Bildung in der Sackgasse
(ks) 40 Kinder in weiß-blauen Schuluniformen sitzen zusammengepfercht in einem viel zu kleinen Raum. Das verwaiste Bücherregal in der Ecke wirkt wie ein Requisit: Kein einziges Buch ist darin zu finden. Außer der Tafel und einer Landkarte, auf der die Vereinigten Staaten abgebildet sind, deutet in diesem Raum nichts darauf hin, dass es sich um ein Klassenzimmer handelt – es gibt nicht einmal ein Pult für die Lehrerin. Die Lautstärke ist unerträglich: Die Klassenzimmer der Schule von San Dionisio sind nur durch hölzerne Schiebewände getrennt, man versteht jedes Wort, das in den angrenzenden Räumen gesprochen wird. Iris Gutierrez Flores brüllt sich fast die Seele aus dem Leib, um den Neunjährigen die Geschichte ihrer Heimat, des Departementos Matagalpa, näher zu bringen. Viele von ihnen haben nicht einmal Block und Stifte dabei, geschweige denn einen Schulranzen: Ihre Eltern haben nicht das Geld, jedem ihrer Kinder eine Schulausstattung zu kaufen. Oft ist auch der Schulweg zu lang oder die Kinder werden auf dem Feld gebraucht, so dass sie nur selten oder gar nicht in die Schule kommen können.
Nach dem Nationalen Bildungsplan der Republik Nicaragua für den Zeitraum 2001-2010 1 besuchten im Jahr 2000 nur 79 Prozent aller Sieben- bis Zwölfjährigen die sechsstufige Grundschule (Primaria), von diesen gingen wiederum nur 14 Prozent anschließend auf die weiterführende Schule (Secundaria; Jahrgangsstufe sieben bis zwölf). Das liegt auch daran, dass es in den ländlichen Gebieten Nicaraguas oft gar keine Secundaria mehr gibt. Es mangelt an Lehrern, an Bildungseinrichtungen, sogar an den nötigsten Lehrmitteln wie an Kreide oder an Stühlen und ein Lehrer verdient gerade mal sechs Cordoba – das sind nicht einmal 50 Cent – in der Stunde. Die Analphabetenquote in Nicaragua liegt bei 40 Prozent.
Schleichende Privatisierung des Bildungsbereichs
Die Regierung Nicaraguas stellt kaum mehr Mittel für Bildungseinrichtungen zur Verfügung. Nicht nur in den Schulen, sondern auch an den Universitäten fehlt es deshalb an Geld. Obwohl die Regierung gesetzlich dazu verpflichtet ist, sechs Prozent des Staatshaushalts in die Universitäten zu investieren, haben die staatlichen Subventionen auf dem Hochschulsektor in den letzten Jahren dramatisch abgenommen. 1998 kam es deswegen zu starken Protesten, vor allem von studentischer Seite, durch die der seinerzeit amtierende Präsident Arnoldo Alemán gezwungen werden sollte, sich an die Abgaberegelung zu halten. In den letzten Monaten ist der Anteil für Bildung leicht angestiegen, in Anbetracht der starken Kürzungen der vergangenen Jahre zeichnet sich faktisch jedoch keine Verbesserung ab.
Schon seit dem Regierungswechsel von 1990 hatte der Staat immer weniger Initiative auf dem Bildungssektor gezeigt. „Mit Violeta Chamorro hat die Regierung angefangen, sich, was Bildung betrifft, aus der Verantwortung zu ziehen“, erklärt Rosa-Amélia Jiménez, Mitglied der Lehrergewerkschaft ANDEN 2 und des CNU 3 . Was von der Regierung seither als „Autonomie des Bildungssystems“ verkauft wird, das ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Sparmaßnahme und bedeutet real die Privatisierung des Bildungssektors. Mit Freiheit und Selbstbestimmung der Schulen hat dies nichts zu tun, zumal die Lehrpläne noch immer vom Erziehungsministerium festgelegt werden. „Autonomie“ steht hier schlicht für den schleichenden Rückzug der Regierung aus der Finanzierung des Bildungssektors. „Die Regierung gibt jegliche Verantwortung, das Bildungswesen betreffend, gerne in private Hand, um kein Geld ausgeben zu müssen“, so Jiménez. „Den Leuten im Parlament geht es nur darum, die eigenen Taschen zu füllen. Zudem haben die Parteien keine gemeinsame Vision, was die Bildung im Land angeht.“
Die sandinistische Alphabetisierungskampagne
Das war nicht immer so. Eines der Hauptziele der Sandinisten bei ihrem Regierungsantritt 1979 war es, der gesamten Bevölkerung freien Zugang zur Bildung zu verschaffen: Sie trieben den Ausbau von Vorschule, Primaria und Secundaria sowie die Gründung von Universitäten und polytechnischen Schulen voran und starteten gemeinsam mit ANDEN eine Alphabetisierungskampagne, die von Kuba unterstützt wurde. Innerhalb von fünf Monaten gelang es die Analphabetenquote des Landes von über 50 auf 12,9 Prozent zu senken. Das Geld für all diese Projekte kam von der Sandinistischen Regierung. Bis Ende der 80er Jahre waren 80 Prozent des gesamten Bildungsbereichs öffentlich finanziert und verwaltet. Die übrigen 20 Prozent lagen finanziell zwar in privater Hand, unterlagen aber öffentlicher Kontrolle.
„Benutzerbeiträge“ für Bildung
Heute wird die Verteilung des vom Staat zur Verfügung gestellten
Bildungsetats nach der jeweiligen Schülerzahl der einzelnen
Bildungseinrichtungen berechnet. Meistens reicht dieses Geld hinten und vorne
nicht. Auf Anraten von IWF und Weltbank hat die Regierung Bolaños deshalb so
genannte „Benutzerbeiträge“ eingeführt. Diese Beiträge sollten eigentlich
freiwillig sein, aber die meisten Schulen sind zwingend darauf angewiesen.
So sammeln mittlerweile die Lehrer immer wieder Geld von ihren Schülern ein.
Für viele Kinder bedeutet dies das Ende ihrer Ausbildung. So wird das
Erziehungswesen zwar nicht offiziell privatisiert, die Auswirkungen der
nicaraguanischen Bildungspolitik kommen dem aber sehr nahe. Bildung wird
zunehmend wieder zu einem Privileg der reichen Oberschicht.
Bildungsminister Silvio de Franco zeigt sich zwar beunruhigt ob der ansteigenden Schulabbrecherrate, sieht dabei aber keinerlei Zusammenhang mit den „Benutzerbeiträgen“. Ebenso erkennen die Herausgeber des Nationalen Bildungsplans zwar sehr wohl, dass das System und die Art der Erziehung das soziale und ökonomische Ungleichgewicht erhalten, dennoch erwähnen sie nicht, dass das aktuelle Vorgehen der Regierung gerade dieses System unterstützt.
Schulen als Wirtschaftsunternehmen
Das zeigt sich auch daran, dass die Zahl der Privatschulen in den größeren Städten Nicaraguas immer mehr ansteigt. Schulen und Universitäten werden in diesem Zusammenhang zu Wirtschaftsunternehmen, Profit spielt eine größere Rolle als allgemeiner Bildungsanspruch. Nachdem das Bildungsniveau staatlicher Schulen sinkt, werden Familien, die es sich leisten können, nach Einschätzung von Jiménez in Zukunft alles tun, um ihre Kinder auf private Schulen zu schicken, und somit der Privatisierung des Bildungssektors das Feld bereiten.
Auch von den 33 Universitäten des Landes sind nur drei öffentlich. Anders als für die Privatschulen gilt für die privaten Universitäten allerdings nicht, dass sie ein qualitativ höheres Niveau bieten als die öffentlichen. Ganz im Gegenteil: Das Studienangebot ist sehr gering – meist wird nur Jura, BWL, Hotelfach und Tourismus angeboten, Fächer, die kostengünstig und ohne technische Hilfsmittel zu unterrichten sind. Die Abschlüsse sind international genauso wenig anerkannt, wie die der öffentlichen Universitäten.
Keine Visionen im Bildungsbereich
Von Regierungsseite ist in Nicaragua wohl kaum eine Bildungsreform zu erwarten. De Franco betont zwar die Notwendigkeit einer Veränderung, hüllt sich aber in Schweigen, wie eine solche auszusehen habe. Auch der Nationale Bildungsplan fordert, die Situation an den Schulen zu verbessern, was die Basisversorgung an Lehr- aber auch an Nahrungsmitteln betrifft. Ebenso soll der Zugang zur Universität auch für die ärmeren Bevölkerungsschichten ermöglicht werden. Lehrpläne sollen verbessert, Analphabeten unterrichtet und die Landbevölkerung besser ausgebildet werden. Auch soll auf die Bedürfnisse der Schüler spezifischer eingegangen werden. Aber wie? Bei der Beantwortung dieser Frage bleibt der Bildungsplan ebenso unkonkret wie de Franco.
Das Widerstandspotential sinkt
Auch von Seiten der Gewerkschaften tut sich wenig. ANDEN ist nur noch auf gewerkschaftlicher Ebene tätig, erklärt Jiménez. Politisch tritt sie seit dem Regierungswechsel von 1990 kaum mehr in Erscheinung. Durch ihr enges Verhältnis zu den Sandinisten war die Gewerkschaft bei der Regierung Chamorro schnell in Ungnade gefallen, woran sich bis heute nichts geändert hat. ANDEN wurde damals die finanzielle und ideologische Unterstützung von Seiten der Regierung entzogen. Repressionen zeichneten sich in Form von willkürlichen Entlassungen von ANDEN-Mitgliedern ab, viele verließen die Gewerkschaft, und diese verlor somit ihre Basis. Damit hat sich auch das Widerstandspotential der Gewerkschaft verringert: „Die Lehrer haben Angst und sind außerdem mit dem eigenen Überleben beschäftigt“, so Jiménez. „Viele geben Nachhilfe oder arbeiten nebenher noch als Putzkraft, um für sich und ihre Familien die Existenz zu sichern.“
1 Herausgegeben im Jahr 2000 vonden Mitgliedern des technischen Komitees des Nationalen Bildungsplans: Enrique Bolaños (damals Vizepräsident, jetzt Präsident Nicaraguas; Präsident des Consejo Nacional de Educación),, Fernando Robleto (Bildungsminister), Francisco Guzman (Rpäsident des Consejo Nacional de Universidades), Silvio de Franco u.a.
2 Die Asociacion Nacional de Educadores de Nicaragua, kurz ANDEN, wurde 1974 gegründet. Repressionen durch das Somoza-Regime. So wurden bespielsweise als Kosequenz des bis dahin größten LehrerInnenstreiks des Landes im Jahr 1970 mehr als 400 LehrerInnen entlassen.
3 Der Consejo Nacional Universitario, kurz CNU, ist ein autonomes, regierungsunabhängiges Planungs- und Kontrollgremium der Hochschulen Nicaraguas. Er befindet über die Zulassung von Universitäten, Studiengebühren, Prüfungsordnungen und über die Verwendung der sechs Prozent des staatlichen Haushalts.
(ks)
"Bildung in der Sackgasse"
Erschienen in: Info-Blatt 58 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2002
Förderung durch das