Ein Interview mit Alois Möller über NRO, Basisbewegungen und Klientelismus

Die Karten werden neu gemischt

Während europäische Hilfswerke lange Zeit glaubten, mit der Förderung von Nichtregierungsorganisationen (NRO) den Stein der Weisen gefunden zu haben, nämlich eine sinnvolle und basisnahe Kanalisierung der Hilfsgelder und eine Arbeit mit den benachteiligten Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage emanzipatorischer Ansätze, sind in der letzten Zeit immer deutlicher kritische Stimmen zu hören. Sowohl aus Volksorganisationen als auch von NRO-MitarbeiterInnen werden grundsätzliche Zweifel artikuliert, ob die wachsenden NRO-Apparate tatsächlich (noch) in der Lage seien, die Organisation und politische Artikulation von Basisorganisationen zu unterstützen.

Dagegen entdecken die westlichen Regierungen und die Weltbank gerade ihr Herz für die NRO, über die man künftig lieber Gelder kanalisieren möchte als über staatliche Stellen. Die NRO-kritische Diskussion hierzulande wurde maßgeblich durch die Thesen von Alois Möller, dem langjährigen Leiter des Regionalbüros des Diakonisches Werks in Costa Rica, stimuliert. Wir sprachen mit Alois über seine Thesen, das sich verändernde Selbstverständnis vieler NRO und das Interesse der Weltbank an neuen Partnern.

1991 formulierte der costaricanische Bauernführer Wilson Campos in einer Rede eine sehr grundsätzliche Kritik an den Nichtregierungsorganisationen: "Auch wenn die NRO gute Absichten haben, enden sie im Paternalismus. Eigenständige soziale Bewegungen bestechen sie durch Geschenke, sie fördern Gruppenbildung nach ihrem Interesse, inszenieren Projekte, gestehen den Gruppen jedoch nie die Kontrolle über diese Projekte zu." Wie war damals die Reaktion in Zentralamerika auf diese frontale Kritik?

Vielleicht eine Vorbemerkung. Wilson Campos hat jahrelang in NRO gearbeitet, ist praktisch als NRO-Mitarbeiter zu seiner Bauernorganisation gekommen und hat dann enorme Konflikte mit der NRO gehabt, für die er gearbeitet hat. Deshalb habe ich den Eindruck, daß in Wilsons Thesen auch starke persönliche Frustrationen und Ressentiments gegenüber den NRO, mit denen er selber lange gearbeitet hat, drinstecken. Ich habe den Eindruck, daß auch unter den Bauernorganisationen von ASOCODE (zentralamerikanischer Zusammenschluß von Bauernorganisationen - die Red.) seine Thesen nicht hundertprozentig geteilt werden. Es hat Diskussionen innerhalb der Bauernorganisationen gegeben; verschiedene, z.B. die UNAC in Nicaragua, haben Wilsons Thesen nicht zugestimmt. Ich glaube auch, daß die Thesen stark auf die Situation seines Heimatlands Costa Rica gemünzt sind. Costa Rica ist ein Land, das eine relativ wenig entwickelte NRO-Kultur, wenig entwickelte Bauern- und Basisorganisationen und - im Verhältnis zu den anderen zentralamerikanischen Ländern - einen relativ hohen Lebensstandard hat. Insofern sind die NRO stärker als in anderen Ländern aus einer intellektuellen Mittelschichtkultur heraus entstanden. Die costaricanischen NRO haben sämtlich ihre Büros nicht weiter als 500 Meter von der Universität entfernt. Auf sie trifft tatsächlich vieles bzw. das meiste von dem zu, was Wilson behauptet. Für NRO in Ländern wie Guatemala oder El Salvador gilt das ganz sicher so extrem nicht. Die NRO, vor allem die damals schon gegründete Concertación Centroamericana, haben in einem Artikel sehr aggressiv auf Wilsons Thesen reagiert, obwohl es da auch deutliche Unterschiede und Differenzierungen gab.

Auf jeden Fall hat Wilson mit seinen Thesen eine ganz wichtige Diskussion losgetreten. Und die teilweise - wie ich finde - überzogene, sehr agressive und "getroffene" Reaktion zeigt, daß er mit seiner Kritik an einen sehr wichtigen Punkt `rangegangen ist.

Im Grunde spricht er den NRO doch ab, daß sie eine eigenständige gesellschaftliche Rolle spielen sollten. Welche Positionen stehen sich da bei den NRO gegenüber?

Die dominierende Strömung bei den NRO beansprucht für die NRO-Bewegung den Status eines wichtigen Teils der Zivilgesellschaft. Während die andere Position, die auch ich vertreten würde, die NRO als Entwicklungsförderorganisationen definiert, d.h. Organisationen, die andere Bewegungen fördern. Die NRO sind an sich keine soziale Kraft, keine soziale Bewegung. Man kann sich natürlich streiten, ob eine Gewerkschaft oder ein Genossenschaftsverband eine NRO ist. Aber im üblichen Sprachgebrauch sind NRO keine Organisationen der Bevölkerung, sondern Organisationen, die sich die Förderung von Organisationen der Bevölkerung vorgenommen haben. Für solche Förderorganisationen scheint es nicht sinnvoll, sich als Sektor der Zivilgesellschaft zu bezeichnen. Aber das ist eher eine Minderheitsposition in der NRO-Bewegung in Mittelamerika.

Du hast in einem Artikel, der sowohl in Zentralamerika als auch in der BRD in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurde, Deine Thesen vom Klientelismus, der durch NRO reproduziert werde, dargelegt. Vermittelt über die Geldbeziehung bestehen Deiner Auffassung nach Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Süd-NRO und Nord-NRO, die sich dann wiederum in Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Süd-NRO und den sozialen Gruppen, mit denen sie arbeiten, reproduzieren.

Meine Idee war im Grunde, zu versuchen, dieser Diskussion, die u.a. durch die Thesen von Wilson begonnen wurde, so etwas wie einen theoretischen Rahmen zu geben, also Begriffe zu finden, mit denen wir Auswirkungen der NRO-Arbeit feststellen können. Meine These ist, daß die Arbeit der NRO einerseits konkrete unmittelbare und positive Auswirkungen hat, darüberhinaus aber auch indirekte Auswirkungen, die möglicherweise _ und in vielen Fällen kann man das auch ganz gut nachweisen _ negativer Art sind. Um das, was man so in der täglichen Arbeit feststellt, auf einen Punkt zu bringen, sind mir zwei Begriffe eingefallen: "Klientelismus" und "Schenkungsmarkt", den Luís Razetto und andere Leute in Chile entwickelt haben. Beide gehen im Grunde davon aus, daß die Schenkung kein einseitiger Akt ist, sondern daß die Schenkung auch eine Art Tauschvorgang ist, in dem die eine Seite Geld und andere Dinge wie Beratung, Organisation oder Ausbildung anbietet, die andere Seite aber auch Gegenleistungen zu erbringen hat, um in den Genuß dieser Leistungen zu kommen. Das kann politisches Einverständnis sein, es kann eine dankbare Haltung sein, es kann letzten Endes auch die Assimilation an die Lebens- und Arbeitsstile derjenigen sein, die ihnen die Schenkung oder die Dienstleistung anbieten. Ich hatte den Eindruck, daß "Klientelismus" möglicherweise ein Ansatz oder Begriff sein könnte, der geeignet wäre, diese Beziehungen zu beschreiben. Der andere Begriff "Schenkungsmarkt" hängt damit zusammen. Es gibt AnbieterInnen und es gibt NachfragerInnen von Schenkungen. Diejenigen, die Schenkungen anbieten, erwarten ganz bestimmte Gegenleistungen. Diese Gegenleistungen können sein: besondere Armut, politisches Entgegenkommen usw. Es findet ein Marktaustausch statt, auf dem es allerdings sehr viel mehr Personen gibt, die Schenkungen nachfragen, als solche, die sie anbieten. Und deshalb muß die Anzahl der Nachfrager durch irgendwelche Mechanismen, konkret die Förderungskriterien der Nord-NRO, reduziert werden, so daß sich mehr oder weniger Angebot und Nachfrage treffen.

Dann habe ich festgestellt, daß dieser Prozeß der Zusammenarbeit - also auf der einen Seite von NRO mit Basisgruppen und auf einer anderen Ebene zwischen den Nord- und den Süd-NRO - bestimmte negative Auswirkungen hat.

Die eine ist die kulturelle oder politische Dominanz städtischer Mittelklassen gegenüber den Volkssektoren, die mobilisiert und unterstützt werden. Dann führt die Unterstützung in vielen Fällen zur Lähmung von Eigeninitiative. Man kann auch empirisch nachweisen, daß Gruppen nicht mehr selbst sparen oder keine eigenen Anstrengungen zur Aufbringung von Geldmitteln mehr machen, weil sie darauf hoffen, daß Geldmittel von außen oder von den NRO kommen. Das Hereinkommen ausländischer Gelder verstärkt die Gefahr der Oligarchisierung und Korruption in den Basisgruppen selbst. Außerdem werden falsche Signale gegenüber der Basisgruppe gesetzt. Auf der einen Seite gibt es das Signal, daß Selbsttätigkeit, Organisation und die Entwicklung des politischen Bewußtseins unterstützt werden sollen. Auf der anderen Seite werden Signale mit genau den entgegengesetzten Inhalten ausgesendet, sozusagen auf dem Rücken der Projektzusammenarbeit mittransportiert: Du mußt dich ideologisch anpassen, wenn du an das Geld kommen willst; du mußt dich ständig als ärmer darstellen, als du wirklich bist; du mußt, selbst wenn dich das nicht interessiert, ein Interesse an Produktionsprojekten heucheln, um an Geld zu kommen usw.

Eine weitere Sache ist die Frage der Projekte und Projektzyklen. Projekte haben in der Regel Zyklen von zwei, drei Jahren. Derartige Zeiträume sind nur schwer geeignet, den Organisationsprozessen gerecht zu werden, die sich ja oft ganz anders abspielen. Oft stehen die Projekte auch im Gegensatz zur produktiven Logik, wenn etwa eine Genossenschaft aufgebaut werden soll oder ein Kleinbetrieb, dann kommt die auswärtige Schenkung oft zur falschen Zeit und setzt falsche Signale.

Wie waren die Reaktionen auf Deine Thesen in Zentralamerika und in der BRD?

Bei einem Treffen, das wir mit einer ganzen Reihe von NRO in San José (Costa Rica) hatten, war die Reaktion in etwa die, daß die Analyse im allgemeinen für interessant und treffend gehalten wurde, daß aber alle beteiligten NRO sich selbst davon ausschlossen, etwa nach dem Motto: das stimmt für die anderen, aber wir arbeiten nicht so. Hier in Deutschland taucht eher sofort die Frage nach möglichen Alternativen auf, und es wurde gefragt, ob der Artikel zu sinnvollen Vorschlägen führe und wie man die Arbeit verbessern könne.

Hast Du den Eindruck, daß man sich in NRO-Zusammenhängen zusammensetzt und überlegt, wie man diese Mechanismen überwinden oder vermeiden kann?

Ich habe das Gefühl, daß die Leute jetzt mit einem schlechteren Gewissen herumlaufen. Es gibt häufiger Äußerungen von schlechtem Gewissen, die mehr auf einer witzigen Ebene `rüberkommen. Ich weiß nicht, ob so etwas eine Verbesserung oder eine Veränderung der Beziehungen bringt. Es gibt Ansätze, daß NRO versucht haben, Volksorganisationen einzuladen, um über das Verhältnis NRO/Volksorganisationen zu reden, aber die Volksorganisationen sind nicht gekommen. Sie haben mehr oder weniger kein Interesse daran, weil sie eben sagen, wer lädt eigentlich wen ein? Man kann allerdings feststellen, daß die verschiedenen Artikel, die geschrieben wurden und die Interviews von Wilson Campos u. a., in vielen Ländern dazu geführt haben, daß die bestehenden Spannungen jetzt offen diskutiert werden, und das ist ja schon eine positive Entwicklung.

Im Grunde ist es doch überraschend, daß so ein wichtiges Problemfeld so wenig öffentlich erörtert wird, zumal es viele NRO-Zusammenschlüsse und Foren gibt, die sich dafür anbieten würden. Wieso tut man sich so schwer damit - sowohl im Süden wie im Norden - an dem Thema zu arbeiten?

Ich glaube, weil die NRO im Moment auf einer anderen Ebene und an anderen Themen diskutieren, z.B. das berühmte Thema der "Incindencia", also der Lobby-Arbeit. Sie verstehen sich jetzt als Sektor der Zivilgesellschaft, der gute Beziehungen zum Ausland hat und versuchen will, als NRO-Sektor in die Frage der internationalen, der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung, der internationalen Beziehungen usw. `reinzukommen. Ich habe das Gefühl, daß die NRO, die sich zusammenschließen, ihren Blick eher in diese Richtung lenken: Wir müssen jetzt einmal die weltwirtschaftlichen Bedingungen angehen, wir dürfen nicht mehr länger nur im kleinen unsere Beziehungen zu den einzelnen Basisgruppen an dem und dem Ort verbessern, sondern müssen jetzt unser Selbstverständnis neu bestimmen. Wir machen immer nur Mikro-Projekte, wir müssen jetzt an Makro-Projekte denken, nationale Projekte, alternative Projekte ausarbeiten. Die Tendenz der NRO ist gegenwärtig eher nach oben gerichtet und nicht nach unten. Das kann zu Konflikten führen bzw. führt auch schon zu Konflikten.

Wenn die NRO ihr Aufgabenfeld tendenziell weniger in der Basisarbeit als verstärkt in der entwicklungspolitischen Lobbyarbeit sehen, könnte man natürlich auch die Frage stellen, was kommt nach den NRO, wenn sie sich _ ebenso wie traditionelle Interessenvertretungsorgane, wie Parteien oder Gewerkschaften - weiter von der Basis entfernen und von den Volksorganisationen mit zunehmendem Mißtrauen betrachtet werden?

Diese Frage ist durchaus berechtigt. Man sieht auch schon bei einigen Hilfswerken - nicht bei allen -, daß sie unzufrieden werden mit der NRO-Kultur, mit dem NRO-Umfeld, mit den Apparaten, die da aufgebaut werden, und daß sie jetzt sozusagen wieder neue Subjekte außerhalb der NRO suchen, etwa darauf orientieren, z.B. direkt mit Bauernorganisationen zusammenzuarbeiten.

Was spricht gegen eine direkte Unterstützung von Basisorganisationen, bzw. was sind die Vor- und Nachteile?

Meine Erfahrung ist, daß z.B. direkt mit Bauernorganisationen zu arbeiten manchmal noch schwieriger ist, als mit NRO. Die Bauernorganisationen haben traditionell mit sehr wenig Geld gearbeitet und kommen mit der Geldverwaltung in enorme Schwierigkeiten. Ein Bauer kann es irgendwie noch verzeihen, wenn ein städtischer Intellektueller seinen festen Lohn bekommt. Wenn aber sein eigener dirigente campesino (Bauernführer) jetzt plötzlich 500$ im Monat verdient oder mit einem Auto durch die Gegend fährt, kommt es schnell zu beträchtlichen Spannungen innerhalb der Organisation. Wenn Bauernorganisationen sich spalten, geht es fast immer um Geld von außen - wobei ich nicht weiß, ob das immer der Grund oder mitunter nur der Vorwand ist. Bei einer direkten Unterstützung von Bauernorganisationen fürchte ich, daß wir zu diesen Spaltungen beitragen. Es ist aus der Sicht konservativer, US-finanzierter Organisationen wie der Inter-American-Foundation nicht ungeschickt, und es wird auch praktiziert, Bauernorganisationen direkt mit viel Geld zu finanzieren, um sie irgendwann einmal zu spalten.

Ich habe schon öfter - etwas zynisch - gesagt, es ist besser, das Geld einer NRO zu geben, denn wenn die wegen zu viel Geld kaputt geht, dann ist das nicht so schlimm, wie wenn eine Basisorganisation wegen Streitigkeiten über Hilfsgelder auseinanderbricht.

Ob eine Bauernorganisation wegen der ausländischen Hilfsgelder Probleme bekommt, hängt natürlich maßgeblich davon ab, wieviel Geld dahin fließt. Sind es nicht die Strukturen der hiesigen Hilfswerke, die bestimmte Projektgrößen im Süden erforderlich machen, weil die Hilfswerke kleinere Projekte gar nicht so einfach verwalten können?

Das ist sicher richtig. Diese Mengen an Geldern, die die großen Hilfswerke umsetzen, könnten sie im selben Zeitraum nicht umsetzen, wenn sie sie in 5000-Dollar-Projekten splitten müßten; das ginge gar nicht.

Im Grunde haben wir zwei Dynamiken, die sich miteinander vermischen. Auf der einen Seite gibt es den Ansatz, Bewußtseinsbildung und Basisorganisation zu fördern, der von der intellektuellen Linken her kommt. Auf der anderen Seite arbeiten die meisten Hilfswerke mit staatlichen Geldern, ausgehend von der Idee, daß NRO staatliche Entwicklungshilfegelder, die nun mal da sind, sinnvoller und basisnäher ausgeben können. Das ist eine Spannung, die wir immer wieder spüren. Die institutionellen Zieldefinitionen eines europäischen Hilfswerks sind ja, Armut zu lindern, bestimmte soziale Dienstleistungen anzubieten, bestimmte produktive Projekte zu fördern, die dann die Armut verringern sollen. Dagegen kommt von seiten der kritischen Intellektuellen, die einen beträchtlichen Teil der MitarbeiterInnen der Hilfswerke stellen, der Anspruch, das solle eben durch die Organisation der Bevölkerung geschehen. Außerdem müsse auch politisch-strukturell etwas verändert werden. Die beiden Ansprüche kommen in der Arbeit eines Hilfswerks zusammen. Und daher kommt auch das Phänomen der Überfinanzierung. Es würde manchmal reichen, einer Bauernorganisation mit 20 000 DM zu helfen, aber es steht einfach mehr Geld zur Verfügung, das ausgegeben werden muß.

Wäre es denn eine Alternative, größere Fonds in den Süden zu transferieren und dort Verteilungsmechanismen zu schaffen?

Ich halte das für schwierig, weil sich im Grunde diese Patron-Klientel-Beziehung dann auf einer anderen Ebene reproduziert. Man könnte es natürlich eine Stufe `runterverlegen, indem man solche Fonds, etwa in Zentralamerika, hätte, aber damit hätte man das grundsätzliche Problem nicht gelöst. Je näher das Verteilungsgremium am Empfänger ist, desto eher spielen auch persönliche Beziehungen eine Rolle, die eine klientelistische Beziehung definieren. Insofern ist es ist noch relativ unpersönlicher, wenn hier in Deutschland jemand sitzt und über Projekte entscheidet. Anders ist es, wenn es Leute vor Ort sind, die täglichen Umgang mit denen haben, über die sie zu entscheiden haben. Da ist die Wahrscheinlichkeit, daß solche Patron-Klientel-Beziehungen entstehen, viel größer.

Noch einmal zurück zur Frage der Lobbyarbeit, die für viele NRO zu einem neuen Schwerpunkt wird. Lobbyarbeit macht nur, wer die Interessen bestimmter sozialer und wirtschaftlicher Subjekte vertreten will. Als Vertreter wessen Interessen definieren sich die NRO?

Was man immer wieder findet, ist dieser Begriff "Zivilgesellschaft". Hier in Deutschland wird doch auch darüber diskutiert...

...diskutiert nicht, rumhantiert wird damit...

...ja, das habe ich auch mitbekommen, daß es unterschiedlich ist, daß ihn einige von Gramsci herleiten und andere von irgendwelchen US-amerikanischen positivistischen Soziologen. Es ist also nicht sehr klar, woher der Begriff kommt und was damit gemeint ist. Bei den NRO herrscht das Modell vor, daß es in der von ihnen so bezeichneten Zivilgesellschaft ganz unterschiedliche Sektoren gibt: die Gewerkschaften, die Kirchen, die Bauernorganisationen, die Unternehmer und eben auch die NRO, die alle mehr oder weniger auf gleicher Ebene nebeneinanderstehen, aber alle sozusagen eine Gemeinsamkeit haben, nämlich nicht-staatlich zu sein und die Zivilgesellschaft zu repräsentieren.

Wenngleich sie - wie Du eben gesagt hast - zu einem großen Teil durch staatliche Gelder finanziert werden.

Ich habe bisher noch nicht mitbekommen, daß das in dieser Szene als Widerspruch gesehen wird.

Ist das nicht ein guter Beitrag zur neoliberalen Entstaatlichung?

Das kommt darauf an, wie man es strategisch angeht. Das Interesse, daß die NRO im Rahmen der Entstaatlichungspolitik benutzt werden sollen, ist ganz eindeutig. Es gibt z.B. ganz klare Interessen der Weltbank, NRO zu NRO-Netzwerken zusammenzufassen, um dann über diese Netzwerke Gelder zu leiten und den Staat zu schwächen. Andererseits finde ich, daß es auch eine akzeptierte und sinnvolle Politikform ist, nicht nur zu versuchen, den Staat zu verändern, sondern auf der Ebene der sozialen Beziehungen - unabhängig vom Staat - schon gesellschaftliche Änderungen zu erzeugen.

Wenn sich die NRO auf die Strategien der Weltbank einlassen oder auch mit anderen Geldern klassische staatliche Aufgaben wahrnehmen, betreiben sie doch nichts anderes als soziale Kompensation, die eigentlich nur im Sinne hat, zu pazifizieren.

Die Strategie, die bei NRO, etwa im Fall El Salvadors, dahinter steht, ist das Konzept des ökonomischen Volkssektors. In Nicaragua gibt es ensprechend den APT, den Arbeiterselbstverwaltungssektor, das heißt die Idee, daß man einen Wirtschaftssektor aufbaut, der selbstverwaltet und unter sich vernetzt ist. Ich glaube, die meisten NRO sehen auch, daß das nicht ohne Forderungen an den Staat umzusetzen ist. Die NRO und Volksorganisationen, die die Strategie eines ökonomischen Volkssektors vertreten, haben oft die Vorstellung, sie könnten die Weltbank für ihre Strategie einspannen, wenn sie im Rahmen der entsprechenden Programme Gelder bei der Weltbank beantragen. Da stellt sich natürlich die Frage, wer wen benutzt.

Das Verhältnis zu den sozialen Abfederungsprogrammen der Weltbank und anderer internationaler Organisationen ist ein vieldiskutiertes Thema unter den NRO in Lateinamerika. Welche Positionen werden in dieser Debatte vertreten? Ist die Tendenz eher, darauf zuzugehen und zu versuchen, bestimmte eigene Vorstellungen einzubringen? Oder ist die Tendenz eher zu sagen: Wir lassen uns für diese Armutsverwaltungskonzepte nicht instrumentalisieren?

Ich glaube, daß die meisten NRO dazu eine ambivalente Haltung haben. Auf der einen Seite sagen sie schon, wir wollen uns nicht instrumentalisieren lassen. Andererseits winkt das Geld bzw. drohen Nachteile, wenn sie das Geld nicht annehmen. Ein Beispiel: Die Regierung von Honduras sagt, wir wollen mit Mitteln internationaler Finanzinstitutionen im Dorf XY eine Schule errichten und bietet den verschiedenen NRO an, sich zu bewerben, diese Schule zu bauen. Da sagt natürlich eine fortschrittliche NRO, besser wir steigen da ein, als irgendjemand anderes. Dann können wir vielleicht noch andere Sachen einbringen. Wenn sie das Geld nicht annehmen, dann wird die Schule auch aufgebaut, aber eben von rechten Organisationen wie "World Vision". Ich glaube, die NRO haben das Gefühl, daß sie sich nicht völlig `raushalten können.

Es gab verschiedentlich schon Begegnungen zwischen Weltbank und NRO. Die Weltbank ist da sehr offensiv und lädt NRO ein, um über gemeinsame mögliche Strategien zu beraten. Wie muß man sich das vorstellen?

Ich war bei einem dieser Treffen dabei. Es lief dort sehr konfliktiv. Und zwar, weil die Weltbank die NRO wirklich für dumm verkauft hat. Sie hat NRO ganz verschiedener Art und Ausrichtung einfach gemischt und in dem Topf NRO zusammengerührt. Das reichte von ganz konservativen Organisationen, zum Beispiel von Unternehmerverbänden, bis hin zu unabhängigen progressiven Organisationen. Das hat bereits zu ziemlichen Schwierigkeiten geführt. Dann haben die Vertreter der Weltbank so getan, als ob die NRO noch nie etwas von Planung und Administration gehört hätten, und wollten denen erst einmal beibringen, wie man ein Projekt plant... und das bei NRO, die schon seit zwanzig oder dreißig Jahren arbeiten und ihre eigenen Strukturen, Methoden usw. entwickelt haben. Das war ausgesprochen peinlich. Ich hatte mich gefragt, wieso die eher progressiv ausgerichteten NRO daran teilgenommen haben. Es war wohl letzlich eine politische Entscheidung, der Weltbank nicht aus dem Weg zu gehen, sondern mit ihr zu diskutieren und das Feld nicht den GONGOS (Governmental Organized NGOs) zu überlassen. Aber ich halte das für schwierig, wenn es den NRO nicht gelingt, auch organisiert Alternativen zu schaffen. Sonst geht es letzten Endes nur darum, daß einzelne NRO versuchen, an dem Kuchen zu partizipieren.

Also herrscht ein fürchterlicher Pragmatismus vor?

Unter einigen, ich würde nicht sagen, unter allen. Es gibt schon eine ganze Menge NRO, die sich weigern, an solchen Programmen teilzunehmen. Aber ich habe den Eindruck, daß die Wortführer der größeren NRO, die auch in diesen Netzwerken sind, versuchen, irgendwie darauf zuzugehen und zu sehen, wie sie eine Verhandlungsposition aufbauen können.

Zu einem anderen Thema im Verhältnis von Süd- und Nord-NRO: Inwieweit bestimmen die sogenannten Moden, d.h. Themen, die bei den Hilfswerken gerade Konjunktur haben - also Frauenförderung, Ökologie, angepaßte Technologie usw. - die Konzepte der Süd-NRO? Inwieweit sind die Süd-NRO gezwungen, darauf einzugehen, wenn sie weiter eine Finanzierung bekommen wollen?

Ich habe mit dem Begriff "Moden" Schwierigkeiten. Das hört sich für mich so ähnlich an wie die Frage, ob Menschenrechte universell sind, ob etwa Menschenrechte auch in islamischen Ländern gelten. Daß die besondere Rolle der Frau bei Projekten gesehen wird oder daß Projekte nicht die Umwelt zerstören sollen, halte ich nicht für eine Mode, die aus Europa kommt, sondern das sind einfach - wie die Menschenrechte - universell gültige Ansprüche an jede Art von Zusammenleben und auch an Projekte. Man kann natürlich fragen, ob das universell gültige Werte sind, oder ob das unsere europäische Kultur ist, die da `reinkommt.

Führen aber die Strukturen der Zusammenarbeit nicht dazu, daß solche Aspekte lediglich aus Opportunitätsgründen in die Finanzierungsanträge hineinformuliert werden?

Und entsprechend geht es dann immer schief. Das wird von den Hilfswerken oft so schematisch eingebracht, daß es sich auch entsprechend schematisch und opportunistisch in den Projektanträgen widerspiegelt.

Ganz zustimmen kann ich Deiner Antwort hinsichtlich der Moden noch nicht. Die Frage ist nicht nur, ob es bestimmte "universale" Konzepte gibt, sondern wo und wann diese Kriterien diskutiert und festgelegt werden. Im Sinne universeller Gültigkeit war es auch vor 20 Jahren falsch, daß die Rolle der Frauen bei Projekten nicht gesehen wurde oder die ökologischen Folgen von Projekten nicht beachtet wurden, aber damals war das hier noch niemandem aufgefallen. Heute muß es ein Frauen- oder Ökologie-Projekt (oder was sonst hier gerade als relevant diskutiert wird) sein, wenn eine Süd-NRO an Geld kommen will, auch wenn es in ihrer Projektkonzeption eigentlich nicht so vorgesehen ist.

Die Idee ist nicht, daß man es so schematisch macht, wie Ihr es jetzt darstellt. Das hat man schon eingesehen. Ich weiß nicht, ob bei allen, aber doch bei vielen Hilfswerken. Wir haben z.B. diskutiert, daß man bei den Langzeit-Partnern nicht einfach hingehen und sagen kann, wir hören jetzt mit der Zusammenarbeit auf, weil ihr in den Führungsebenen eurer Organisation nicht genügend Frauen habt. Das ist ja in unseren eigenen Organisatioen auch nicht besser. Die Idee ist vielmehr, daß man weiter zusammenarbeitet, aber anfängt, das Thema anzusprechen, daß man nachfragt, wieviele Frauen auf welchen Ebenen arbeiten. Oder ob die Partner schon überlegt haben, welche Auswirkungen ein Projekt auf die Ökologie hat. Der Anspruch ist bei den bewußteren Hilfswerken schon, daß man es nicht mit dem Holzhammer durchsetzt, sondern daß man das Thema erstmal in die Diskussion bringt. Aber in der Vergangenheit hat es das tatsächlich oft gegeben, daß Leute eher mit dem Holzhammer aufgetreten sind.

Wir danken Dir für dieses Gespräch.

Das Gespräch mit Alois Möller führten Gert Eisenbürger, Eduard Fritsch, Peter Grohmann und Claudia Koch.
Ein Interview mit Alois Möller über NRO, Basisbewegungen und Klientelismus
Erschienen in: Info-Blatt 48 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2000

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