Nicaraguanerinnen in Costa Rica
(ea) "Die ist auch nach Costa Rica". "Und, was macht sie da"? "Ich weiß nicht, arbeiten, wahrscheinlich putzen wie die anderen". So oder so ähnlich waren die Antworten Anfang der 90er, wenn man sich am Río San Juan nach einer Lehrerin erkundigte, die nach den für die FSLN verlorenen Wahlen von 1990 entlassen worden war. Die anderen, das sind im Augenblick zwischen 300.000 und 500.000 nicaraguanische Staatsangehörige, d.h. ca. 8% der gesamten nicaraguanischen und 11% der costaricanischen Bevölkerung. Es gibt Schätzungen, dass ungefähr die Hälfte davon Frauen sind. Costa Rica hat im vergangenen Jahr knapp 50.000 nicaraguanische Staatsangehörige abgeschoben.
Nicaraguanischen ImmigrantInnen in Costa Rica
Bei aller Unsicherheit hinsichtlich der Zahlen ist klar, dass Costa Rica das Land mit der größten nicaraguanischen EmigrantInnengruppe ist. Dass es hinsichtlich ihrer genauen Zahl nur Schätzungen gibt, hat vor allem zwei Ursachen. Zum einen liegt es daran, dass die letzte Volkszählung in Costa Rica schon 16 Jahre zurückliegt. Zum anderen muss man davon ausgehen, dass viele NicaraguanerInnen, die sich heute in Costa Rica aufhalten, weiterhin nicht im Besitz von offiziellen Dokumenten sind. Costa Rica hat zwar im Jahre 1999 als Reaktion auf den Hurrikan Mitch eine Amnestie für AusländerInnen ohne legalen Status angeboten hat, die von 150.000 NicaraguanerInnen in Anspruch genommen wurde. Die IOM (Internationale Organisation für Migration) schätzt aber, dass ein Viertel bis ein Drittel der nicaraguanischen ImmigrantInnen in Costa Rica keinen legalen Status hat.
Geschichte der Migration von Nicaragua - Costa Rica
Die Migration von Nicaragua nach Costa Rica hat eine lange Geschichte.
Seit Beginn des vorigen Jahrhunderts verdienen Tausende von nicaraguanische
LandarbeiterInnen dort regelmäßig einen Teil des Lebensunterhaltes
ihrer Familien auf Bananenplantagen oder bei der Kaffeeernte. Über
den damaligen Frauenanteil ist nichts bekannt, aber wenn man annimmt, dass
das Verhältnis von Männern zu Frauen in der Landarbeit sich nicht
stark verändert hat, so muss man davon ausgehen, dass in jenen Jahren
nur wenige Frauen nach Costa Rica gingen. In den letzten 30 Jahren ist
sowohl die Zahl der MigrantInnen als auch der Anteil der Frauen stark angestiegen.
Dieser Anstieg begann mit dem Erdbeben in Managua von 1972, setzte sich
fort Ende der 70er mit den Flüchtlingsströmen während des
Aufstandes gegen Somoza und dem sich anschließenden Bürgerkrieg
in Nicaragua. In den 90er Jahren stieg die Zahl der MigrantInnen nochmals
beträchtlich an, mit einem Höhepunkt nach dem Hurrikan Mitch.
Mit der Zahl der MigrantInnen wächst die Zahl der Abschiebungen, im
vergangenen Jahr waren es 50.000, fast 20 %, eine Zahl, die dieses Jahr,
nach den vorliegenden Daten, noch übertroffen werden wird. Heute bildet
die nicaraguanische Bevölkerungsgruppe die Unterschicht in Costa Rica.
Die armen Stadtviertel des Großraums San José haben einen
sehr hohen Anteil an nicaraguanischen ImmigrantInnen. Wie überall
auf der Welt machen die MigrantInnen die Arbeit, die den einheimischen
CostaricanerInnen zu schwer und zu schlecht bezahlt ist und denen andere
Möglichkeiten offen stehen. Höchst bemerkenswert ist nun, dass
diese arme Bevölkerungsgruppe 200 Mio. US$ im Jahr (1998) an ihre
Familien überweist. Nach Informationen der Post von Costa Rica überweisen
155.000 NicaraguanerInnen monatlich im Durchschnitt 65 US$ mit Geld-Kurierdiensten
nach Hause und sichern damit das Überleben ihrer Familien. Es wird
angenommen, dass zusätzlich zu diesen 120 Mio. US$ noch 80 Mio. über
informelle Kanäle, d.h. über Verwandte und Freunde, nach Nicaragua
fließen. Aus einer kürzlich veröffentlichten Studie
1
geht hervor, dass Frauen größere Beträge überweisen
als Männer: Frauen 28% ihres Verdienstes, Männer nur 23%.
Eine Umfrage im Februar 1999 nach dem Land, in dem sie am liebsten
leben würden, hat ergeben, dass für die meisten NicaraguanerInnen
nach dem eigenen Land an zweiter Stelle Costa Rica liegt, noch vor den
USA.
Ökonomische Hintergründe
Das zeitliche Zusammentreffen von neoliberalen Reformen in Nicaragua und dramatischem Anstieg der Zahl der ImmigrantInnen, Anfang der 90er Jahre, ist nicht zu übersehen. Nach der Wahlniederlage der SandinistInnen, führten eine Entlassungswelle im öffentlichen Sektor, die drastische Verkleinerung des Heeres und die Wiedereingliederung der Contra zu einem Anschnellen der Arbeitslosigkeit. Die folgenden Daten erklären, wieso sich ein großer Teil der Menschen, die in ihrer Heimat keine Existenzgrundlage mehr sahen, nach Costa Rica wendeten.
Sozialindikatoren von Costa Rica und Nicaragua aus den letzten Jahren 2
| Indikator | Costa Rica | Jahr | Nicaragua | Jahr |
| Bevölkerungsanteil der in Armut lebt | 21% | 1994 | 68% | 1993 |
| Prozentsatz der offenen Arbeitslosigkeit | 6,2 | 1.996 | 14,8 | 1996 |
| Arbeitslosigkeit total | 13,9 | 1996 | 25,7 | 1996 |
| Investitionen in den Erziehungsbereich | 345,5 Mill.$ | 1994 | 150,9 Mill.$ | 1997 |
| Analphabetenrate | 5,2 | 1995 | 34,3 | 1995 |
| Gesundheitsausgaben (pro Kopf) | 224$ | 1995 | 35$ | 1995 |
| Versorgung mit Trinkwasser | 100% | 1998 | 62% | 1998 |
| Abwasserbeseitigung | 97% | 1998 | 59% | 1998 |
| Rang im HDI Index der UNDP | 33 | 1997 | 127 | 1997 |
Die Verhältnisse der Mindestlöhne bewegten sich 1993 zwischen 1:3 im Handel und 1:4,6 in der Landwirtschaft.
Situation der Frauen
Während die nicaraguanischen Männer außer in der Landwirtschaft
im Dienstleistungssektor, hier vor allem als Wachpersonal, und am Bau Arbeit
finden, arbeiten die Frauen zum größten Teil als Hausangestellte.
Einige kommen auch in den Weltmarktfabriken der Maquiladoraindustrie unter
oder landen im informellen Sektor. Die wirtschaftliche Entwicklung der
letzten Jahrzehnte hat es mit sich gebracht, dass eine ganze Reihe von
costaricanischen Frauen in relativ gut bezahlten Berufen Fuß fassen
konnten. Und in den zentralamerikanischen Gesellschaften sind für
die Frauen der Mittel- und Oberschicht Hausangestellte praktisch die einzige
Möglichkeit zur Lösung der Probleme, die sich aus ihrer Berufstätigkeit
ergibt. Viele der nicaraguanischen Hausangestellten sind alleinstehende
Mütter, die ihre Kinder in der Obhut von Familienangehörigen
zurücklassen mussten. Einigen gelingt es, ihre Arbeits- und Wohnsituation
so zu stabilisieren, dass sie ihre Kinder nachholen können. Ein Großteil
dieser Frauen sind Unterprivilegierte, sowohl vom Land als auch aus der
Stadt und hat eine schlechte Schulbildung. Am schwierigsten ist, wie überall
auch in Costa Rica, die Situation für Frauen ohne Papiere. Immer von
Abschiebung bedroht, wird ihre prekäre Situation oft von den ArbeitgeberInnen
ausgenutzt.
Die Stimmung in Costa Rica gegenüber ihren Nachbarn aus dem Norden
ist nicht sehr freundlich. Teilweise ist sie sogar gekennzeichnet von offener
Feindschaft. Verachtung für die Nicaraguanerinnen ist weit verbreitet
und wächst. "Die Nicas sind schmutzig und klauen", dies ist ein weit
verbreitetes Vorurteil. Da helfen auch keine Statistiken, wie sie vom costaricanischen
Justizministerium herausgeben werden. Danach waren im Jahre 1999 nur 3,37%
der zu Haftstrafen Verurteilten nicaraguanische Staatsangehörige,
d.h. sie sind stark unterrepräsentiert. Die feindselige Stimmung hat
sogar rassistische Untertöne, denn die "stehlenden und schmutzigen"
NicaraguanerInnen werden durch ihre angeblich "dunkle Hautfarbe" identifiziert.
Eine Umfrage vom Juli 1999 ergab, dass 17% der CostaricanerInnen die NicaraguanerInnen
als das Hauptproblem ihres Landes betrachten und 60% befürworten es,
wenn diejenigen, die keinen legalen Status haben, abgeschoben werden.
Arbeit als Hausangestellte in Costa Rica 3
In San José gibt es die Organisation ASTRADOMES (Asociación
de Trabajadoras Domésticas), die zum großen Teil von nicaraguanischen
Immigrantinnen gebildet wurde. Sie beschäftigt sich mit den gravierenden
Problemen der Hausangestellten. Nach Angaben von ASTRADOMES arbeiten im
Großraum San José 79% der Nicaraguanerinnen als Hausangestellte.
Neben den allgemeinen Problemen dieses Berufes, wie niedrige Löhne
und extrem lange Arbeitszeiten, kommt bei den zu meist ohne Papiere arbeitenden
Nicaraguanerinnen noch hinzu, dass sie noch häufiger sexuellem Mißbrauch
ausgeliefert sind, ihre Arbeitsrechte nicht kennen und daher nicht einklagen
können und keinerlei sozialen Schutz genießen. Nur 16% aller
Hausangestellten sind sozial versichert. Ihre medizinische Betreuung beschränkt
sich auf Notfallbehandlungen oder im Falle einer Schwangerschaft darauf,
dass das Kind in einem Krankenhaus zur Welt kommt. Oft werden ihnen Feiertage
und Weihnachtsgeld vorenthalten und mehr als die erlaubten täglichen
Arbeitsstunden abverlangt. ASTRADOMES beklagt auch, dass einigen von ihnen
die Ausweisdokumente abgenommen werden.
Hinzukommt, dass im costaricanischen Arbeitsrecht die Hausangestellten
sowieso schon eine Sonderstellung haben, die sie im Vergleich zu den restlichen
ArbeitnehmerInnen eindeutig diskriminiert. Unter anderem wird im Arbeitsgesetzbuch
folgendes festgelegt: die freie Wochenarbeitszeit muss nur ein halber Tag
sein, die Tagesarbeitszeit darf maximal 12 Stunden dauern (normalerweise
8 Stunden), an Feiertagen müssen sie einen halben Tag arbeiten.
Bedeutung der Hausarbeit
Hausarbeit ist in allen zentralamerikanischen Ländern, auch heute noch, von großer Bedeutung. Viele junge Mädchen, vor allem wenn sie aus ärmeren Familien vom Land stammen, werden von Ihren Eltern für eine gewisse Zeit, meist zu Verwandten, in die Stadt als "muchacha" geschickt. Dabei ist es selbstverständliche Kindespflicht einen Teil des Verdienstes nach Hause zu schicken und die Familie zu unterstützen. D.h. die Existenz als Hausangestellte in Costa Rica baut auf weit verbreitete Traditionen auf. Traditionen, die dazu führen, dass eine Hauptaufgabe der Frauen von ASTRADOMES darin besteht, den Hausangestellten überhaupt ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass sie als ArbeitnehmerInnen Rechte haben.
Was auffällt
Wenn man die hier vorgestellten Fakten betrachtet, so erinnert vieles an
die Verhältnisse bei uns in Europa oder in der USA:
- ·Die Aufgliederung des Arbeitsmarktes in einen relativ gut
bezahlen Bereich, der nur den einheimischen Arbeitskräften zugänglich
ist und einen schlecht bezahlten für die MigrantInnen.
- ·Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gegenüber den MigrantInnen.
- ·Die Beschränkung der Migrantinnen auf einen Teil des
Arbeitsmarktes, der sehr stark mit einer traditionellen Rollenvorstellung
von Frauen in der Gesellschaft verknüpft ist. Bedingt durch einen
steigenden Bedarf, der sich aus zunehmender Berufstätigkeit der Frauen
der Mittel- und Oberschicht der Einheimischen ergibt.
1 Informe sobre remesas de inmigrantes nicaragüneses
en Costa Rica publicado por la Faculta Latinoamericano de Ciencias Sociales
(FLACSO)
2 La población migrante nicargüenes en
Costa Rica: Realidad y Repuestas, Fundación Arias para la Paz y
el Progresso Humano, 1999
3 Die folgenden Ausführungen stützen sich
auf die Veröffentllichung: "Soy trabajadora doméstica y conozco
mis derechos" von Fresia Renata Arguedas von GESO, Juni 2000
(ea):
"Nicaraguanerinnen in Costa Rica"
Erschienen in: Info-Blatt 52 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2001
Förderung durch das