Marktwirtschaft tötet!
Zu den Hintergründen der sozialen Katastrophe in den Kaffeeanbaugebieten Nicaraguas
Anfang August 2003 marschierten rund 5.000 arbeitslos gewordene
LandarbeiterInnen vom nordnicaraguanischen Matagalpa in die 130 km entfernte
Hauptstadt Managua. Ziel der Aktion war es, auf die katastrophale soziale
Situation der LandarbeiterInnen in den Kaffeeanbauregionen aufmerksam zu machen
sowie von der Regierung die Einhaltung bereits vor einem Jahr getroffener
Zusagen einzufordern. Allein während des Demonstrationszuges starben nach
Angaben des nicaraguanischen Menschenrechtzentrums CENIDH 14 Menschen an
Unterernährung.
Diese Demonstration ist der momentan sichtbarste Ausdruck der Hungersnot, die
bereits seit mehreren Jahren in den nicaraguanischen Kaffeanbaugebieten herrscht.1
Schon im August 2002 verhungerten in der Region mindestens acht Menschen,
seither hat sich die Situation nicht verbessert. Im Gegenteil, 45% der Kinder
von LandarbeiterInnen in Nicaragua gelten laut UNICEF mittlerweile als
chronisch unterernährt, Gesundheitsexperten diagnostizieren immer häufiger die
Mangelernährungskrankheit Kwashiorkor (siehe Kasten).
Der Verfall der Kaffeepreise
Auslöser der sozialen Krise war unbestritten der zum Teil dramatische Fall der
Preise für Rohkaffee. Wurden 1999 noch 1,44 US-Dollar pro Pfund bezahlt, so
liegt der Preis heute bei 51 Cents und damit oftmals auch unterhalb der
Produktionskosten der Fincas. Dieser Preisverfall hatte unmittelbar zur Folge,
dass entweder völlig auf die Aberntung des Kaffees verzichtet wurde und/oder
viele FincabesitzerInnen in finanzielle Schwierigkeiten kamen. Leidtragende
waren und sind zuallererst die landlosen ArbeiterInnen auf den Fincas, die als
ErntehelferInnen ihr Einkommen zu sichern versuchen. Zehntausende verloren mit
der Kaffeekrise ihre Jobs – und oftmals damit verbunden, ihre Duldung auf den
Kaffeefincas.
Um jedoch zu erklären, wie aus einer „Kaffee-Krise“ eine „Hunger-Krise“ werden konnte
(und dies in einem Land, in dem unter Umständen zwei Getreide- und
Gemüse-Ernten pro Jahr möglich sind und das früher als „Kornkammer
Zentralamerikas“ bezeichnet wurde), dazu reicht der Verweis auf fallende
Rohstoffpreise nicht aus. Die strukturellen Ursachen liegen tiefer – in den
seit 1990 unter internationaler Ägide vorangetriebenen marktwirtschaftlich
orientierten Veränderungen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik, vor
allem in der Rückgängigmachung der sandinistischen Landreform und der
Zerschlagung der öffentlichen Grundversorgung.
Strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft
Unter anderem mit der Zielsetzung, die Versorgungssituation von
LandarbeiterInnen und KleinbäuerInnen zu verbessern, führte die linksgerichtete
Regierung der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN Anfang der 80er Jahre eine
umfangreiche Landreform durch. 2,5 Millionen manzanas 2 , rund 30% der zur Zeit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Nicaraguas, wurden
an Landlose und KleinproduzentInnen übertragen. Begleitet wurde diese Maßnahme
von der Vergabe billiger Kredite, Schulungsprogrammen und der Garantie der
Ernteabnahme durch das Staatsunternehmen ENABAS.
Seit dem Regierungswechsel 1990 und der damit einhergegangenen Durchsetzung
ausschließlich marktwirtschaftlicher Kriterien auch im Landwirtschaftssektor
gibt es einen „roll-back“ in der Eigentumsverteilung. Bedingt durch das Fehlen
von Krediten oder anderen staatlichen Hilfen einerseits, durch die Öffnung des
Marktes für hochproduktiv und hochsubventioniert angebaute Produkte aus dem
„Norden“ andererseits, wurden viele KleinproduzentInnen zur Aufgabe ihrer
Fincas gezwungen. Die nicaraguanische Vereinigung der BäuerInnen und
ViehzüchterInnen (UNAG) geht in einer Untersuchung davon aus, dass im Jahr 2000
bereits rund 60% des während der Landreform verteilten Landes verkauft werden
musste – in der Regel an AlteigentümerInnen oder Mitglieder der „neuen“
nationalen Oberschicht.
Aufgrund dieser Prozesse hat sich die Sozialstruktur in den ländlichen Regionen
in den vergangenen 15 Jahren dramatisch verändert. Besaßen in den 80er Jahren
die KleinproduzentInnen (mit einer Anbaufläche von weniger als 50 manzanas)
rund 80% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, so ist dieser Anteil Ende der
90er Jahre auf unter 25% gesunken. Für tausende von Familien bedeutete die
Aufgabe ihrer Finca das Ende einer zumindest notdürftigen Existenzsicherung.
Als einzige Einkommensalternative bot sich in den ländlichen Gebieten die
(Saison-)Arbeit in den großen Fincas an, in Nordnicaragua zumeist im
Kaffeeanbau. Bis zu 200.000 ArbeiterInnen waren in der Kaffee-Ernte
beschäftigt, aber auch diese, schlechte Überlebensmöglichkeit gibt es seit zwei
Jahren für viele nicht mehr.
Dabei hat die Tatsache, dass sich großflächiger Anbau (und damit auch die
Arbeitsmöglichkeiten) auf wenige Exportprodukte beschränken vor allem zweierlei
Ursachen. Einerseits entspricht die Förderung einer Produktion, die nur externe
Bedürfnisse befriedigt, nicht nur den Vorgaben der dominanten, kapitalistischen
Wirtschaftstheorie sondern auch dem „kolonialen Erbe“, d.h. einer seit
Jahrhunderten gewachsenen strukturellen Abhängigkeit von den industriell
entwickelten Staaten Europas und Nordamerikas.
Andererseits ging – wie bereits erwähnt – mit der Öffnung des nationalen
Marktes für landwirtschaftliche Produkte aus dem „Norden“ der wirtschaftliche
Abstieg vieler ProduzentInnen im Bereich des Anbaus von Grundnahrungsmitteln
einher. Obgleich also durchaus zu bezweifeln ist, dass unter den
herrschenden marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in einem großflächigen,
über die Eigenversorgung der ProduzentInnen hinausgehenden Anbau von
Grundnahrungsmitteln eine Perspektive in Nicaragua zu sehen ist, erscheint es
angesichts der Hungertoten trotzdem zynisch, dass dort zur Zeit etwa genauso
viel Anbaufläche für Kaffee genutzt wird wie für Bohnen und Reis, zwei der drei
wichtigsten Grundnahrungsmittel, zusammen.3
Fehlende soziale Sicherung
Hinzu kommt, dass in Nicaragua die jetzt von Arbeitslosigkeit betroffenen
LandarbeiterInnen mit nahezu keiner staatlichen Unterstützung rechnen können
(siehe Kasten „Die Vereinbarung von Las Tunas“). Auch die medizinische
Versorgung ist nach den Strukturveränderungen in den 90er Jahren zur Ware und
damit für die Betroffenen nicht mehr verfügbar bzw. leistbar geworden –
beispielsweise gibt es im nordnicaraguanischen Bezirk Tuma-La Dalia, einem der
Zentren des Kaffeeanbaus, gerade noch acht Ärzte für die 70.000 EinwohnerInnen.
Anstelle den vom Hungertod Bedrohten auch unmittelbar mit Lebensmitteln und
medizinischer Versorgung zu helfen, beschränken sich die Behörden auf zynische
Kommentare. So forderte beispielsweise der nicaraguanische Gesundheitsminister
Mariangeles Arguello die BewohnerInnen Managuas auf, den in der Hauptstadt
protestierenden KaffeearbeiterInnen keine Lebensmittel zukommen zu lassen, da
diese „sich dadurch zum Bleiben ermuntert“ fühlen könnten.
Vorhandene Mittel kommen den Betroffenen nicht zu Gute. So wurde beispielsweise
unter der konservativen Chamorro-Regierung Anfang der 90er Jahre ein Fonds
eingerichtet, in den die KaffeeproduzentInnen einbezahlt hatten. Im Falle von
Preisstürzen sollte dieser ausgezahlt werden. Von der liberalen
Nachfolgeregierung wurden jedoch diese Einlagen zu Sicherheiten gegenüber dem
Internationalen Währungsfonds (IWF) erklärt. Auch von den 25 Mio. Dollar
taiwanesischer Hilfsgelder, die 2001 zur Unterstützung der KaffeeproduzentInnen
ins Land geflossen sind, landeten lediglich zwei Millionen bei den Betroffenen,
die restlichen 23 Mio. flossen direkt zur Begleichung des Schuldendienstes an
die Banken.
Internationale Verantwortlichkeit
Aber nicht nur – wie im obigen Beispiel – indirekt, sondern auch unmittelbar
muss internationalen Organisationen ein großer Teil der Verantwortung für die
soziale Katastrophe zugeschrieben werden. Vor allem der strukturelle Wandel,
dem die nicaraguanische Gesellschaft in den 90er Jahren unterworfen wurde, trug
die Handschrift des IWF, der Weltbank und der Interamerikanischen
Entwicklungsbank. Die hohen Auslandsschulden Nicaraguas nahmen diese als
Druckmittel, um nicht weniger als drei Strukturanpassungsprogramme in dem Land
durchzusetzen. Nahezu alle wirtschafts- und sozialpolitischen Ursachen der
gegenwärtigen Hungerkrise finden sich in den durchgesetzten Auflagen des IWFs
wieder: in den 90er Jahren Abbau von Subventionen, Zerschlagung des
Staatssektors in der Produktion, Auflösung von ENABAS, Privatisierung des
mittlerweile kollabierten Bankenwesens und damit des Kreditwesens, Öffnung der
Kapital- und Warenmärkte; aktuell wird das dritte Anpassungsprogramm vollzogen,
das vor allem auf die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen abzielt.4
Dass diese Maßnahmen zumeist in Interessensgemeinschaft mit großen Teilen der
nicaraguanischen Oberschicht umgesetzt wurden, ändert an der Tatsache nichts,
dass die zunehmende soziale Marginalisierung großer Teile der nicaraguanischen
Bevölkerung ursächlich mit den Strukturanpassungsprogrammen verknüpft ist.
Nicaragua ist nur ein Beispiel
Während in Nicaragua zur Zeit die Toten einer marktwirtschaftlich orientierten
Landwirtschaft zu beklagen sind, finden die gleichen Rezepte in anderen Ländern
und Regionen unvermindert Anwendung – mit durchaus bekannten Folgen. Allein in
Mexico wird damit gerechnet, dass mit Inkrafttreten der letzten Abkommen zur
Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) über die Öffnung der Märkte für
landwirtschatliche Produkte, mittelfristig rund 3 Millionen BäuerInnen ihrer
Existenzgrundlage beraubt werden. Wie diese Menschen in Zukunft überleben
sollen, weiß niemand. Sicher ist jedoch, dass ihnen seitens der politischen und
wirtschaftlichen Eliten nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden wird als zur
Zeit den nicaraguanischen KaffeearbeiterInnen. Wirtschaftlich interessant
bleiben diese Menschen nur, solange sie gleichermaßen als ausbeutbare
ProduzentInnen wie als zahlungsfähige KonsumentInnen auftreten. Eine andere
Form der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse als im Rahmen der freien Marktes
ist nicht vorgesehen. Wie das Beispiel Nicaraguas zeigt, heißt dies nicht
weniger, als vielen Menschen die Überlebensgrundlage zu rauben –
Marktwirtschaft tötet!
Wolfgang Ecker / Christian Rummel
Informationen aus:
http://www.nicaragua-forum.de
http://www.nicanet.org
- Monatszeitschrift envio Juni und August 2001
- nicaraguanisches Landwirtschaftsministerium (http://www.magfor.gob.ni/)
- CENAGRO (Zensus des nicaraguanischen Staates über die landwirtschaftliche
Produktion, http://www.inec.gob.ni/cenagro/)
- Jungle World 35/2003
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1
Von einer ähnlich katastrophalen Situation wird auch aus den
Kaffeeanbaugebieten El Salvadors und Guatemalas berichtet.
2
Eine manzana entspricht etwa 0.7 Hektar
3
Je nach Quelle wird davon ausgegangen, dass auf 130.000 und 150.000 manzanas
Kaffee angebaut wird. Demgegenüber berichtet das nicaraguanische
Landwirtschaftsministerium, dass 2003 Bohnen auf rund 77.000 manzanas, Reis auf
knapp 82.000 manzanas geerntet werden.
4
Zynischerweise hat sich der Inhalt der IWF-Strukturanpassungsprogramme in den
vergangenen Jahren nicht geändert, wohl aber ihre Namen: Die Programme heißen
jetzt „Maßnahmen zur Verringerung von Armut und zur Wachstumsförderung“.
(Wolfgang Ecker /Christian Rummel)
„Marktwirtschaft tötet!“
Erschienen in: Info-Blatt 61 des Ökumenischen Büros
München
November 2003
Förderung durch das