Widerstand in Nicaragua

Die siebte Verhandlungsrunde zum Freihandelsvertrag USA-Zentralamerika in Managua.


In der Woche vom 15. bis 19. September fand in Managua die siebte Runde der Verhandlungen zum Freihandelsvertrag zwischen Zentralamerika und den Vereinigten Staaten CAFTA statt. Aus diesem Anlass hatte ein breites Spektrum von Gruppen zu einer gemeinsamen Protestdemonstration aufgerufen. Das Ziel des Marsches am Donnerstag dieser Verhandlungswoche war die Nationalversammlung. Auf ihrem Weg dorthin ließen sich die 10 000 DemonstrantInnen auch von den zahllosen Polizisten nicht daran hindern das Gebäude am Plaza Inter, wo die Verhandlungen zu CAFTA abliefen, unter intensiven Beschuss mit Feuerwerksraketen zu nehmen (siehe Bienen besiegen den Protest). Zum Abschluss der Kundgebung übergaben einige Delegierte, darunter prominente FSLN-Abgeordnete, dem Präsidenten der Nationalversammlung einen Gesetzesvorschlag für einen mehrjährigen Aufschub des Inkrafttretens des CAFTA-Vertrages. Diese Forderung war aber keineswegs Konsens unter den DemonstrationsteilnehmerInnen. Das Movimiento Comunal Nicaragüense beispielsweise, der nationale Dachverband der Partnerorganisation des Ökumenischen Büros in Matagalpa, distanzierte sich öffentlich von der Forderung nach einem Aufschub und unterstrich sein klares Nein zu einem Freihandelsvertrag. (El Nuevo Diario, La Prensa, 19. Sep. 2003)

Was sagt Ihnen CAFTA?

Eine Umfrage im Juni dieses Jahres hat ergeben, dass bisher erst knapp 30 % der Befragten schon einmal von dem Freihandelsvertrag USA-Zentralamerika gehört hatten, 17 % von ALCA(2) und 13 % vom Plan Puebla-Panamá (El Nuevo Diario, 27.06.2003).
Diese beiden Pressemeldungen sind bezeichnend für den Widerstand in Nicaragua. Sie veranschaulichen auch gut die Probleme mit denen er zu kämpfen hat.

Die Diskussion über die Freihandelsverträge in der Öffentlichkeit

Im Juni und Juli des vergangenen Jahres erreichte die Diskussion über die Freihandelsverträge erstmals größere Aufmerksamkeit. Anlass war das 3. Mittelamerikanische Forum, dass im Juli in Managua stattfand, und natürlich vor allem von nicaraguanischen Gruppen organisiert wurde. Im Zentrum dieses Treffens stand ganz eindeutig der Widerstand gegen den Plan Puebla-Panamá (PPP(3)). Wie in den anderen zentralamerikanischen Ländern auch, hat aber die Auseinandersetzung mit CAFTA, den Widerstand gegen den PPP in den Hintergrund gedrängt.
In der zweiten Augusthälfte dieses Jahres, als sich die Delegation des Ökumenischen Büros in Nicaragua aufhielt, waren viele der besuchten Organisationen schon intensiv mit der Vorbereitung der Proteste zur siebten Verhandlungsrunde von CAFTA in Managua beschäftigt. Die Palette der Organisationen, die sich mit dem Freihandelsvertrag USA Zentralamerika befassen ist breit. Sie reicht von Frauenorganisationen, Gewerkschaften, Gruppen die sich mit ländlicher Entwicklung beschäftigen, Verbraucherschutzverbänden, entwicklungspolitischen Netzwerken und Umweltschutzgruppen bis hin zu Menschenrechtsgruppen. Alle hatten CAFTA auf ihrer Tagesordnung und bereiteten sich auf die Verhandlungen in Managua vor.
Der überwiegende Teil dieser Vorbereitungsarbeit betraf Aufklärung und Bewusstseinsbildung, da für die nicaraguanische Bevölkerung die verschiedenen Freihandelsverträge bisher anscheinend noch keine große Bedeutung haben. Auch bei den Organisationen selbst, die sich mit den Freihandelsverträgen beschäftigen, ist die Diskussion noch nicht sehr weit gediehen. Die Coordinadora Civil beispielsweise, der Dachverband der nicaraguanischen Nichtregierungsoganisationen, hatte bis zum August bei den Themen CAFTA, ALCA und PPP “keine eigene Rolle gespielt”. Erst Ende August gab es, aus Anlass der siebten CAFTA-Verhandlungsrunde, ein Treffen, bei dem man erstmals versuchen wollte, eine gemeinsame Position zu erarbeiten, um damit an die Öffentlichkeit zu treten.
Einigkeit herrscht bei den Gegnern der Freihandelsverträge bei der Einschätzung der parlamentarischen Kräfte. Im Gegensatz zu El Salvador, wo ein möglicher Wahlsieg der FMLN im nächsten Jahr die politischen Phantasien beflügelt, erwartet in Nicaragua niemand etwas von der FSLN. Weder existiert eine eindeutige Positionierung der Partei zu den Verhandlungen, noch rechnet jemand in absehbarer Zeit mit einem Wahlerfolg der FSLN. Vor allem nachdem der allseits diskreditierte Daniel Ortega sich jetzt schon zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2006 ausgerufen hat. Die FSLN wird sogar als Belastung empfunden. Jalkiria Pineda vom Colectivo de Mujeres de Matagalpa war der Meinung, dass sich der Widerstand in Nicaragua deshalb so schwer entfaltet, weil die “FSLN keinen Platz für eine eigene linke Entwicklung lässt”.

Die verschiedenen Strömungen

In Nicaragua ist es genauso schwer, eine gemeinsame Position zu erreichen, wie in den übrigen zentralamerikanischen Ländern. Denn auch in Nicaragua gibt es unter den KritikerInnen der Freihandelsverträge zwei Gruppen mit sehr unterschiedlichen politischen Strategien. Auf der einen Seite steht die Mehrheit derjenigen, die davon überzeugt sind, dass es nur ein klares Nein geben kann. Auf der anderen Seite ist die Minderheit, die sich für die Strategie der Beeinflussung der Verhandlungen einsetzt, in Nicaragua relativ stark. Vertreter dieser Minderheit sind in Nicaragua das Centro Humboldt, der Kooperativenverband FENACOOP (Federación Nacional de Cooperativas Agropecuarias y Agroindustriales) und der sandinistische Gewerkschaftsbund CST (Central Sandinista de Trab ajadores), die alle der Initiative CID (La Iniciativa Mesoamericana de Comercio, Integración y Desarrollo Sostenible) angehören, einer zentralamerikanischen Initiative von Organisationen, die die CAFTA-Verhandlungen begleiten. Diese Gruppe der VerhandlungsbefürworterInnen ist in Nicaragua lange nicht so isoliert wie etwa die entsprechende Organisation FUNDE in El Salvador. Im Gegenteil, sie spielen anscheinend sogar eine wichtige Rolle, denn die Forderung nach einem Aufschub für die CAFTA-Verhandlungen geht auf einen Vorschlag von CID vom Juli zurück. Er wurde später von Teilen der FSLN übernommen und hat bei der Demonstration am 18. September anscheinend eine wichtige Rolle gespielt.
Die Coordinadora Civil verfolgte im August die Strategie, einen möglichen Konflikt zwischen “AblehnerInnen” und “VerhandlerInnen” auf jeden Fall zu vermeiden. Man strebte einen Minimalkonsens an, der vor allem darin bestand möglichst breit für die Demonstration am 18. September zu mobilisieren. Dabei hoffte man damals auf 10 000 TeilnehmerInnen.
Dieses erste Ziel ist erreicht.

(ea)
"Widerstand in Nicaragua"
Erschienen in: Info-Blatt 61  des Ökumenischen Büros
München
November 2003

 

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