Die rechtlose Situation von lateinamerikanischen TransmigrantInnen in Mexiko
Auf dem Weg in die USA
von Kathrin Zeiske
„In Honduras gibt es kaum Arbeit. Ich habe einen Dollar am
Tag verdient. In den USA verdiene ich drei Dollar die Stunde. Es ist mir ganz
egal, was ich dort arbeiten werde. Keiner von uns geht gerne. Wir würden unser
Land nicht verlassen, wenn wir dort arbeiten könnten.„ David, ein junger
Migrant aus Honduras wartet an den Gleisen des Güterzuges nach Norden. Er und
seine Freunde sind gestern in der Hauptstadt Tegucigalpa aufgebrochen. Die
Reise durch Guatemala und die Überquerung des Grenzflusses zu Mexiko sind kein
Problem, aber ab Ciudad Hidalgo, der staubigen Grenzstadt auf mexikanischer
Seite, beginnt der Spießrutenlauf vorbei an Migrationspolizei und bewaffneten
Banden.
Die Vereinigten Staaten versuchen, lateinamerikanische MigrantInnen schon gar
nicht mehr bis an ihre Grenze kommen zu lassen. Mexiko schiebt deshalb
mittlerweile für die USA jährlich mehr als 100.000 Personen ab, die das
mexikanische Territorium durchqueren, um an die Nordgrenze zu gelangen. Die USA
unterstützt den mexikanischen Staat finanziell ebenfalls bei der Überwachung
der Verkehrswege in den Norden sowie bei der Militarisierung der Zone der
Südgrenze Mexikos. An allen Überlandstrassen Richtung Norden gibt es
Polizeikontrollen. Besonders viele werden in Chiapas installiert, um die
MigrantInnen, die zum größten Teil aus Guatemala, El Salvador und Honduras
kommen, so bald wie möglich nach dem Grenzübertritt abzufangen.
So brauchen MigrantInnen durchschnittlich acht bis neun Versuche, um es
tatsächlich bis in die USA zu schaffen. Die ersten Male dienen meistens nur
dazu, Wege auszukundschaften und zu lernen, wie man der Migrationspolizei
ausweicht.
Da Mexikos Polizeiorgane durch und durch korrupt sind, sehen diese die
MigrantInnenströme als neue Einnahmequelle. So geht es den einzelnen Beamten
hauptsächlich darum, Schmiergelder zu kassieren und weibliche Migrantinnen zu
sexuellen Diensten zu nötigen. Besitzt der- oder diejenige genug Geld, kann er
oder sie sich ohne weiteres den Weg bis zur US-Grenze freikaufen.
Sobald MigrantInnen nicht mehr bezahlen können, werden sie zurückgeschoben. Es
beginnt eine tage- bis wochenlange Reise von Abschiebestation zu
Abschiebestation, bis sie schließlich in Tapachula landen, der
Provinzhauptstadt der Grenzregion Soconusco. Im dortigen Abschiebegefängnis
werden die MigrantInnen schließlich nach Herkunftsländern getrennt und mit
Polizeibegleitung bis an die Grenze des jeweiligen Landes transportiert. Die
Abschiebestationen sind vollkommen überfüllt, infolge der restriktiven
Abschiebepolitik beherbergen sie mittlerweile oft zehnmal mehr Menschen, als
ihre Konstruktion eigentlich zulässt. So gibt es im Abschiebegefängnis
Tapachula lediglich drei Toiletten für 300 Menschen und keine Duschen. Es gibt
zwei große Zellen, eine für salvadorianische und eine für hondurianische
Migranten, die guatemaltekischen Migranten schlafen im Innenhof und sämtliche
Frauen im Flur. Dreimal am Tag gibt es ein Sandwich, eine Banane und ein
Trinkpäckchen, aber oftmals wissen die Leute gar nicht, dass das Essen umsonst
ist und hungern deswegen tagelang. Angeblich bleibt niemand länger als acht
Stunden in diesen Räumlichkeiten, tatsächlich aber verbringen die MigrantInnen
dort oft mehrere Tage.
Die Todeszüge
Der Mehrzahl der MigrantInnen fehlt die finanzielle
Grundlage, um z.B. einen Schleuser, einen sog. „Coyoten„, zu bezahlen, der dann
für ca. 5000 US Dollar alle notwendigen Bestechungen regelt und den Transport
organisiert. MigrantInnen, die so viel Geld nicht aufbringen können, indem sie
bsw. ihren gesamten Besitz verkaufen, müssen sich auf eine wochen- oder
monatelange Reise mit Güterzügen machen.
Diese Güterzüge Richtung Norden werden „Todeszüge„ genannt, denn wöchentlich
kommt es zu Unfällen, bei denen MigrantInnen umkommen oder verstümmelt werden.
Die Güterzüge fahren zweimal die Woche an der Südgrenze los. Die MigrantInnen
warten Tag und Nacht an den Gleisen, um dann zu Hunderten auf die anfahrenden
Züge aufzuspringen. Auf den Waggondächern gibt es nur wenige Möglichkeiten,
sich festzubinden, um nicht im Schlaf herunterzufallen. Die Zugstrecke in
Chiapas ist berüchtigt für Überfälle der „Maras Salvatruchas„. Dies sind
organisierte, bewaffnete Banden, die von ehemaligen Mitgliedern
salvadorianischer Todesschwadronen gegründet worden sind. Diese Banden
versuchen heute, den gesamten Drogen- und Waffenhandel entlang der Pazifikküste
zwischen El Salvador und Los Angeles zu kontrollieren. Die Maras zeichnen sich
durch unglaubliche Brutalität aus. MigrantInnen, die ihnen nicht das geforderte
Wegegeld geben, werden mit der Machete zerhackt oder in die Zugräder geworfen.
Oft werden Frauen und auch junge Männer vergewaltigt. Für die Maras sind die
MigrantInnen leichte Beute. Da diese illegal eingereist sind und die Behörden
fürchten müssen, erstattet niemand von ihnen Anzeige, und es gäbe auch gar kein
öffentliches Interesse, eine solche zu verfolgen.
Auf der Zugstrecke durch Chiapas gibt es lediglich in Tapachula ein Krankenhaus
mit zwei Chirurgen. Um dort hinzugelangen, müssen die Verletzten ein Taxi
nehmen, mexikanische Behörden übernehmen den Transport nicht. Diese nutzen
höchstens die hilflose Situation der Verletzten aus, um ihnen ihre letzten
Ersparnisse zu rauben. Schaffen es schwerverletzte Migrant-Innen unter diesen
Bedingungen überhaupt, bis ins Krankenhaus zu gelangen, müssen sie nachweisen,
dass sie sämtliche Operationen, Bluttransfusionen und Medikamente selbst
bezahlen können, sonst werden sie auch in solchen Notfällen nicht behandelt und
sterben an den Unfallfolgen.
Olga Sánchez, die als einzige in der nur durch private Spenden getragenen
Herberge Jesús el Buen Pastor MigrantInnen nach einem solchen Unfall aufnimmt,
berichtet, dass im Nachhinein noch viele Zugopfer an Depressionen sterben. Denn
sie haben ihre Familie verlassen, um Geld nach Hause zu schicken und können nun
nicht als Krüppel zurückkehren und ihnen zur Last fallen.
Prostitution und Drogen
Viele MigrantInnen reisen zusammen mit FreundInnen oder
Verwandten Richtung USA. Spätestens auf dem Weg schließen sie sich zu Grüppchen
zusammen. Die meisten MigrantInnen werden sich erst auf dem Weg der Gefahren,
denen sie ausgesetzt sind, wirklich bewusst. Oft sind ihre Ersparnisse schon an
der Grenze zu Mexiko aufgebraucht und sie bleiben in Guatemala stecken. Viele Mädchen
und Frauen, die kein Geld mehr haben und so weder vor noch zurück können,
werden von den örtlichen Taxifahrern abgefangen und mit Gewalt oder unter
falschen Versprechungen in die Bordelle entlang der Truckerroute der
Interamericana gebracht, in denen sie von Anfang an in einer Schuldenspirale
gehalten und mit Drogen und Folter gefügig gemacht werden. Männer und ältere
Frauen sind gezwungen, als Drogenkuriere über die Grenze nach Mexiko zu reisen,
um Geld für die Weiterfahrt zusammenzubekommen. Wenn sie gefasst werden,
erwarten sie in Mexiko bis zu zehn Jahren Gefängnis. Es gibt weder eine
Beweisaufnahme noch eine mündliche Gerichtsverhandlung. Das Urteil wird
behördenintern verhandelt und ausgesprochen, ohne dass die Beklagten zu den
Vorwürfen gehört werden.
In Tapachula arbeitet das unabhängige Menschenrechtszentrum Fray Matías de
Córdova, das sich aufgrund der prekären Situation fast ausschließlich der
juristischen Unterstützung von MigrantInnen widmet. Allerdings kommen die sechs
MitarbeiterInnen kaum hinterher, die vielen Fälle von
Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen und die Opfer zu beraten und zu
vertreten.
Von staatlicher Seite wird im Bezug auf Menschenrechte gerne auf die - von der
mexikanischen Regierung zum „Schutz der MigrantInnen„ gegründeten - Grupo Beta
Sur verwiesen. Die Ernsthaftigkeit der Bemühungen der Grupo Beta ist aufgrund
ihrer Zugehörigkeit zur Migrationspolizei sehr zweifelhaft. Darüber hinaus
kommen alle ihre Angehörigen aus regulären Polizeieinheiten, die, wie anfangs
erwähnt, Migrant-Innen vorrangig als Einnahmequelle sehen und nicht als
Personen, deren Rechte zu schützen sind. Auch Fälle von sexuellen Übergriffen,
wie der einer jungen Hondureña, die im Oktober 2002 von Beamten der Grupo Beta
Sur Tapachula entführt und zwei Monate lang gefangen gehalten und vergewaltigt
wurde, werden wie auch in der übrigen mexikanischen Polizei keine Einzelfälle
sein.
(von Kathrin Zeiske)
"Die rechtlose Situation von lateinamerikanischen TransmigrnatInnen in
Mexiko"
Erschienen in: Info-Blatt 59 des Ökumenischen Büros
München
März 2003
Förderung durch das