Ein klares Nein zu den NRO

Auszüge aus einem Interview mit Wilson Campos

Im Dezember 1991 fand in Managua ein Treffen von 90 Bauernorganisationen aus Zentralamerika statt, an dessen Ende die formelle Konstituierung des unabhängigen zentralamerikanischen Bauernverbandes (ACOSODE) stand. Der Costaricaner Wilson Campos, der frisch gekürte Koordinator des Verbandes, wandte sich in seiner Abschlußrede heftig gegen die Praktiken der diversen NRO, die lediglich den Spaltpilz in der Bauernbewegung verbreiten. In einem Interview mit der nicaraguanischen Zeitschrift "Pensamiento Propio" faßte er seine Thesen noch einmal zusammen.

In Ihrer Abschlußrede übten Sie sehr deutliche Kritik an den nationalen NRO Zentralamerikas wegen deren Rolle als Zwischenhändler zwischen der Bauernbewegung und externer Hilfe. Wie kann dieses Problem überwunden werden?

Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Zusammenbruch der schematischen Vorstellungen der orthodoxen, traditionellen Linken. Da ist ein Vakuum entstanden, in das die NRO wie Pilze nach dem Regen ins Kraut schießen..... In Costa Rica kommt auf jeden - ich weiß nicht wievielten - Einwohner eine NRO. Ähnlich ist es in ganz Zentralamerika, und da sind Finanzmittel im Spiel, von denen uns schon ein Zehntel ausreichen würde, um die ganze verdammte Region umzukrempeln. Die NRO verfielen der Versuchung, uns anleiten zu wollen, Entscheidungen zu fällen und uns zu sagen, was wir zu tun hätten. Und da sie nicht die Volksbewegung sind, nicht die täglichen Erfahrungen machen, treten sie überall mit schönen Vorschlägen ins Fettnäpfchen. So werfen sie Millionen von Dollars aus dem Fenster. Eine NRO macht zwei Projekte mit einer Gruppe, eine andere woanders, eine andere wiederum woanders, und nirgends gibt es eine Strategie dahinter. Also fangen sie an, untereinander zu konkurrieren. Die Organisationen sind streng hierarchisch aufgebaut. Es gibt einen krassen Widerspruch zwischen ihrem Diskurs über Einheit, Partizipation und Zusammenarbeit mit der Voksbewegung und ihrer antidemokratischen Praxis. Wenn auch gute Absichten im Spiel sein mögen, enden sie doch immer im Paternalismus. Spenden werden vergeben, eine Gruppe wird gebildet, ein Projekt aus der Taufe gehoben, aber das darf nicht in Eigenregie übernommen werden, und vor allem geben sie in keinem Moment die Kontrolle aus der Hand.

Um sich zu halten, benötigen sie abhängige Gruppen. Deswegen haben wir von der Bauernbewegung den Herren gesagt: Paßt auf, wir sind unabhängig, und wir brauchen niemand, der uns Anweisungen gibt. Ihr seid sehr wichtig, aber mit der Manipulation ist jetzt Schluß. Wenn Ihr weiter mit uns arbeiten wollt, müßt Ihr unseren Anordnungen folgen und Eure Vorhaben auf unsere Bedürfnisse hin ausrichten, nicht umgekehrt.

1988 hat es hier in Costa Rica einen totalen Bruch mit den nationalen NRO gegeben, als sie merkten, daß wir uns nicht länger von ihnen dirigieren lassen wollten. Die Bauernbewegung arbeitet nicht mit den NRO zusammen, sondern hat direkte Beziehungen mit der externen Hilfe angeknüpft.

Und waren diese direkten Beziehungen erfolgreich?

Die Organismen der externen Zusammenarbeit haben vollständige Offenheit an den Tag gelegt. Ursprünglich hielten sie die nationalen NRO für die geeigneten Kanalisierungsinstrumente. Sie irrten sich. Ich sagte den solidarischen Institutionen, daß sie eine strategische Vision entwickeln müssen, wenn sie wollten, daß ihre Hilfe tatsächliche Wirkung zeige. Früher bin ich nie aus dem Land gekommen, heute reise ich viel, denn man muß direkt mit ihnen in Europa sprechen. Ich erklärte ihnen, daß wir keine Spenden mehr wollen. Wir wollen Darlehen. Wir wollen eine Solidarität, die sehr viel weiter geht als das Geld. Wir möchten, daß die dortigen NRO uns Treffen mit europäischen Bauern ermöglichen, damit wir erkennen können, welche gemeinsamen Probleme es gibt und wie wir auf unsere Regierungen und auf die öffentliche Meinung einwirken können.

Es ist äußerst wichtig, daß die wirtschaftliche Kooperation von einer strategischen Vision ausgeht, daß es globale Projekte gibt. Wie hat die Strukturanpassung auf die Bauern in Costa Rica gewirkt? Das Wesen der Strukturanpassung besteht in der Zerstörung unserer Fähigkeit zur Selbstversorgung. Costa Rica importiert bereits mehr als die Hälfte seiner Lebensmittel über die Programme des AID (Agency for International Development, die US-amerikanische offizielle Entwicklungsagentur). Das ist die Strategie der entwickelten Länder, um für ihre Produkte Märkte zu schaffen. Nach diesem Programm sollen wir Blumen und Gewürze exportieren und billige Lebensmittel einkaufen, um Devisen zu erwirtschaften. Alles Lüge: es werden die teuersten Lebensmittel eingekauft, und es trifft nicht zu, daß wir Devisen hätten, denn die öffentlichen Ausgaben sind so hoch, daß sie durch die Einnahmen aus den Agroexporten nicht ausgeglichen werden. Außerdem sind die ökologischen Wirkungen verheerend, denn der Gebrauch hochschädlicher Technologien verstärkt die Umweltbelastung. Es ist auch kein gangbarer Weg, denn Tausende Bauernfamilien werden damit aus der Produktion geworfen. Schließlich ist dieses Vorgehen auch ökonomisch nicht rentabel.

Wir haben in Costa Rica gezeigt, daß der Strukturanpassungsplan nicht durchführbar ist, daß er auf lange Sicht zu schärferen gesellschaftlichen Konfrontationen in Zentralamerika führen wird. Unser Entwicklungskonzept liegt hauptsächlich in dem Ziel der Ernährungssouveränität, es ist das Recht unserer Völker, ihre Lebensmitel zu produzieren. Das ist ein Problem der nationalen Sicherheit. Der deutlichste Beweis dafür ist der große Schutz der entwickelten Länder gegenüber ihren Bauern. Wir sind der Meinung, daß kein Industrialisierungsprozeß Sinn macht, wenn seine Entwicklung nicht zugleich auf landwirtschaftlichem Wachstum beruht. Nun, die Anpassung ist eine Realität, wenn sie uns auch nicht gefällt. Wir sind damit einverstanden, daß der Staat neu geordnet werden muß. Er muß verkleinert werden und effizienter arbeiten. Die Herausforderung für uns besteht darin, wie wir uns an diesem Prozeß beteiligen können.

gekürzt aus: Pensamiento Propio Jan./Feb. 92

ila Nr. 164, April 93


Erschienen in: Info-Blatt 48 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2000

Zurück