich der tatsächliche Nutzen des Klärwerks erst erweisen muss, die
sozialen Risiken des Projektes liegen auf der Hand. Die KfW selbst legt Wert
auf die Feststellung, dass dieses Projekt im Zusammenhang mit dem
Voranschreiten der „Reform“ des Wassersektors zu sehen sei 13 .
Entsprechend stellte sie bereits in der Planungsphase klar, dass die
Finanzierung des Projektes von seiner „Nachhaltigkeit“ abhinge. Konkret
verlangte sie von den nicaraguanischen Behörden, im Laufe des Projektes die
Wassertarife um etwa 250% zu erhöhen sowie die Verwaltung zu privatisieren.
Schließlich gelte es, die Wasserver- und Abwasserentsorgung so rentabel zu
machen, dass sowohl die Instandhaltung der Installationen als auch die
Kreditrückzahlungen garantiert werden können 14 .
Durchschaubare Motivation
Bemerkenswert ist, dass die KfW mit dem Projekt in Managua ihrem
Tätigkeitsgebiet „Wasser“ treu bleibt 15 .
Erklärlich ist es allemal. Nicht nur nicaraguanische PublizistInnen 16
verweisen darauf, dass in Zukunft die großen Süßwasservorkommen des
zentralamerikanischen Landes zu einer begehrten, weil knappen Ressource werden
könnten. Mit den von ihr finanzierten Projekten hat die KfW jedenfalls dazu
beigetragen, deren „Inwertsetzung“ und damit die (internationale) Handelbarkeit
zu fördern und damit einen Markt vorzubereiten, in dem auch deutsche
„global-player“ ihre Zukunft sehen.
Aber um nicht unfair zu sein: zumindest ein Projekt der KfW scheint sich
tatsächlich um die Verbesserung der Lebenssituation marginalisierter
Bevölkerungsgruppen zu kümmern – die Beteiligung am so genannten
Sozialinvestitionsfonds FISE. Dabei gibt die KfW pikanterweise selbst zu, dass
die Einrichtung dieses Fonds, der dazu dienen soll, der verarmten Bevölkerung
„den Zugang zur sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur“ zu erleichtern,
ursächlich mit der Notwendigkeit der „Abmilderung der kurzfristig negativen
Folgen der tiefgreifenden Strukturanpassungsprogramme“ verbunden sei 17 .
Ob dieses Engagement jedoch ausreicht bzw. überhaupt geeignet ist, um die von
der KfW mit zu verantwortenden kommenden sozialen Ausgrenzungen zu
kompensieren, ist zu bezweifeln.
(1) Die KfW
legt dabei in ihrem „Jahresbericht über die Zusammenarbeit mit
Entwicklungsländern 2000“ Wert auf die Feststellung, dass 1990 die „ersten
freien Wahlen“ in Nicaragua stattgefunden haben und die siegreichen Kräfte
seither an der „Demokratisierung und der wirtschaftlichen Stabilisierung“
arbeiteten. (Die ebenfalls in öffentlicher Hand befindliche „Gesellschaft für
technische Zusammenarbeit“ (GTZ) geht auf ihrer Homepage in puncto
Geschichtsrevisionismus noch einen Schritt weiter: für sie war die Abwahl der
FSLN nichts weniger als die „Rückkehr zur Demokratie“.)
http://www.kfw-entwicklungsbank.de/DE/Service/OnlineBibl48/KfW_FZ_JB_D.pdf
http://www.gtz.de/Nicaragua/deutsch/nicade.htm
(2)
Ministerio de Relaciones Exteriores, „Informe de Cooperación Externa 2002“,
srec.cancilleria.gob.ni/reportes/
http://srec.cancilleria.gob.ni/reportes/reportes14.shtm
(3)
Christian Rummel, „... nie den richtigen Umgang mit Wasser gelernt“, Info-Blatt
58, München, Dezember 2002 http://www.oeku-buero.de/veroeff/inf58/06niaqua.html
(4)
Internationaler Währungsfonds, „Enhanced Structural Adjustment Facility,
Economic Policy Framework Paper for 1999-2001“, 23. August 1999 http://www.imf.org/external/NP/PFP/1999/Nicarag/nictab.pdf
(5) KfW,
„Trinkwasserver- und Abwasserent-sorgung Matagalpa, Jinotega und
Corinto/Projektkurzdarstellung“, http://www.kfw-entwicklungsbank.de/DE/Laender%20und%20Projekte/Lateinamer79/Nicaragua61/GPKD_00480_DE_Trinkwasserver_und_abwasserentsorgung_Ma.pdf
(6) KfW,
„Nicaragua: Rehabilitierung und Erweiterung von Stromverteilungssystemen II,
Schlussprüfung“, http://www.kfw-entwicklungsbank.de/DE/Evaluierung/Schlussprf90/nicaragua.pdf
(7) KfW,
„Jahresbericht über die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern 2000“,
www.kfw.de
(8) siehe dazu
u.a.: „Vom Staats- zum Privatmonopol – Die Privatisierung der Stromverteilung
und ihre Folgen“, in „Nicaragua privatizada“, München 2003, http://nica.open-lab.org
(9)
Nicaragua-Forum Heidelberg: „Unión Fenosa ist bankrott!“, 19.August 2003, http://www.nicaragua-forum.de/03/nns1908.htm#4
(10) KfW,
„Nicaragua: Rehabilitierung und Erweiterung von Stromverteilungssystemen II,
Schlussprüfung“, www.kfw.de
(11)
„Xolotlán sólo recibirá saneamiento cosmético“, La Prensa,Managua, 5. September
2002 http://www-ni.laprensa.com.ni/archivo/2002/septiembre/05/nacionales/nacionales-20020905-05.html
(12)
„¡Pobre Xiloá y el Xolotlán!“, El Nuevo Diario, Managua, 25.September 2003 http://archivo.elnuevodiario.com.ni/2003/septiembre/25-septiembre-2003/nacional/nacional17.html
(13) KfW,
„Ejemplos de Proyectos del KfW“, www.kfw.de
(14)
„Paralizado proyecto de saneamiento del Lago“, Confidencial Semanario de
Información y Análisis, No. 111, Septiembre 1998 http://www.confidencial.com.ni/1998-111/confidencial/otros_temas.html
(15) Dies
gilt im Übrigen nicht nur für Nicaragua, sondern – wie die KfW selbst schreibt,
ist „die Wasserwirtschaft Schwerpunkt der Entwick-lungszusammenarbeit“ und
macht im Volumen rund ein Viertel aller Zusammenarbeitszusagen aus. Nach: KfW,
„Die Förderung der Trinkwasser-versorgung“, www.kfw.de
(16) siehe
dazu u.a.: Interview mit María Lopez Vigil, Chefredakteurin der Zeitschrift
envío, in „Rundschreiben 2/03“ des Informationsbüro Nicaragua e.V., Wuppertal http://www.informationsbuero-nicaragua.org/Publikationen/rundschreiben/rundschreiben2-03/maria-lopez.html
(17)
KfW-Projektkurzdarstellung vom 7. März 2002, www.kfw.de
(AG Privatisierungen)
"Gefährliche „Entwicklungshilfe“"
Erschienen in: Info-Blatt 63 des Ökumenischen Büros
München
April 2004
Förderung durch das