Editorial
Der Themenschwerpunkt unseres Infoblatts 57 ist der Arbeit der Praktikantin im Ökumenischen Büro Sabine Kellig zu verdanken. Zu ihren Artikeln schreibt sie:
„Im Rahmen eines viermonatigen Praktikums, reiste ich im Juni und Juli diesen Jahres nach Oaxaca im Süden von Mexiko, einer Region mit überwiegend indigener Bevölkerung, gezeichnet von extremer Armut, Marginalisierung, Gewalt und Militarisierung.
Um die Situation von Menschenrechten in dortigen Gefängnissen zu untersuchen, besuchte ich drei Menschenrechtsorganisationen, die zu diesem Thema arbeiten: die Menschenrechtszentren Ñu’u ji Kandii in dem kleinen Ort Tlaxiaco und Mahatma Gandhi in der Kleinstadt Tuxtepec sowie die Christliche Aktion zur Abschaffung der Folter (ACAT) in der Landeshauptstadt Oaxaca.
Mit der Fragestellung meiner Untersuchung musste ich mich an die sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen der Organisationen anpassen. Es bot sich mir dadurch aber auch die Gelegenheit, verschiedene Blickrichtungen kennenzulernen und ein vollständigeres Bild der Gefängnissituation zu bekommen.
Auch wollte ich mich nicht allein auf Berichte Aussenstehender verlassen, sondern selbst in den Gefängnissen mit Gefangenen sprechen. Die Organisationen vor Ort kümmerten sich darum, meinen Besuch bei den Behörden anzumelden bzw. eine Erlaubnis einzuholen. In Tlaxiaco wurde mir der Zutritt verwehrt, in Tuxtepec hatte ich ziemlich freie Hand und die Helfer ACAT konnte ich bei ihrer Arbeit in den Gefängnissen begleiten.
Dem Thema „Menschenrechte im Gefängnis„ wird man - entgegen meinen anfänglichen Einschätzungen - nicht gerecht, wenn man nur die Punkte prüfend abhakt, wie sie z.B. in den „Reglas Mínimas de las Naciones Unidas para el Tratamiento de los Reclusos„ als Sollbe-stimmungen (z.B. Sicherheit der Person, Verbot von Folter) aufgeführt sind.
Einerseits sind die Regelungen an Menschen ausgerichtet, die nach dem Gesetz und aus „gutem Grund„ verurteilt wurden und bestraft werden. Bei politischen Gefangenen jedoch ist dieser Ansatz nicht vertretbar. Oftmals ist in Mexiko ihr einziges „Vergehen„, sich für soziale Belange oder ihre Rechte eingesetzt zu haben oder am falschen Ort zu leben. Das ist z.B. der Fall bei zwei Männern, die sich gegen die Privatisierung von Land und den Holz-Raubbau durch nationale und internationale Unternehmen in ihrer Gemeinde eingesetzt haben und die wegen konstruierter Vergehen seit 12 Jahren im Gefängnis gehalten werden.
Ein anderes Problemfeld ist die gesellschaftliche Realität - Gewalt und Unterdrückung, Korruption, Armut, Marginalisierung und Diskriminierung. Ein großer Teil der Kriminalität ist auf Drogenkonsum und die damit einhergehende Problematik zurückzuführen. Es gibt keine Programme zur Rehabilitation und die Mehrheit der Bevölkerung hat überhaupt keine Zukunftsperspektive.
Aber auch Hoffnung erlebte ich, wenn immer wieder kleine Fortschritte erzielt wurden und die Menschen sich organisierten, sich für ihre Rechte einsetzten und die Öffentlichkeit suchten.
Meine ersten beiden Artikel entstanden aus dem in Mexiko gesammelten
Material und einem Gespräch mit einer Frau aus Oaxaca hier in München. Die
Erklärung der Gefangenen aus Ixcotel gaben mir die Männer mit der Bitte mit,
sie zu veröffentlichen. Im Anschluß daran findet sich eine Darstellung der die
allgemeine Gefängnissituation veranschaulicht.„
Militarisierung, Landkonflikte, Drohungen gegen Menschenrechtler-Innen und eine
allgemeine Verschlechterung der Lebenssituation sind nicht nur Themen, die
Mexiko betreffen. Auch die anderen Artikel beschäftigen sich, auf die eine oder
andere Weise, mit dieser Problematik. Wie immer versuchten wir, einen Einblick
in die aktuelle Situation und in neue Entwicklungen in Mittelamerika und Mexiko
zu geben, auch wenn dies nur ausschnittsweise geschehen kann.
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Eure Redaktion Nr. 57
"Editorial"
Erschienen in: Info-Blatt 57 des Ökumenischen Büros
München
Oktober 2002
Förderung durch das